Der zarte Hauch der Utopie

vor 1 Monat

Heute, in unseren unruhigen Zeiten, in denen die Zukunft doch so ungewiss scheint wie lange nicht, blickt die Schauspielerin Christiane Paul im Interview zurück auf die Zeit der Bohème Anfang des 20. Jahrhunderts und die politische Wende 1989, die sie als 15-­jährige in der DDR erlebt hat. Fehlt uns die Radikalität dieser Tage, der Wille zur Emanzipation?

Ich warte auf Christiane Paul im Café Einstein-Stammhaus an der Kurfürstenstraße, in einer der schönen Nischen. Sie kommt hineingestürmt, und wir legen sofort los.

Christiane Paul: (hustet)

Ich nehme schon auf. Im Text steht dann, „Christiane Paul hustet“.
(Lacht). So wie die zarten Frauen bei Tschechow, die reihenweise von der Tuberkulose dahingerafft werden.

Dieses Schwindsüchtige, Schwächliche ist ja wieder angesagt.
Dieses Ätherisch-Elfenhafte des 19. Jahrhunderts kommt wieder?

Vielleicht. Viel eher aber wohl diese Untergang-des-Abendlan- des-Stimmung des frühen 20. Jahrhunderts, in der sich spätestens seit der Wahl von Trump alle befinden.
Es ist interessant, dass du das sagst. Jetzt kommen wir da so plötzlich drauf … Diesen Umbruch haben die Menschen ja tatsächlich um 1913 herum empfunden. Die Zeit des Blauen Reiters und Künst- lern wie Otto Dix, der Anbruch der Moderne.

Florian Illies hat über das Jahr 1913 doch ein ganzes Buch geschrieben.
Stimmt. Als ich das gelesen habe, wurde mir klar, die Bohème ist eigentlich tot. Diese ausschweifende Art und Weise, in der die Künstler damals gelebt haben. Illies beschreibt doch so toll, wie Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler praktisch wie Penner durch die Straßen gezogen sind, dabei aber respektiert und durchgefüttert wurden.

Das hatte eine große Radikalität.
Eine totale Radikalität, ja! Sicher gab es damals auch schon Opportunismus in der Kunst, nicht aber die- se hemmungslose Unterwerfung gegenüber der Industrie.

Du denkst an den Kunstmarkt?
An die bildende Kunst ja, aber natürlich auch an den Film. Als ich 1913 las, dachte ich wirklich, heute ist man viel mehr Teil des Systems. Vielleicht kommt das auch einfach mit dem Älter-Werden. Aber diese Welt des alten Hollywood zur Zeit von Luise Brooks, wo in den drehfreien Phasen, zum Teil von den großen Studios unterstützt, Alkohol und Kokain in großen Mengen konsumiert wurden, und dann gings eben weiter, diese Zeit ist natürlich vorbei. Heute muss man mehr funktionieren.

Sonst bist du ganz schnell weg vom Fenster?
Ich glaube, ja. Der Druck, der auf jedem Einzelnen lastet, vor und hinter der Kamera, ist so viel mehr geworden. Trotzdem entstehen natürlich noch gute Filme. Ich denke aber, dass es der Kunst heute extrem schwerfällt, wirklich revolutionär zu sein und, losgelöst von der Industrie und dem Markt, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten – und diese damit weiterzubringen.

»Ich denke, dass es der Kunst heute extrem schwerfällt,
wirklich revolutionär zu sein und, losgelöst von der Industrie und dem Markt,
der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten«

Woran arbeitest du gerade?
Ich fange im Juli an, eine Serie für den Sender Sky zu drehen, die Acht Tage heißt. Sie spielt vor dem Hintergrund eines nahenden Meteoriteneinschlags, der die ganze Welt vernichten könnte.

In den 50er-Jahren, als alle Angst vor dem Atom-Tod hat-ten, gab es viele solche Filme – und auch noch mal Ende der 90er-Jahre. Warum, meinst du, entsteht so eine Serie gerade jetzt?
In der Serie fliehe ich am Anfang mit meiner Familie nach Russland, weil der Einschlag des Kometen in Frankreich erwartet wird. Die Fluchtbewegung geht also nach Osten, alle Wertigkeiten sind aufgehoben. Man sieht, wie korrupt, wie dysfunktional und wenig vorausschauend die Politik handelt. Eine große Hilf- losigkeit macht sich breit. Und in gewisser Weise hat das schon etwas mit unserer Zeit zu tun, mit dem was jetzt grad passiert, auch wenn unsere Generation bisher noch nie mit solchen Extremsituationen konfrontiert worden ist. Wir (hier) mussten noch nie um unser Leben rennen.

