Das trag‘ ich für die Ewigkeit mit Jenny König

vor 8 Monaten

Was aus dieser Welt will man noch im Jenseits bei sich haben, was war das Wertvollste? Für die 29-jährige Schauspielerin Jenny König ganz klar: die Musik. Also hat sie sich ein Mixtape zusammengestellt, eines für die Ewigkeit.

Mit ihrem roten Haar und der Porzellanhaut wirkt sie wie aus einem Rossetti-Gemälde. Seit der Spielzeit 2011/12 gehört Jenny König zum Ensemble der berühmten Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, einem der renommiertesten Theater Europas. Sie spielt mit einer Reife und Power, die Publikum wie Kritiker gleichermaßen elektrisiert. Aktuell brilliert sie als Lady Anne in Thomas Ostermeiers Shakespeare-Inszenierung Richard III. an der Seite von Lars Eidinger und als Ophelia in Hamlet. Jemand, der so gut im Sterben ist und so bewandert in ewigen Stoffen, der muss doch auch einiges über das Jenseits zu sagen haben! Ein Gespräch mit Jenny König über den Tod, die Musik und diese flüchtigen Momente der Erkenntnis.

Für die Rubrik „Das trage ich für die Ewigkeit“ hast Du uns ein Mixtape mit zehn Songs gemacht, die du mit in die Ewigkeit nehmen möchtest. Eine wunderbare Idee.
Ja, das war allerdings sehr schwer. Ich habe geschaut, was andere mit in die Ewigkeit nehmen und festgestellt, dass ich solch einen Gegenstand oder ein Schmuckstück gar nicht besitze, weil ich so etwas immer verliere. Deswegen trage ich auch keinen Schmuck. Aber was mich immer begleitet hat, das ist die Musik. Das fängt mit dem ersten Song auf meinem Mixtape an, mit Radiohead. Es sind Lieder, die ich immer wieder höre, seit über 15 Jahren. Sie tragen meine Erinnerungen.

Die meisten Menschen fürchten sich vor der vermeintlichen Stille nach dem Tod.
Ich glaube nicht an die große Party nach dem Tod. Wenn es vorbei ist, dann ist es vorbei. Rein physikalisch ist man aber ja Energie. Von der geht nichts verloren auf diesem Planeten, sie transformiert sich nur. Für den Fall aber, dass doch Party ist, wäre es natürlich schön, seine irdischen Erinnerungen mitzunehmen oder eine Essenz von dem, was Leben bedeutet hat. Daher das Mixtape.

Verbindest du diese Songs mit besonderen Menschen, denen du begegnet bist?
Sicher. Allerdings fiel es mir wirklich schwer, zehn Songs auszuwählen und zu sagen, was die Kriterien für sie waren. Eben gerade nicht, dass ich diesen oder jenen Künstler musikalisch besonders toll finde. Diese Lieder sind immer mit Emotionen, Erinnerungen, Hoffnungen und auch mit Bildern verknüpft. Sie alle tragen ein Stück von mir.

Stehen sie eher für positive Erinnerungen oder sind sie auch mit negativen Erlebnissen verbunden?
Wenn man die Playlist hört und die Geschichten dazu nicht kennt, kommt sie einem zunächst recht düster vor, glaube ich. Für mich aber bedeuten diese Lieder Leben. Denn das Glück kann es nicht ohne das Leid geben.

Auf deinem Mixtape befinden sich einige klassische Stücke. Klassische Musik hat oft etwas Triumphierendes und gleichzeitig Apokalyptisches – wie der Tod. Empfindest du das ähnlich?
Weder meine Eltern oder Freunde haben mich zur klassischen Musik gebracht. Früher habe ich viel Radio gehört und bin immer bei klassischen Stücken hängengeblieben. Meine Cousine sagte damals, das ginge wieder vorbei. Aber so war es nicht. Ich liebe klassische Musik, gerade weil ich sie nicht richtig beschreiben kann. Isoldes Verklärung aus Tristan und Isolde habe ich neulich dirigiert von Simon Rattle in der Berliner Philharmonie gehört. Es dauert vier Stunden! Man wartet und dann gibt es jenen einen Moment, in dem dir das Herz aufgeht. Da weine ich und bin glücklich, alles zusammen. Es ist wie eine Droge. Wann macht man denn so etwas heute noch, vier Stunden da sitzen und nur der Musik lauschen?

