Bis zur Erschöpfung

vor 2 Monaten

Als Maren Ades Film Toni Erdmann mit Sandra Hüller in der Hauptrolle bei den Filmfestspielen von Cannes Premiere feierte, gab es Szenenapplaus, nach dem Screening 15 Minuten lang standing ovations. Sowas habe sie noch nicht erlebt, sagt Hüller. An Anerkennung mangelt es der 1978 in Suhl in Thüringen geborenen Schauspielerin hierzulande allerdings nicht. 2006 gewann sie auf der Berlinale für die Rolle der in Requiem zu Tode exorzierten Michaela Klingler den Silbernen Bären, 2010 wurde sie von der Zeitschrift Theater Heute zur Schauspielerin des Jahres gewählt, 2014 folgte der Deutsche Filmpreis für Finsterworld. Sie spiele halt gerne, sagt Hüller. Ohne den Beruf wäre es aber auch ganz schön. Ein Gespräch über das Showbizz, Arbeit bis zur Erschöpfung und die Stille vor dem Trampolin.

Das deutsche Filmbusiness kann so dröge und unglamourös sein wie ein Gang aufs Finanzamt. Ihr wart mit Toni Erdmann in Cannes. Ist es dort anders?
(überlegt einen Moment): Ich mag solche Vergleiche nicht so gerne. Die Deutschen haben halt nicht dieses Showbewusstsein und können nicht so gut Chichi. Das finde ich aber eher charmant. Andererseits war die Organisation schon auf dem roten Teppich komplett durchgetaktet. Was toll war, du wurdest nie alleine gelassen. Cannes war dementsprechend gar nicht so irrend, sondern sehr praktisch.

Beim Screening soll es erst Szenenapplaus und danach 15 Minuten standing ovations gegeben haben. Wie hast du das empfunden? Einen so lang dauernden Applaus hatte ich bisher weder im Kino noch am Theater erlebt – das war wirklich sehr beeindruckend. So ein bisschen gehört es in Cannes aber wohl dazu. Wir waren nicht die Einzigen, denen das zuteil wurde.

Berührt Toni Erdmann so sehr, weil der Film menschliche Fehler offen zur Schau stellt?
Was Marens (Maren Ade, Anm. der Redaktion) Filme verbindet, ist dieses Gefühl beim Zuschauer, in seinen eigenen Peinlichkeiten und Unzulänglichkeiten ertappt zu werden. Das kann irrsinnig schmerzhaft sein. Ich empfinde ihre Filme wirklich als gnadenlos, weil sie nichts beschönigen. Gleichzeitig ist man erlöst von seinem eigenen Scheitern und merkt: Das geht allen so. Vielleicht berührt Toni Erdmann und bringt uns einander als Menschen näher.

Es scheint in unserer Gesellschaft generell schwieriger geworden zu sein, Schwäche zeigen zu dürfen. Für dich als Schauspielerin ist dieser Konflikt sicher vertraut. Im Film wie auf der Bühne sollst du dich entblößen, musst dir aber einen Schutzraum erhalten. Fällt dir das schwer?
Ich habe erst ziemlich spät gelernt, dass es diesen inneren Schutzraum überhaupt gibt. Während des Spiels ist es unmöglich, da kann mich nur der Regisseur beschützen. Deswegen ist das auch so gefährlich intensiv zu arbeiten. Es fällt mir schwer, mich derart zu öffnen, aber trotzdem in der wirklichen Welt beschützt zu sein. Ganz ehrlich: Wie das in der Öffentlichkeit funktioniert, weiß ich immer noch nicht. Deshalb versuche ich, die Öffentlichkeit eher zu meiden.

In Toni Erdmann spielst du Ines, eine Frau, die nach außen sehr hart sein und zeigen muss, was für eine erfolgreiche Geschäftsfrau sie ist, innerlich aber unter einem wahnsinnigen Druck steht. Dieser Druck löst sich schließlich zum Ende des Films. Eine Entwicklung findet statt.
Das mag eine richtige Beobachtung sein, war aber so nicht angelegt. Wir haben über die Psychologie von Ines überhaupt nicht gesprochen. Der Weg, den sie geht, ist von Maren entschieden worden. Es gab verschiedene Varianten, auch solche, in der überhaupt keine Entwicklung stattgefunden hat. Ich habe mich einfach als Material zur Verfügung gestellt. Das meine ich überhaupt nicht kokett. Maren hat diese Varianten von uns gewollt und auch bekommen. Ines’ Entwicklung ist mir selber schleierhaft.

