Digital Culture: Selfie-Mania

vor 3 Jahren

Das Selfie ist in aller Munde. Dabei ist der Drang, sich über Bilder zu definieren und mit anderen zu vergleichen, kein Phänomen der digitalen Moderne allein. Am Anfang dieser Kulturgeschichte steht Narziss.

Immer wieder werden über die medialen Kanäle überspitzte Behauptungen zur vermeintlichen Volkskrankheit Narzissmus in die Welt entlassen: Wir würden in einer Ellenbogen-Gesellschaft voller Egoisten leben, soziale Interaktion – das berühmte Socializen – diene nur den eigenen Vorteilen, dann heißt es, unsere Zeitkultur begünstige sogar die Ausbildung narzisstischer Verhaltensformen und letztlich narzisstischer Neurosen. Es klingt, als sei Narzissmus die Epidemie einer ganzen Generation.

Doch so ganz haut das nicht hin. Denn die Ausbildung einer narzisstischen Störung im klinischen Sinne ist weit komplexer und betrifft tatsächlich nur einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung. Was sich im Alltag als narzisstisch darstellt, ist vielmehr ein übersteigertes Streben nach Anerkennung: ein Wille zur totalen Selbstoptimierung. Doch der Wunsch perfekt zu sein, fördert keine Individualität, sondern führt im Gegenteil dazu, dass die Menschen sich immer ähnlicher werden. Der Frankfurter Sozialpsychologe Erich Fromm schrieb in seinem Buch „Authentisch leben“, dass mit dem Beginn der westlichen Wohlstandsgesellschaft ein Drang nach Konformität und permanenter Selbstverbesserung entstand.

Gefühle wie Zweifel, Leere oder Unsicherheit würden einfach wegoptimiert oder durch kulturelle Opiate zerstreut. Das war zu Zeiten Erich Fromms bereits so, gilt in der heutigen paradoxen Konsumkultur aber umso mehr. Auf der einen Seite gibt es ausgeklügelte Serviceangebote wie „Quantified Self Apps“, die jeden Lebensreich datenmäßig erfassen, um ihn zu optimieren. Auf der anderen Seite gibt es Opiate fürs Volk, die unsere inneren Widersprüche vermeintlich ausschalten: Alkohol, Drogen, Zucker, Porno, Fernsehen und natürlich Angebote im Internet. Das führt zu Entfremdung, zu einem Loch im Selbstgefühl. Das Ergebnis und vermeintlicher Ausweg zugleich ist eine verzerrte Selbstbespiegelung. Das Bild, das entsteht, kommt nicht von innen heraus, sondern ist ein um die Ecke gedachtes Außenbild. Selbstwert wird über Selbstvermarktung erzeugt und Vermarktung denkt immer den Wunsch der anderen mit. So wird das Dasein zu einer Art Ware, das Umfeld und deren Nachfrage wird zum Wertemesser. Die Selbstbespiegelung in und durch die Massenmedien ist die logische Konsequenz.

Die Schaffung sozialer Avatare auf Plattformen wie Instagram und Facebook dient schließlich der Aufmerksamkeit anderer Menschen, womit Selbstwertgefühle von außen befriedigt werden. Doch mehr als das: Mit unseren Profilen in sozialen Netzwerken setzen wir uns selbst ein Denkmal, ein idealer Abguss, ein Götzenbild, von dem, was wir eigentlich nur teilweise sind. Widersprüche, Zweifel, Schwäche und Zufall – keine Chance. Unsere Avatare aus Selfies, kuratierten Profilinformationen und obligatorischen Humblebrags sind bis ins letzte Detail kalkuliert und damit weit davon entfernt echt zu sein. Die Kreativität und Energie, die dafür aufgebracht werden, sind enorm. Allein 70 Millionen Selfies werden jeden Monat bei Instagram geposted. Viel Energie für viel Ablenkung, mit der es sich erübrigt, sich seiner selbst bewusst zu werden. Man lebt seine eigene Illusion. Transzendiert seine Komplexität in eine eindimensionale und völlig beschönigten Selbstbeschönigung.

Diese Überhöhung des Ichs findet sich über alle Zeiten und ist nicht nur ein Phänomen unserer Gegenwart. Zu einem gewissen Grad ist sie sogar natürlich: Denn um sich selbst zu erkennen, muss der Mensch sich ein Bild von sich selbst machen. Kulturelle Ausdrucksformen dieser Selbstbilder, die jedoch über das Ziel hinausschossen, gab es schon immer: Sei es die Selbstvergewisserung der eigenen Schönheit, wie sie die Königin in „Schneewittchen“ mit ihrem „Spieglein, Spieglein“ befragt oder der bildhübsche Dorian Gray, der für seine jugendhafte Makellosigkeit sein Altern in einem Selbstbildnis auslagert. Am Anfang dieser Kulturgeschichte steht Narziss selbst, eine mythologische Figur Ovids, der sich in einem Tümpel in sein eigenes Spiegelbild verliebt und davor verschmachtet bis zum Tod. Im Selfie der digitalen Bildwelten stecken viele dieser Mechanismen. Wir verleihen unseren Abbildern eine Aura, warten darauf, dass diese geschönten Selbstbilder viele Likes und Kommentare kassieren, schließlich will man nicht untergehen in den vierstelligen Freundeslisten bei Facebook und abertausenden Followern auf Instagram. Die Frage, die sich immer wieder stellt: Begünstigten unsere Zeit, die Smartphones und sozialen Netzwerke dieser Welt wirklich eine kollektive Neurose, eine narzisstische Akzentuierung unserer Persönlichkeit? Schwierig. Wahrscheinlich ist ein verzerrtes Selbstbild nichts Neuartiges, auch nicht in seiner gegenwärtigen Dimension.

Wir sind also nicht alle Narzissten, vielleicht einfach nur ein bisschen am Staunen über die Möglichkeiten der DIY-Selbstinszenierungen. Wirklich neu hingegen ist die Zugänglichkeit zu diesen Selbstbildern. Denn die sozialen Medien bieten zum ersten Mal eine demokratische, systemisch verankerte Plattform, um diese inszenierten Bilder unserer selbst zu visualisieren und zu verbreiten.

Text: Robert Grunenberg
Fotos: @mileycyrus, @jamesfrancotv, @bethditto, @rihanna, @caradelevingne, @justinbieber, @pharrell, @beyonce

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