Die Muse der Nouvelle Vague: Anna Karina

vor 2 Wochen

The OG French Chic.

Im Jahr 2011 war mein Tumblr-Blog – der schlechtformatierte, ganze Stolz meines Neuntklässler-Ichs – mit bezeichnend vielen, dezenten GIFs aus Filmen der Nouvelle Vague übersäht: Close-ups von nackten Beinen oder herausfordernden Blicken, schneidende Scheren, Pistolen, gekringelter Zigarettenrauch, versteckte Liebeserklärungen.

Das französische Kunstkino der späten 1950er bis 1960er Jahre, getragen durch die Arbeit von jungen Autoren wie Jean-Luc Godard, Francois Truffaut und Eric Rohmer, war in allerlei Hinsicht revolutionär und wegweisend für die Zukunft von globalem Film: die Nouvelle Vague brach mit konventionellen Narrationstechniken, bezog Position zu damaligen politischen Turbulenzen, beschäftigte sich augenzwinkernd mit existenziellen Krisen – und war meine erste, große, ästhetische Erleuchtung. Ich war vernarrt; vor allem in die frühen Werke Godards, die ich bis heute verehre und denen ich zum ersten Mal durch das französische Plakat von „Vivre sa Vie“ (1962) begegnet bin. Anna Karina stützt ihren Kopf rauchend auf der Schulter eines abgewandten Mannes ab; gespitzte Lippen, tiefschwarzer Bob, raffinierte Augen. Repräsentativ für viele Regungen der Bewegung, spielt sie eine gewitzte Frau, die sich aus Geldnot prostituiert, in Cafés mit Fremden philosophiert und (Spoiler!) bei der Übergabe in die Obhut eines neuen Zuhälters erschossen wird.

Für mich stehen glamouröse Phantasmen wie savoir vivre, coup de foudre und French chic alle für Anna Karina. Die ursprünglich aus einer dänischen Vorstadt stammende Schauspielerin brach als Kind öfters von zu Hause aus, siedelte schließlich mit 17 – mittellos, der Sprache kaum mächtig – allein nach Paris um und erfuhr das äußerst unwahrscheinliche Glück, im Les Deux Magots von einem Modelscout entdeckt zu werden. Ihren Namen bekam sie bald darauf von Coco Chanel verliehen und Godard verliebte sich durch eine Palmolive-Werbung in sie. Er besetzte sie in ikonischen Filmen wie „Le Petit Soldat“ (1960), „Une femme est une femme“ (1961), „Bande à part“ (1964), „Pierrot le Fou“ (1965), und sie avancierte zur Stilikone und mühelosen Grande Dame.

Anna Karina wird immer einer meiner Fixsterne bleiben, so wie auch ihre traumähnliche, sanfte wie kesse Leichtigkeit mir immer ein Rätsel bleiben wird. In ihren faszinierendsten Szenen ist sie auf subtilste Art und Weise opulent: wenn sie sich seufzend unter Bettdecken versteckt, per Handspanne ihre Körpergröße misst, minutenlang um einen Billardtisch tanzt, mit Sonnenbrille am Telefon sitzt oder sich einfach ihren Pony richtet.

 

Text: Dieu Linh Nguyen Xuan
Bild: Pathé Contemporary Films

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