Ines arbeitet für eine Beraterfirma à la McKinsey in Rumänien und soll einem Unternehmen helfen, Arbeiter im großen Stil rauszuschmeißen. Hast du mit Maren Ade darüber gesprochen, was solch ein Job, was solch ein Prozess überhaupt bedeutet, was er mit den Menschen macht?
Klar ging es auch darum, aber das wurde überhaupt nicht moralisiert. Der Film zeigt die Zusammenhänge, die Verantwortung, in der man steht. Aber natürlich auch, dass Ines nicht diejenige ist, die am Ende über Wohl und Wehe der Angestellten entscheidet. Es ist halt ihr Job. Wollte sie das nicht, müsste sie etwas anderes machen. Meine persönliche Haltung dazu ist eh eine andere.

Wie kann man sich die Arbeit mit Maren Ade vorstellen?
Es fing mit dem Casting an, da war das Buch eigentlich schon fertig. Wir hatten uns jeweils einen Tag lang in einer gemieteten Wohnung in Berlin mit anderen Kandidaten getroffen. Dort haben wir noch keine Szenen aus dem Film gespielt, trotzdem hat Maren dieses Material gesichtet und genutzt. Sie benutzt alles, was sie kriegt von den Leuten. Das spürt man auch von Anfang an. Und dann beginnen die Proben, das waren circa drei Wochen. Auch das wird gesichtet. Die Szenen sind sehr kompliziert, weder eindeutig zu spielen noch spielerisch zu lösen. Maren arbeitet ja mit einer Art Schichtsystem.

Was bedeutet das?
Sie schichtet Emotionen und Situationen aufeinander. Beim Drehen sind es im Schnitt vielleicht 30 bis 40 Takes, und dabei passieren Dinge, die man als Schauspielerin nicht mehr steuern kann. Ich hatte es mir nicht vorgenommen – und sie hat es auch nicht von mir verlangt –, aber über die Dauer des Spielens stellt sich eine Art von Normalität oder auch Abgeschliffenheit in den Dialogen ein. Das Verhältnis zwischen den Schauspielern wird immer privater, immer näher und enger. Das ist ziemlich spannend, aber auch irrsinnig anstrengend. Ich habe sehr genossen, wie genau Maren beim Inszenieren ist. Aber irgendwann sind wir alle, das gesamte Team, an Grenzen gestoßen.

Du sagst, du stellt dich als Material zur Verfügung. Was bedeutet das: Kommt man in einen Zustand, in dem man aufhört zu denken und nur noch ist?
Nein. Stell’ dir vor, du hättest 20 Varianten einer Szene komplett durchgespielt und bewusst dein Spiel justiert und an die Wünsche der Regie angepasst. Dann passieren irgendwann Dinge, die nicht mehr steuerbar sind. Irgendwann ist man auch einfach müde, kann nichts mehr aufwenden, kann nichts mehr machen.

Wenn man ein Wort oftmals wiederholt …
… dann wird es leer …

… aber man beginnt es auch neu zu sehen. Verlieren Worte und Dialoge in diesem Prozess zeitweise an Bedeutung und erlangen einen neuen Sinn?
Ja, ihre Bedeutungen werden dann regel- recht umgeschrieben.

 

Ist diese Art der Stoffentwicklung der Arbeit am Theater verwandt?
Das stimmt schon, aber die Begrenzung am Theater ist eine ganz andere. Am Set von Maren, bei diesen Arbeitszeiten, war es eine echte Extremsituation. Vielleicht generell beim Film, weil er so grenzenlos ist.

Gab es bei dir eigentlich diesen Moment als Kind, an dem du plötzlich wusstest, ich möchte jetzt Schauspielerin sein?
Der erste Moment, an den ich mich wirklich bewusst erinnern kann, war tatsächlich im Kindergarten. Wir spielten Schneewittchen und die sieben Zwerge. Ich war ein Zwerg, zu Tode beleidigt und habe gedacht, eines Tages bin ich das Schneewittchen!