Meine Großmutter ist während des Zweiten Weltkriegs als junges Mädchen aus Pommern nach Westen geflohen. Alles, was sie bei sich trug, war ein dünnes, besticktes Unterhemd, welches sie später in einer kleinen Kiste aufbewahrte. Der Stoff war wahnsinnig fragil. Dieses Hemd erinnerte mich immer daran, wie gut es uns eigentlich geht.
Meine Großmutter hat Ähnliches erlebt … Das gerät alles so langsam in Vergessenheit. Die Jüngeren, also die Generation meiner Tochter etwa, können sich kaum vorstellen, dass unser Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Ich glaube, wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Etwas endet gerade. Und ich habe Angst, vor dem, was kommt. Dann wiederum denke ich, die Generation unserer Groß- mütter hat zwei Weltkriege erlebt und trotzdem Kinder bekommen. Und das macht mir Hoffnung. Und vielleicht wird eben unsere nachfol- gende Generation die kommenden großen Probleme lösen.

Du hast in deiner Biografie auch eine historische Wende erlebt: das Ende der DDR.
Ja, das Ende des Kommunismus, das Wegbrechen der Sowjetunion als Bezugspunkt.

Wie hast du die Zeit damals wahrgenommen?
Ich habe besonders noch die Zeit vor dem 9. November 1989 in Erinnerung.

Die Zeit des demokratischen Aufbruchs.
Genau. Ich war damals 15 Jahre alt und hatte viele Freunde in der Jungen Gemeinde, einer Jugendgruppe innerhalb der evangelischen Kirche der DDR. War aber auch darüber hinaus politisch organisiert und engagiert. Das ist ja das Alter, in dem man anfängt, über Gerechtigkeit nachzudenken und die Dinge infrage zu stellen. Obwohl ich im System verankert war und auch daran geglaubt habe, war ich damals sehr kritisch. Gorbatschow war zwei Jahre im Amt, das Tauwetter hatte begonnen. Wir Jungen haben diese Welle voll abbekommen und merkten, dass sich etwas ändern muss! Anfang Oktober 1989 herrschte in Berlin eine ganz merkwürdige Stimmung. Es gab Mahnwachen, vor dem Staatsratsgebäude sind wir Schüler mit NVA-Soldaten ins Gespräch gekommen und haben diskutiert. In und vor den Kirchen versammelten sich unheimlich viele Menschen, auch Westler kamen dazu. Es war eine revolutionäre Situation, es lag etwas in der Luft. Dieser Aufbruch hat mich damals wahnsinnig glücklich gemacht.

Was waren deine Wünsche und Träume in dieser Zeit?
Dass wir die DDR offener gestalten, die Korruption und die mafiösen Strukturen im Apparat beenden und ehrlich unsere Meinung sagen können. Wir wollten das System konstruktiv verändern. Zusammen mit einer Jugend, die ihr Heimatland liebte. In dieser Zeit war jeder Theaterbesuch eine Revolte, nirgendwo hast du so viel Systemkritik erlebt wie dort.

Etwa bei Heiner Müller.
Ja, am Deutschen Theater, aber auch in der Oper, ganz generell. Das DDR- System hat am 7.Oktober zwar noch einmal versucht, sich aufzubäumen, aber es war zu spät. Am 4.11.1989 gab es dann diese Riesen-Demons- tration in Berlin, auf der Leute wie Christa Wolf und Christoph Hein sprachen. Wir hatten da noch das Gefühl, wir könnten ein neues Land bauen. Bald darauf machte sich aber Ernüchterung breit.

Warum?
Die Ideen, die wir hatten, liefen ins Leere. Die Menschen wollten keinen reformierten Sozialismus, sie wollten die Wiedervereinigung, und das war am Ende sicher auch das Beste. Trotzdem war es gerade für die Generation meiner Eltern nicht leicht. Es gab viele Suizide in dieser Zeit. Das System, an das du geglaubt oder in dem du zumindest gelebt hast, bricht zusammen, und man sagt dir, alles, was du vorher gemacht und gedacht hast, war falsch. Das war für viele extrem demütigend und hat ganze Existenzen zerstört.

