Das trag‘ ich für die Ewigkeit: Arwa Damon

vor 3 Monaten

Die Nahost-Korrespondentin im Gespräch über Motivation, Vorbilder und den Ring ihrer Eltern, den sie seit 6 Jahren nicht abgelegt hat.

„Ich war Mitte Zwanzig, als ich das erste Mal nach Bagdad kam. Die Reise dahin war nicht ohne Umwege. Ich hatte nach dem Studium angefangen, für ein türkisches Textilunternehmen in New York zu arbeiten und kam schnell zurecht, weil ich Türkisch und Arabisch fließend spreche. Zu dieser Zeit herrschte Krieg in Afghanistan und im Irak ging es gerade los. Ich beschloss, Kriegsreporterin zu werden, weil ich die Geschichten der Betroffenen in die Welt tragen wollte und ich mich dank meiner arabisch-amerikanischen Abstammung mit beiden Seiten identifizieren konnte. CNN International war meine erste Wahl, aber ich wurde abgelehnt, weil ich keinerlei Erfahrung hatte. Ich fand jedoch ein kleines Produktionsbüro, mit dem ich mehrere Male in den Irak reisen konnte, um als freie Journalistin für verschiedene Medien zu berichten. Ich hatte das Gefühl, dass ich bereit war für CNN, musste mich aber noch beweisen, also fand ich ein libanesisches Unternehmen, das Dixie-Klos nach Bagdad bringen sollte. Angekommen klopfte ich sofort an der Tür von CNN. Das hat sie wohl beeindruckt haben, denn gleich durfte ich meine ersten Beiträge machen.

Meine Kindheit wurde stark von meinen Eltern und dem Umfeld geprägt, in dem meine Schwester und ich aufwuchsen. Wir lebten in der Türkei, dem Libanon und Marokko, weil mein Vater Schulleiter an den amerikanischen Schulen war. 2008 schenkte mein Vater meiner Mutter einen Ring zum dreißigstem Hochzeitsjubiläum, aber er gefiel mir so gut, dass ich ständig nach ihm fragte. Nach einem Monat gab meine Mutter auf und schenkte ihn mir „Dein Vater hat mir schon lange das schönste Geschenk gemacht – unsere Kinder.“ Seitdem trage ich diesen Ring fast permanent, ohne ihn würde ich mich nackt fühlen. Immer wenn ich im Einsatz nervös bin, spiele ich gedankenverloren mit dem Ring. Er hat eine sehr meditative Wirkung auf mich und ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass ich mich von ihm trennen könnte.

Angst und Nervenkitzel habe ich noch nie als Motivation gesehen, vielmehr als ein Kompromiss, den ich eingehen muss, um die Geschichten zu erzählen, die ich der Welt nicht vorenthalten kann. Mir geht es nicht um Adrenalin, meine Einsätze sind keine Abenteuer. Die Wertschätzung und das Ansehen, die mir eine gute Story verschaffen, sind sehr wenig wert. Ich freue mich, aber wir sind lediglich da, um zu berichten. Leider halten auch unsere besten Storys keine Bomben auf.

Ich bin stecke voll in meiner Arbeit, deshalb ist das Entspannen für mich nicht einfach. Entweder ziehe ich mich komplett zurück oder muss ständig unter Leuten sein. Das Abschalten muss ich noch lernen, wenn ich in Beirut oder Istanbul bin. Und im Einsatz ist es eigentlich unmöglich. Der ganze Tag besteht aus Interviews, Recherche und Live-Schaltungen. Wenn du Glück hast, fängt dein Tag um acht Uhr an und endet nachts um eins. Ich bin in der normalen Welt etwas aufgeschmissen. Wenn die Glühbirne in meiner Wohnung durchbrennt, habe ich keine Ahnung, was zu tun ist, aber einen großflächigen Stromausfall im Irak steck ich mit Leichtigkeit weg.

Meine Organisation INARA (International Network for Aid, Relief and Assistance) nimmt eigentlich meine gesamte Freizeit in Anspruch. Ich habe sie ins Leben gerufen, weil mir riesige Lücken der großen Hilfsorganisationen in der Logistik aufgefallen sind. Unser Netzwerk sorgt sich um diese Logistik und wir konnten schon vielen Kindern weiterhelfen, die womöglich in Flüchtlingslagern gestorben wären. Wenn ich mal ein, zwei Tage frei habe, fliege ich immer nach Beirut. Es wurde einfach zu viel, deshalb bin ich jetzt sehr froh, dass wir fähige Mitarbeiter einstellen konnten. Irgendwann möchte ich dem Projekt mehr Zeit widmen, falls es möglich ist. Aber ich könnte die Organisation nie leiten. Ich bin kein Manager und habe keine Ahnung von Geld.

Eines meiner größten Idole war Marie Colvin (die Kriegsreporterin kam 2012 im syrischen Homs in Syrien ums Leben, Anm. d. Red.) Als ich herausfand, dass sie gestorben war, fühlte es sich an, als würde mich jemand würgen. Ich hatte so eine Hochachtung vor dieser Frau, dass ich kaum ein Wort herausbekam, als wir uns die ersten Male begegneten. Sie war die Art von Journalist, der ich immer sein wollte. Kurz bevor sie ums Leben kam, hatten wir gemeinsam das Gebiet verlassen und saßen zugedeckt und schmutzig in einem Lastwagen. Sie sagte: „Wenn die Welt uns zwei große Kriegsreporter jetzt so sehen könnte“, und ich war froh, dass es dunkel war, denn ich bin ziemlich rot geworden vor Stolz, dass eines meiner Idole uns in der gleichen Kategorie sieht.

Info: Bevor Arwa Damon Journalistin wurde, arbeitete sie für ein türkisches Textilunternehmen der Luxusklasse. Sie trägt fast ausschließlich schwarz. In ihrem Reisekoffer sind stets eine Stirnlampe, eine schwarze Nylongesichtsmaske, fingerlose Handschuhe und Trockenshampoo eingepackt.

Protokoll: Adrian Fekete
Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 17

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