Die Füsse im Schlamm, der Kopf in den Sternen

vor 2 Wochen

Juliette Binoche ist eine der letzten Grande Dame des europäischen Kinos und wird mit dem Alter immer besser und leidenschaftlicher. Eine Liebeserklärung an eine ungeschminkte und engelsgleiche Frau.

Juliette Binoche hat eine Aura, die man auf keiner Schauspielschule dieser Welt erlernt. Einen Oscar zu bekommen ist für sie definitiv leichter, als die wahre Liebe zu finden. Wagen wir uns in das Labyrinth Binoche. Unmöglich, die Figur der Theresa aus Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Juliette Binoche zu lösen. Jeder, der den Film gesehen hat, kann das Buch nicht mehr ohne ihr Gesicht vor Augen lesen. Theresa ist Juliette Binoche. Mit dieser Rolle wurde 1988 eine Ikone geboren. Keine neue Femme Fatale, kein Vamp, keine histrionische Diva, durchtrainiert und gottgleich.

Juliette Binoche war und ist bis heute die Ungeschminkte, da kann sie noch so viel Lippenstift auftragen.

She has no skin, so tears and laughter are never very far awayerklärt Regisseur Anthony Minghella. Phänomen Binoche: Selbst als eiskalte Geliebte von Vater und Sohn in Louis Malles Das Verhängnis strahlt sie eine unerschöpfliche Wärme aus. Sie bleibt verletzlich, fast sakrosankt. In Die Liebenden von Pont Neuf reißt sie uns als halbblinde Malerin Michèle in einen strudelnden Rausch hinein. Selbst hier, als ungewaschene Vagabundin, schwebt das Sakrale über ihr. Es dringt durch, es stört die gewohnte Ordnung. Wundervolles Paradoxon! Drei Jahre geht der Dreh, drei Jahre Zwielicht, in dem auch ihre Liebe zum Regisseur Leo Carax zerbricht. „Als wir Die Liebenden zum zweiten Mal unterbrechen mussten, war ich tatsächlich, was ich darstellte –und das war sehr schmerzhaft“, erinnert sie sich in einem Interview. 1993 meißelt Krzysztof Kieślowski sie in Drei Farben: Blau als Julie auf die Leinwand. Seelisch bereits tot, will sie ihrem Mann und Kind, die bei einem Autounfall starben, folgen. Der Zuschauer erlebt die Auferstehung einer zutiefst entgeisterten Frau. Binoche absorbiert ihre Rolle und überschreitet die Grenze: In einer Szene wetzt sie sich – ohne Regieanweisung – ihre Hände am Rauputz einer Häuserwand blutig. Freier Fall! Spätestens seit diesem Film ist Binoche die Mater Dolorosa, der fleischgewordene Schmerz. „Berühre die Wunde“ flüstern uns ihre Rollen zu –und spalten. Die einen lieben sie genau dafür, die anderen ertragen derlei ewige Tristesse nicht, sehen in ihr nur noch die Leidende, Schwierige, Kapriziöse. Doch welch ein Segen, möchte die Autorin hier ausrufen, welch großes Glück, dass sie mit all den grandiosen Egos des europäischen Autorenkinos gearbeitet hat. Dass sie sich bis zur Katharsis an ihnen abgearbeitet hat. After that, I was going to choose life, no matter what.“ Sie, die um keinen Preis einem System verhaftet sein will, weitet ihr Genre 1994 aus und bleibt nicht–wie etwa Isabelle Huppert –im Arthouse stecken. Sie erobert Hollywood und kassiert 1997 für die Rolle der Lazarettschwester Hana in Der englische Patient einen Oscar. Spätestens nach Chocolat, den 250 Millionen Menschen sehen, wird aus der Arthouse-Ikone ein Weltstar, der, so sagt man, privat durchaus geerdet sein soll. Der Regisseur André Téchiné trifft es schöner:„Die Füße im Schlamm, der Kopf in den Sternen.“ Sie entstammt einer Künstlerfamilie. Der Vater ein wenig bekannter Schauspieler und Theaterregisseur, die Mutter Regisseurin und Dozentin. Geht man eine Generation weiter, gelangt man nach Auschwitz, wo die Eltern ihrer Mutter als intellektuelle Oppositionelle interniert waren. Juliette muss viel zu früh lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Bereits als Vierjährige, die Eltern haben sich gerade getrennt, schickt man sie ins Internat. Der katholischen Bigotterie zum Fraß. Pendelnd zwischen oft freudlosen Kulissen von Vater, Mutter, Großmutter und Klosterschule wächst sie heran. Ihr Ausweg: tagträumen, malen (bis heute) und schauspielen. Schon als Kind liebt sie es, in verschiedene Rollen zu schlüpfen: My need to express myself was so big. I would call it my fire. My drive. My desire to attack.