Adam Green, der König vom Kotti

vor 8 Monaten

Adam Green steht auf Seelen-Striptease. Was auch daran liegt, dass ihm sein Unbewusstes ständig dazwischenfunkt. Für diese Offenheit lieben ihn seine Fans und begrüßen ihn am 1. Mai 2016 in Berlin fast schon hysterisch. Ein Demo-Rundgang bei bestem Wetter.

Es ist einer der ersten heißen Tage des Sommers. Tausende wälzen sich durch Kreuzberg, Technobässe donnern aus jeder zweiten Bar – ein Partynachmittag. Zwischen Würstchen- und Bierbuden steht Adam Green und blickt etwas skeptisch auf eine der vielen Konzertbühnen, auf der schlecht gealterte Männer Punk spielen. Nicht, dass Revolutionsromantik so gar nicht sein Ding wäre. Aber seine Form des Widerstands ist nicht so totenstarr. Sondern derart verfeinert, dass sie auf den ersten Blick ein wenig putzig daher kommt und ihr subversives Potenzial erst mit der Zeit entfaltet. Sein neuer Film heißt Aladdin. Darin spielt in surrealistischen Pappmaché-Kulissen das Who’s who des (New Yorker) Cool: Neben Green selbst als Aladdin etwa der ikonische Ex-Kinderstar Macaulay Culkin, den Green eine „untergründige Kraft der amerikanischen Alltagskultur“ nennt. Außerdem der berühmte italienische Künstler Francesco Clemente, der Folksänger (und Ex-Freund von Natalie Portman) Devendra Banhart sowie Karley Sciortino vom extrem erfolgreichen Libido-Blog Slutever mit Ableger auf Vogue.com. Ihn hätte die Liebesgeschichte Aladdins interessiert, sagt Green, der Gegensatz von romantischer und materieller Liebe. Herausgekommen ist so etwas wie ein postmaterialistischer, post-post-modernes Kirk-Douglas-Spartakus-Remake unter den Produktionsbedingungen des Internets der Dinge im Zeitalter Edward Snowdens. Die magische Lampe wird zum 3D-Drucker, der böse Sultan unterdrückt via Überwachungstechnik, die Fantasie erlebt einen (letzten?) Triumph über das bloße Kalkül. Love is the answer? Vielleicht. Ein Gespräch über die Leichtigkeit des Seins, Widerstand im Zeitalter von … ja, von was eigentlich?

Fräulein: Adam, kannst Du dich mit dem Anliegen vom 1. Mai, dem deutschen Labour Day, identifizieren?
Adam Green:
Ich kann mich auf jeden Fall mit kollektiven Organisationsformen wie der Occupy-Bewegung identifizieren. Die habe ich auch in meinen aktuellen Film Aladdin reingeschrieben. Sie heißt da allerdings The Magical Americans und protestiert gegen einen Sultan mit einer Technik-Obsession, der die komplette Stadt überwacht und alle, die ihm quer kommen, ins Gefängnis steckt. Das ist doch überall dasselbe: Wir werden alle von den Reichen unterdrückt.

In den USA begeistern sich viele junge Menschen für die links-liberalen Ideen von Bernie Sanders, der selbst nicht mehr der Jüngste ist. Woran liegt das?
Weil er ihnen den Glauben an den Idealismus zurückgibt. Wir brauchen Ideale, um uns die Dinge, die wir tun wollen, überhaupt erst vorstellen zu können. Es ist wahnsinnig wichtig, diesen Geist am Leben zu halten.

Als wir über den 1. Mai gelaufen sind, wollten Dich ständig irgendwelche Leute umarmen. Das geht über die reine Berühmtheit hinaus. Warum berührt Deine Musik die Menschen so?
Ich glaube, sie ist sehr persönlich – fast schon etwas peinlich, weil sie einen nahezu ungefilterten Einblick in meine Seele gibt. Die Menschen respektieren es, wenn man ihnen etwas von seinem Innersten preisgibt, das nicht verändert oder gefiltert wurde, um zu gefallen. Dasselbe gilt übrigens auch für meinen Film Aladdin. Er ist eine Art Seelenlandschaft von mir. Ich glaube eh daran, dass Menschen Landschaften sind. Für Aladdin wollte ich mich völlig entblößen, mein Innen nach Außen stülpen und eben als Film zeigen. Die verschiedenen Charaktere sind Teil meines Unbewussten so wie das Ich, das Es und das Über-Ich. Sie kommen alle miteinander ins Gespräch. Meine Vorgabe an sie war alleine, den Aladdin-Mythos zu reflektieren.

Warum gerade Aladdin?
Weil das eine großartige Liebesgeschichte ist. Es geht um den Gegensatz von wahrer Liebe und dem Streben nach unbegrenztem, materiellen Reichtum. Ich wollte die Geschichte erzählen, wie ich die Liebe in meinem eigenen Leben gefunden habe.

Während des Schreibprozesses hattest du deine Frau Yasmin kennengelernt.
Genau. Yasmin hat dann auch den Film produziert, während sie mit unserer Tochter schwanger war. Das war sehr intensiv. Die Eheversprechen im Film sind diejenigen, die wir beide uns gegeben haben. Das ist alles sehr persönlich, die Geschichte sehr autobiografisch. Lustiger Weise ist nichts im Film real, alles ist handgemacht. Nur die Gefühle, die sind echt.

Man könnte fast sagen, dass sei die Essenz des Kinos.
Ja, aber in einer extremen Version! Als völliges Gegenteil zum Dogma-Manifest von 1995 etwa. Dort ging es sehr strikt um Regeln, um ein realistisches Setting. Wir arbeiten völlig künstlich. Das schien mir notwendig.

Hat deine Frau die Art und Weise verändert, wie du arbeitest?
Auf jeden Fall. Alle meine kommenden Projekte werden Kollaborationen mit ihr sein. Yasmin arbeitet für Google. Sie ist Expertin für geopolitische Strategie. In unseren Gesprächen geht es viel um Technologie. Daher entschied ich mich auch, die magische Lampe zu einem 3D-Drucker zu machen. Der Drucker ist eine Art moderne Version des Versprechens, alle Wünsche quasi aus dem Nichts heraus wahr werden zu lassen.

Könnte man sagen, dass vieles von dem, was einmal Magie genannt wurde, heute angewandte Technologie ist?
Klar. Ich glaube daran, dass wir als Spezies nach und nach all unsere Mythen wahr werden lassen. Wir sagen: Prometheus schuf den Menschen – und erfinden dann Cyborgs. Wir sagen: Wir werden Aliens finden – und es wird passieren. Alles, was wir uns vorstellen können, wird einmal Realität werden. Daran glaube ich fest.

Du hast eben Freudsche Begriffe wie Ich und Es benutzt. Interessiert Dich die Psychoanalyse?
Schon … ich habe wirklich eine sehr direkte Wahrnehmung meines Un- oder Unterbewussten. Es ist mir sehr präsent, ich kann permanent etwas davon erhaschen. Also studiere ich es bis zu einem gewissen Grad. Die Aspekte meines Unbewussten diskutieren und handeln ständig mit- und gegeneinander. Ich stelle mir das wie auf einem Miro-Gemälde vor. Auch darum sage ich: Wir sind alle Landschaften. Ich sehe die Welt wie durch verschiedene Kameras aus verschiedenen Perspektiven. Und alle fünf Sekunden schneidet jemand um.

Klingt anstrengend.
Kann man sagen!

Text: Willy Katz
Fotos: David Fischer
Styling: Sara Teske

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 19

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