Du wolltest gleich von Anfang an die Hauptrolle spielen?
Sicher wollte ich das! Aber damals habe ich natürlich noch nicht an Theater oder Film gedacht. Das war eher ein persönliches Beleidigtsein, dass dieselben Leute, die so- wieso immer gewonnen haben, das Schnee-wittchen spielen durften. In der Schule hatte ich das Glück, dass meine Deutsch- und Englischlehrerin einen Theaterkurs ins Leben gerufen hatte. Ich hatte keine Hobbys, war in nichts besonders gut, habe aber immer viel gelesen. Also dachte ich mir, den Kurs versuche ich jetzt einfach mal. Ich kannte mich ja mit Texten, Figuren und Fantasiewelten aus. Das Spielen ging super und hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe gleich Anerkennung dafür bekommen. Ab dann war dieser Weg für mich gesetzt.

Geht es dir öfter so, dass die Welt der Fantasie, des Theaters und der Bücher dir, wenn nicht besser, dann aber doch vertrauter erscheint als jene Welt, in die man tritt, wenn man durch die Haustür herausgeht?
Nein, aber natürlich ist sie überschaubarer. Eine Geschichte hat immer einen Anfang und ein Ende, das Leben nicht. Das kann beängstigend sein. Undurchschaubar, das Chaos. Ich finde das Leben wirklich sehr kompliziert. Daher ist die andere Welt eine Insel, darum gefällt mir der Beruf auch so. Aber ich würde auch gerne ohne ihn auskommen können. Schauspiel ist halt, was ich gelernt habe. Ich bin bald 40 und zu alt dafür, nochmal etwas Neues anzufangen.

Bist du gerne alleine?
Ja, das finde ich ganz wichtig. Ich mag es aber auch, den Kindern beim Springen auf dem Trampolin zuzuschauen, mit dem Nachbarshund rauszugehen …

Was waren die Rollen, mit denen du groß geworden bist, bei denen du gedacht hast, endlich bin ich Schneewittchen?
(Lacht) Das habe ich noch nie jemanden erzählt … das erste Mal in Heiner Müllers Zement, die Dascha. Ich bin schon sehr jung, mit 18 Jahren, auf die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch gekommen und wurde zunächst immer als Mädchen besetzt. Dascha war die erste erwachsene Frau, die ich spielen durfte. Das hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt. Sie ist sehr ambivalent, aber ich mochte immer, dass ihre Liebe nie aufhört. Viele halten Dascha für sehr hart, das glaube ich aber nicht. Ich finde sie klar, sie macht, was gemacht werden muss. Und sie liebt ja ihren Mann. Das fand ich immer das Wichtigste.

Zement erzählt auch von dem Verlust einer großen Utopie, von einer Welt, die aufhört, zu sein. Konntest du diesen Verlust nachvollziehen? Du bist ja in Suhl – in Thüringen – geboren.

Ich war elf Jahre alt, als die Wende kam. Sieben Jahre später hatte ich das noch nicht verarbeitet. Aber natürlich hatte ich es erlebt. Ein System, in dem man aufwächst, in dem man die Regeln kennt, die man für richtig hält, die die meisten um einen herum für richtig halten – dieses System hört von einem Tag auf den anderen auf, zu existieren. Nichts gilt mehr. Natürlich löst das einen Schock aus. Und natürlich war auch dieses System der DDR, der Sozialismus, von einer Utopie geleitet.

Was bedeutet es für dich heute, Künstlerin zu sein?
Ich habe neulich ein ganz tolles Interview mit dem 2006 verstorbenen Komponisten György Ligeti gesehen. Im Rahmen einer Dokumentation über zeitgenössische Komponisten erzählte er, dass er in seiner Karriere immer wieder gefragt wurde, warum und für wen er komponiere. Ligeti antwortete, dass er die Frage gar nicht verstehe. Er mache das weder für sich noch wolle er irgendwem gefallen. Er komponiere einfach gerne. So ist es auch bei mir. Wenn es gut läuft, dann spiele ich einfach gern. Das hat mit meinem Leben nicht viel zu tun.

Interview: Ruben Donsbach
Fotos: Jan Kapitän

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 19

 

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