“ Mit 15 zieht sie von zu Hause aus, geht an die Schauspielschule und wird von keinem geringeren als Jean-Luc Godard entdeckt. Die Beziehungen zu den Vätern ihrer beiden Kinder scheiterten, warum auch immer, darüber spricht sie nicht. Viel eher spricht sie über ihre Angst, in der Bürgerlichkeit zu ersticken. Einer der Gründe, warum sie nie geheiratet hat. Feministisch ist sie nicht, viel mehr lebt sie, was Feministinnen fordern: Das vollkommen unabhängige und selbstbestimmte Leben einer Frau, die es liebt, dunkel und erdig zu lachen. Die Steven Spielberg diverse Körbe gibt, ganz einfach, weil ihr sein Frauenbild nicht gefällt. Die Gérard Depardieu, der sie äußerst uncharmant mit den Worten „Sie hat nichts! Überhaupt nichts!“ degradierte, direkt konfrontiert und einfach umarmt. Cut. Freitag, 15. September, 9:37 Uhr. Endlich, die Autorin sitzt auf glühenden Kohlen, die heißersehnten Antworten von Juliette Binoche ploppen auf, alles andere als pünktlich. Mme. Binoche dreht gerade in Japan mit Kultregisseurin Naomi Kawase, mitten in den Bergen bei Nara, und ist anscheinend tief mit ihrer Rolle verschmolzen. Die Autorin erfährt, dass Juliette Binoche heute Misosuppe mit braunem Reis und einer Rosmarininfusion zum Frühstück hatte. Sie entdeckt, dass Juliette Binoche viel spiritueller ist, als vermutet. Interessant, dass sie auf die harmlose Frage, welches ihr größtes Vergnügen sei, eine Art Seelenreise zeichnet: When I feel connected to my life’s journey. The journey is about the truth of who we are and our possible transformationDer Quell aller Schönheit liegt für sie in der Wahrhaftigkeit, in der Offenheit der Herzen. Hier ist sie, die Engelsgleiche mit der Schneewittchenhaut radikal, genauso radikal wie mit der Auswahl ihrer Rollen und Männer. Ihr Frauenbild hingegen ist herrlich lässig und äußerst französisch, denn sie bezieht – da sind uns die Französinnen wohl überlegen – die Männer mit ein. Schwingt da gar ein Funken mütterlichen Mitgefühls mit, wenn sie sagt: Men’s consciousness is slow, we have to be patient and continue our possible inside work. Für Europa fordert sie viel; im Grunde das, was wir uns alle wünschen: Weg von der Atomkraft, hin zu alternativen Energien, raus aus der Gentechnik, rein in die biologische Landwirtschaft und natürlich eine humanere Flüchtlingspolitik. So weit, so gut. Kommen wir also zum Mythos Wahre Liebe. Nach Juliette Binoche in erster Linie die Kunst, tolerant zu bleiben. Tolerant hinsichtlich der verschiedenen inneren Reisen, die jeder macht und die nicht immer kongruent verlaufen. Mit wem sie zur Zeit die Balance sucht, verrät sie nicht. Nur so viel: I’m still on the path. Ihre wahre Passion ist ohnehin die Verwandlung, das Spiel, die Seelenöffnung vor der Kamera, die Verdichtung von Gegensätzen und Unvereinbarkeiten. Und, bezaubernde Binoche, gesteht sie auf die Frage True Love: More difficult than to have an Oscar!“ Ihre Sprünge von einem Genre ins andere, von der Avantgarde bis zum Mainstream, fügen sich zu einem unvergleichlichen Ganzen zusammen, zu einem Binoche-Gemälde, einem Unvollendeten. Sie ist jetzt 53, für eine Garbo oder Dietrich war das das Ende. Rückzug in die Katakomben der Einsamkeit? Binoche thematisiert das Phänomen alternde Diva lieber und ruft ihren Freund, den Regisseur Olivier Assayas an. Aus stundenlangen Gesprächen entstand letztendlich das Kunstwerk Die Wolken von Sils Maria. Herrlich, wie die beiden Ikonen Kristen Stewart und Juliette Binoche vor den Kulissen der Schweizer Alpen kollidieren. Analog trifft auf digital, jung auf alt, das alte europäische Kino, man denkt unwillkürlich an Bergmanns Personaauf amerikanisches Fastfood-Cinema. Binoche befreit sich mit diesem Film, die Figur der alternden Schauspielerin reflektierend, noch ein weiters Mal. Sie fliegt von einem Drehort zum nächsten, vom Gazastreifen zum Nordpol, von Jerusalem nach Japan. Im Gepäck? Die perfekte Dosis aus Patiens (das Empfangende) und Agens (das Schöpferische). Und immer ein Hauch Brioche –so wurde sie als Kind genannt, weil sie so köstlich nach frisch gebackenem Brot duftet. Vielleicht lässt es sich auch so erklären, das Mysterium Binoche.

 

Fotos: Joe Lai

Text: Verena Kleinselbeck

Malereien: Coraline de Chiara

Styling: Jonathan Huguet

Dieser Beitrag erschien erstmals in der Fräulein Ausgabe 1/ 2018. 

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