Was haben deine Eltern von deinem Engagement gehalten, gab es da einen Austausch?
Ja, sehr. Meine Eltern waren sehr offen und sehr kritisch.

Dein Vater war Chirurg, deine Mutter Anästhesistin, oder?
Genau. Für die war die Wende aber eher positiv, das Leben in der DDR war für sie nicht leicht.

Weil sie den Mund aufgemacht haben?
Genau. Vor allem mein Vater. Er wurde erst im Westen Professor und hat hier letztlich alles erreichen können, was ihm zuvor verwehrt geblieben ist.

»Wir hatten das Gefühl, wir könnten ein neues Land bauen«

Was erzählst du deinen Kindern von diesem vergangenen Land?
Wir haben das tatsächlich noch gar nicht so oft besprochen. Die hatten das kurz in der Schule … Es ist interessant, dass du das sagst. Ich habe mich als Kind und als Jugendliche in der DDR sehr aufgehoben gefühlt. Manche werden jetzt sicher sagen, ich wurde manipuliert. Das kann natürlich sein. Bestimmt so- gar. Und trotzdem gab es eine Form der Fürsorge und Verantwortung, die heute oftmals fehlt oder zumindest schwächer ausgeprägt ist.

Auch der Westen ist in gewisser Weise untergegangen, ganz sicher die BRD meiner Kindheit.
Genau. Erinnere dich mal an West-Berlin, das war ja das Para- dies! Höre ich immer wieder. Es war die Insel der Glückseligen (lacht).

Ich glaube schon, dass es damals einen größeren Zusammenhalt gab als jetzt. Gerade bei den An- fang-20-Jährigen scheint es diese große Sehnsucht nach …
… einer Gemeinschaft …

… einer Gemeinschaft zu geben, ja. Nach gemeinsamen Erzählungen, vielleicht auch ein wenig nach mehr Nähe oder sogar Menschlichkeit. Auf jeden Fall sind wir alle auf der Suche. Und womöglich findet man in diesen alten Geschichten ja doch einen Anhaltspunkt.
Das ist ganz generell so. Meine Großmutter väterlicherseits kam damals immer in den Ferien zu Besuch und zeigte mir alte Fotos, etwa von meinem Urgroßvater. Der hatte damals einen Friseursalon, war Barbier und hat gleichzeitig Zähne gezogen. Das war der Beginn der Zahnmedizin. Total verrückt. Auch meine Großmutter hat als eine von nur zwei Frauen in den 20er-Jahren in Berlin Zahnmedizin studiert.

Wow.
Ja! Sie hat mir also anhand dieser Fotos ihr Leben und das unserer Familie erzählt. Man braucht diese Geschichten als Kind, um sich eine Identität zu bauen. Da geht mir ein Satz von Ulrich Plenzdorf aus Die neuen Leiden des jungen W. durch den Kopf, in dem es sinngemäß heißt: „Wir werden erst dann anfangen zu sterben, wenn ihr aufhört, an uns zu denken.“ Heute gibt es ganz andere Formen des Erzählens. Medien wie Instagram, in denen sich der Masse völlig an- gepasst wird. Ich mach das ja selbst und verstehe mehr und mehr, was da funktioniert und was nicht. Es ist schon interessant, was die Leute sehen wollen, wonach sie sich sehnen. Ich bin noch mit Begriffen wie Solidarität und Freundschaft aufgewachsen. Davon hört man wirklich nicht mehr viel.

Du bist jetzt 43 Jahre alt. Hast du den Eindruck, dass du dich in den letzten Jahren noch mal verändert hast?
Das hat etwas gedauert, aber ja klar, das merkt man als Frau natürlich. Man wird älter, in allem, nicht nur, wie man aussieht. Und das ist einfach echt nicht leicht. Aber es gibt ja keine Alternative dazu. Nur, um nicht zu altern, jetzt zu sterben, das wäre doch doof. Gleichzeitig habe ich irgendwie zu mir gefunden, vertraue mir mehr als früher in meinem Urteil.

Ist das nicht erst mal ein gutes Gefühl?
Das ist es manchmal. Und trotz- dem such ich immer wieder was, was nicht sicher ist, was ein echtes Wagnis sein kann, sonst wird es schnell sehr, sehr langweilig!

Interview: Ruben Donsbach
Fotos: Thomas Hauser
Styling: Sara Teske
Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 22.

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