Breakfast with Tiffany’s

vor 2 Wochen

Lydia Forte könnte die Paris Hilton Englands sein, ist aber viel zu schlau dafür. Zu Besuch bei einer hohen Tochter, die mit Leidenschaft verführt.

Als Kind einer Hoteldynastie-Familie aufzuwachsen, muss herrlich sein. Durch endlose, mit Teppichen ausgelegte Flure rennen, Angestellte auf Trab halten, Swimmingpool so oft man möchte, Cheeseburger mitten in der Nacht. Die Kindheit von Lydia Forte aber, Tochter des englischen Hotel-Moguls Sir Rocco Forte, hat so nicht ausgesehen. Ein einziges Mal habe sie die Vorzüge ihres Geburtsnamens ausgenützt und das sei auch schon zwölf Jahre her. „Ich war mit einer Freundin in Paris, weil wir auf einem 18. Geburtstag eingeladen waren. Mein Vater hatte im Plaza Athénée angerufen, um ein Zimmer für mich zu organisieren. Der Manager im Plaza sollte kurze Zeit später für eines unserer Hotels arbeiten und wollte wohl einen guten Eindruck hinterlassen, also gab er meiner Freundin und mir diese gigantische Suite mit Blick auf den Eiffelturm. Wir sind einfach nur auf dem Bett hoch und runter gesprungen! Ansonsten war mein Vater sehr streng, was das angeht, selbst heute sagt er nein, wenn ich nach einem Discount für das Spa frage.“

Ich treffe Lydia Forte in ihrer Heimatstadt London, im Browns Hotel, eines der elf Häuser, die die Rocco-Forte-Gruppe weltweit besitzt oder mitbesitzt. In Deutschland gehört der Familie das De Rome Hotel in Berlin, die Villa Kennedy in Frankfurt und das Charles Hotel in München. Die 30-Jährige arbeitet seit drei Jahren im Familienunternehmen. Ihr offizieller Titel: Bar and Restaurant Development Manager. In dieser Funktion hat Lydia dem Sophia’s  Restaurant im Charles und dem La Banka im De Rome einen Relaunch verpasst: von den Gläsern auf den Tischen bis zu einer neuen Marketingstrategie. Essen sei ihre größte Leidenschaft, sagt sie. „Deswegen muss ich auch Sport machen, obwohl ich es nicht so mag. Meine Schwester liebt Fitness, aber mir liegt das nicht so.“ Nach der Schule nahm sie sich eine Auszeit und machte drei Monate einen Kochkurs, dann ein Praktikum im familieneigenen Astoria Hotel in Sankt Petersburg, dann arbeitetet sie als Kellnerin in einem Restaurant in London und als Managerin in einem weiteren. 15 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. „Ich wollte ins Restaurant-Business und die Industrie aus jeder Perspektive kennen lernen. Nur so kannst du begreifen, was du Leuten abverlangen kannst.“ Was sie als Kellnerin gelernt hat? „Die meisten Gäste waren toll, aber wenn du mal die schlechte Laune abbekommen hast, oder wenn jemand unhöflich zu dir war, hat das ganz schön ins Herz getroffen. Seitdem bedanke ich mich auch für Kleinigkeiten, das macht einfach einen Unterschied“, erklärt sie mit ihrer sanften Stimme und mit ihrem unaufdringlichen britischem Akzent.

„Die Regel: die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt, gilt bei den Fortes nicht“

Man merkt es schon, die alte Dynastie-Regel, die Otto Fürst von Bismark einst aufstellte – die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt – gilt bei den Fortes nicht. Nach Lord Forte, der das Unternehmen, die Forte Group, in den 40er- und 50er-Jahren aufbaute, machte sein Sohn Rocco die Firma zum Global Player mit einem jährlichen Umsatz von 200 Millionen Euro und Hotels in Shanghai, Sankt Petersburg und Jeddah. Die dritte Generation, die Töcher Lydia und Irene und Sohn Charles, stand zwar nie unter dem Zwang, in das Familien-Business einzusteigen, es kam aber trotzdem dazu. „Wir wurden immer ermutigt, das zu studieren, was wir möchten und am Besten etwas außerhalb des Hotel-Geschäftes“. Lydia studierte Geschichte in Oxford, danach machte sie einen Master in Business Administration.

Alles in allem kann man sagen: Lydia Forte ist das Gegenkonzept von Paris Hilton. Optisch und auch von der Einstellung. Wenn sie ihr eigenes Hotel betritt, tut sie das nicht wie eine Diva, die erwartet, dass man den hingeworfenen Mantel auffängt, sondern auf die britische, zurückhaltende Art. Auch ihr Look ist britisch: sie trägt einen kurzen karierten Tweedrock, einen dunklen Rollkragenpullover und flache Wildleder-Stiefel, die sie später für das Fotoshooting gegen sehr hohe Heels von Auqazzura tauscht (hat sie sich schnell aus dem Shop gegenüber geliehen, was natürlich OK ist, weil man die Hotel-Prinzessin in der ganzen Stadt kennt). Ihre Haare haben den englischen Upperclass-Do, ein Markenzeichen der modernen Sloane Rangerinnen und ein Look, den auch Herzogin Catherine bevorzugt. Lange Zeit hat die britische Boulevardpresse Lydia als Traumfrau für Prinz Harry gesehen und wollte diese Liason unbedingt herbeischreiben. Es hätte so gut gepasst – das wohlerzogene Mädchen aus reichem Hause, gebildet und ohne scheu vor der Aristokratie – zu Lydias Freundinnen gehört zum Beispiel Prinzessin Beatrice. Für Harry ist Lydia aber viel zu erwachsen und fleißig, zu sophisticated und elegant – sie trägt noch nicht mal einen dicken Diamanten an ihrem Finger, sondern zarten Schmuck von Tiffany. Gut also, dass sie für die Ehe einen griechischen Reeder-Erben ausgewählt hat, einen, den sie vor über acht Jahren über Freunde in Oxford kennen lernte. Gerade kommt sie aus den Flitterwochen in Chile.

Beide reisen beruflich viel, Lydia besucht jede Woche eines der Hotels ihrer Familie. Oft tut sie das gemeinsam mit Fulvio Pierangelini, einem der besten Köche Italiens und Creative Director aller Restaurants der Forte Gruppe. In der Toskana hatte Pierangelini ein Restaurant mit zwei Michelin-Sternen, gleich neben dem Haus von Lydias Großmutter, dem Ort, an dem sie vor wenigen Monaten heiratete. Der Koch ist, wie es sich für einen anständigen Koch gehört, ein eher mürrischer Geselle, aber in Lydias Hand wird selbst der Star ganz handzahm (er kochte auch ihr Hochzeitsmenü). „Auch wenn du jung bist, auch wenn du ein Mädchen bist … wenn du deinen Job leidenschaftlich machst und den Leuten zeigst, dass er dir wichtig ist, wird dich niemand unterschätzen.“ Lydia Forte unterschätzen? Das wäre ein großer Fehler.

Text: Violet Kiani
Fotos: Jermaine Francis

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 21.

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