Welche Stücke liebst du noch?
Arvo Pärt, Spiegel im Spiegel. Das Lied habe ich in einem tollen Film von Tom Tykwer kennengelernt, Heaven: Darin spielt Cate Blanchett eine Lehrerin, die einen Drogendealer umbringen will, der das Leben vieler Familien zerstört hat. Sie platziert eine Bombe in einem Mülleimer, doch bei deren Detonation sterben vier Unschuldige, aber nicht der Dealer. Darunter leidet sie. Das Pärt-Stück bedeutet für mich Frieden, aber eben auch Tod. Es wurde während der Beerdigung meiner Tante gespielt. Dadurch hat sich seine Bedeutung nochmal völlig verändert. Ich dachte: Wenn das der Ton des Todes ist, dann ist es schon okay.

War dieses Ereignis deine erste Begegnung mit dem Tod?
Ja. Sie ist sehr früh und tragisch gestorben, mit nur 47 Jahren. Bevor sie gestorben ist, habe ich sie noch einmal in den Arm genommen und ihr gesagt, wie lieb ich sie habe. Da wusste ich noch nicht, dass sie in den nächsten zwei Wochen sterben wird, aber ich musste das sagen. Gerade in meinem Alter denkt man ja lange, man sei unsterblich. Nach dem Tod meiner Tante kam aber eine große Angst in mir auf. Das ging so weit, dass ich meine Freunde nicht mehr umarmen wollte, weil ich dachte, dass sie eines Tages auch sterben werden. Diesen Gedanken habe ich nicht ertragen.

Gehören solche Gedanken zum Erwachsenwerden?
Erwachsen werden kommt erst, wenn deine Eltern sterben. Vorher geht das gar nicht …

Diesen Gedanken möchte ich gar nicht an mich herankommen lassen, die bloße Vorstellung …
Natürlich kann es einem das Genick brechen. Aber Menschen, die ihre Eltern verlieren, strahlen eine Art Weisheit aus. Eine Freundin von mir hat ihre Mutter verloren. Ich habe heute das Gefühl, dass sie etwas ganz Tiefes begriffen hat, etwas, von dem ich mir noch gar keine Vorstellung machen kann. Ich gehe seitdem anders mit meinen eigenen Eltern um, rufe sie öfter an, spreche mit ihnen über andere Dinge. Auch über den Tod. Ich wusste nicht, wie oder wo sie beerdigt werden wollen. Ob sie sich ein bestimmtes Lied zur Trauerfeier wünschen, ob sie möchten, dass ich singe? Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir diese Ebene gefunden haben.

Hat dir das Theaterspielen einen anderen Zugang zum Tod ermöglicht?
Vor einer Weile ist der Freund meines Vaters gestorben. Wir haben lange geredet und dann sagte er: „Jenny, ich habe da ganz andere Gedanken. Erst einmal bist du eine andere Generation, aber vielleicht liegt es auch daran, dass du im Theater bist und dich damit beschäftigen musst.“ Und das muss man wirklich. Bei Richard III. haben wir mit den Erfahrungen und Erinnerungen der Beteiligten gearbeitet. Storytelling nennt sich diese Methode, die Thomas Ostmeier entwickelt hat. Man erzählt sich seine Geschichten und spielt diese nach. Man wird häufig mit dem Tod konfrontiert und es kann unglaublich sein, was das für eine Stimmung im Raum entstehen lässt.

Macht man sich in solch einem Moment emotional ganz nackt?
Natürlich ist es Wahnsinn, sich vorzustellen, dass deine ganze Familie wie in Richard III. ausgerottet wird und man anschließend dem Mörder begegnet. Oder in Hamlet, wenn Hamlet zu Ophelia sagt: „Du sollst dich ins Kloster packen, ich will dich nicht mehr sehen“. In meiner Interpretation der Ophelia ist diese heimlich schwanger von ihm. Und mit eben jenen Sätzen ist ihre ganze Zukunft auf einmal verwirkt: Unverheiratet schwanger zu sein, bedeutet für Ophelia, nicht mehr Teil der akzeptierten Gesellschaft zu sein. Das ist ja völlig fern unserer Lebensrealität. Dachte ich jedenfalls. Diese Form der Ausstoßung war für mich völlig abstrakt. Dann aber hatten wir eine Vorstellung in Teheran: Wir mussten für dieses Gastspiel vieles verändern. Ich musste zum Beispiel mit einem Kopftuch spielen und durfte niemanden berühren …

Eine große Herausforderung, oder?
Aber auch sehr spannend. Als ich die besagte Szene auf der Bühne spielte, hat es mich auf einmal gepackt. Ich begriff zum ersten Mal: Das ist Realität, die Lebensrealität vieler jener Frauen, denen ich hier begegnet bin und die mir ihre Geschichte erzählt haben. Dadurch hat dieser Stoff eine ganz andere Dimension bekommen. In Deutschland begreifen wir die großen Theaterstoffe als tragisch im literarischen Sinne. In Berlin ist es Kunst, aber für viele andere Menschen ist es Realität. Das war ein Schock, eine Offenbarung für mich. Es ist ein Glück, dass wir an der Schaubühne so viele Gastspiele machen können und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Das erweitert den Horizont, das ist der Grund, warum ich Theater machen wollte. Die Welt mit Theater verändern, daran glaube ich nicht mehr, das wird dann immer gleich so moralisch. Das geht nicht. Aber man kann etwas erzählen und damit vielleicht etwas in Bewegung bringen. Das ist ein tolles Gefühl.

Auf deiner Playlist für die Ewigkeit bin ich über den Song aus Sailor Moons Spieluhr gestolpert.
Ich liebe es. Vielleicht habe ich auch dadurch meinen klassischen Einschlag bekommen. Ich war exzessiver Sailor-Moon-Fan. Ich hatte eine Schublade voll mit Zeitschriften, Figuren und Comics. Ich habe die Charaktere auch exzessiv gemalt und alle Episoden mindestens zehn Mal gesehen. Wir waren vier Mädels und haben die Geschichten nachgespielt. Was mich daran so fasziniert hat und was mich heute noch berührt, ist Freundschaft. Die Mädchen opfern sich füreinander, für den größeren Zweck. Ich glaube nicht an Gott. Nicht, seit ich Die Kunst des Liebens von Erich Fromm gelesen habe. Er schreibt: „Leute, ihr betet nur zu Gott, wenn ihr etwas wollt. Aber betet ihr auch, um euch zu bedanken?“ Also glaube ich eher an Freundschaft und an Menschen. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass man füreinander einsteht und seinen Tierinstinkt überwinden kann, das Gesetz des Stärkeren.

Freundschaften scheinen heute existenzieller denn je zu sein. Vielleicht sind sie sogar wichtiger als eine Partnerschaft?
Es hat natürlich damit etwas zu tun, dass wir uns heute viel später binden und Kinder kriegen. Wer ist heute schon mit 21 Jahren verheiratet? Aber ich glaube, dass sich das ändert, wenn man ein Kind bekommt. Du kannst dann nicht mehr am Samstag bis 11 Uhr ins Berghain gehen. Ich bin Einzelkind und sage immer, meine Freunde sind meine Geschwister. Das sind allerdings auch Freundschaften, die seit über zehn Jahren bestehen und ich hoffe, dass ich sie noch lange behalten werde.

Was auch nicht selbstverständlich ist …
Eben, auch bei meinem Beruf. Viele von uns sind Künstler und über ganz Deutschland verstreut, aber wir sechs schaffen es, uns mindestens zwei Mal im Jahr zu sehen.

Können wir einander helfen, besser mit dem Tod klarzukommen?
Wenn ich das wüsste, wäre ich froh. Ich glaube, was auf jeden Fall hilft, ist, darüber zu reden. Gerade wenn jemand aus dem Freundeskreis einen Menschen verliert. Man hat eine Scham und weiß nicht, was man sagen soll. Aber auch das ist okay. Alleine, dass man in diesem Moment zusammen steht und merkt, man ist nicht alleine auf der Welt. Wenn man aber selbst geht, das glaube ich fest, dann geht man alleine. Ich weiß nicht, ob man in diesem Moment eine Erleuchtung hat. Das wäre schon mein Traum. Denn niemand will mit Angst sterben.

Mehr Informationen über bevorstehende Aufführungen findet man unter schaubuehne.de.

Beitrag: Alina Amato

Dieser Artikel erschien in der Fräulein Nr.19

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