Ein Gespräch mit Porno-Regisseurin Erika Lust

vor 6 Monaten

Die schwedische Regisseurin und Schriftstellerin Erika Lust gehört zu den wichtigsten Stimmen in der Pornobranche. Mit ihren Arbeiten hat sie feministischen Porno maßgeblich geprägt. Ihre Filme zeigen ein leidenschaftliches, sensibles und authentisches Bild von Sex und Leidenschaft, erzählt durch die Augen einer Frau. Damit distanziert sie sich ganz klar vom Mainstream-Porno und den großen Produktionsfirmen, in denen die Frau noch immer als Objekt zum sexuellen Vergnügen des Mannes gezeigt wird. Letztes Jahr startete Erika Lust den Open Call, ein Projekt, bei dem die Regisseurin und Drehbuchautorin 250 000 Euro zur Verfügung stellt, um junge Erotikregisseurinnen aus aller Welt zu unterstützen. Ein Gespräch mit Erika Lust:

Fräulein: Ich habe vor kurzem ein Interview mit einem Evolutionspsychologen gelesen, der über die Macht und Bedeutung des Kusses sprach. Ein Kuss ist beinah wie ein sexueller Akt, manchmal kann ein Kuss sogar intimer sein als Sex. In deinen Filmen küssen sich die Darsteller auf eine Art und Weise, die man aus dem Mainstream-Porno nicht kennt. Die Darsteller respektieren einander. Wie sie sich küssen und miteinander schlafen, wirkt auf mich sehr authentisch.
Erika Lust:
Ich freue mich, dass du das sagst. Denn genau das ist mein Ziel: Authentizität. Wenn ich mich entscheide eine Fantasie zu verfilmen, die auf XConfessions eingereicht wurde, ist es mir wichtig von einem realistischen Gefühl in den Geschichten zu erzählen. Insofern ist es gar nicht so einfach einen passenden Darsteller zu finden. Wenn ich eine Geschichte über Frauen, drehe die Frauen mögen und die Sex miteinander haben werden, schaue ich nach Frauen, die auch in ihrem Privatleben gerne mit Frauen schlafen. Durch das Casting lernen wir uns kennen. Ich frage die Performer immer mit wem sie gerne und wem sie nicht arbeiten möchten. Hast du zwei Darsteller, die sich mögen und gerne Sex miteinander haben, dann spürst du es.

Wie stehst du der Theorie des Küssens gegenüber? Was bedeutet ein Kuss für dich?
Küssen drückt für mich Leidenschaft aus und schafft ein Gefühl von Intimität. Wenn die meisten meiner Darsteller, mit denen ich arbeite, sich küssen, kann man sagen, dass sie sich gegenseitig attraktiv finden, sie können sogar Freunde sein. In meinem Kurzfilm Sweet but Psycho habe ich mit vier meiner absoluten Lieblingsdarsteller gearbeitet: Amarna, Vex, Owen und Mickey, die tatsächlich im realen Leben Freunde sind. Die Chemie zwischen ihnen war spürbar. Ich entwickle die Geschichten, aber wie sich die Darsteller und Darstellerinnen berühren, sich streicheln und miteinander vergnügen, überlasse ich ihnen. Ich persönlich werde gelegentlich immer noch überrascht, wie leidenschaftlich und intim es wird. Sie küssen sich, sie erforschen einander, sie können einen Orgasmus haben oder auch nicht. Es sind einfach Menschen die Sex miteinander haben. Ich denke das ist wirklich wundervoll.

Für dein Projekt Open Call können dir junge Regisseurinnen aus aller Welt ihre Ideen zusenden. Es muss interessant sein so viele verschiedene Ideen von weiblichen Filmemacherinnen aus der ganzen Welt zu bekommen. Kannst du eine kulturelle Vielfalt in den Skripten und Moodboards feststellen?
Seit ich den Open Call für weibliche Regisseurinnen im letzten Oktober gestartet habe, haben mich rund 500 Bewerbungen erreicht. Regisseurinnen aus Indien, den USA, Spanien, Frankreich und aus vielen weiteren Ländern haben sich beworben. Ich habe tatsächlich schon einigen Skripten und Moodboards zugesagt, die eingereicht wurden, und die dieses Jahr noch umgesetzt werden sollen. Eine französische Regisseurin hat erst vergangenes Wochenende gedreht!

Die Projekte, die mir zugesendet werden, sind auf jeden Fall sehr unterschiedlich und einzigartig. Unser kultureller Background, unsere Wurzeln und Traditionen spielen eine Rolle. Sie beeinflussen das was wir tun und was wir schaffen. Aber werden wir nicht auch von unseren eigenen Erfahrungen beeinflusst, von dem wie wir die Welt sehen und ebenso von anderen Medien…?

Es ist großartig zu sehen, wie unterschiedlich die Leute verschiedene Ideen umsetzen, obwohl sie von den gleichen Werten umgeben sind. Noch interessanter wird es, wenn es von der Idee zur Umsetzung des Films kommt. Das Casting, die Ästhetik, das Styling und Make-Up, und das Set. All das ist wichtig, um eine Welt und ein Drehbuch zu schaffen und macht einen Film einzigartig. Ich bin so gespannt diese Filme zu sehen!

Bekommst du durch die Arbeiten dieser jungen Regisseurinnen neue Inspirationen und Ideen?
Nein, denn es sind ihre Ideen. Wenn es ein Skript gibt, das gut ist, dann arbeite ich als ihre Produzentin, so dass sie ihren Kurzfilm drehen können. Verschiedene Perspektiven zu sehen ist immer inspirierend. Als Frauen haben wir unterschiedliche Versionen und Blickwinkel. Wir teilen die gleichen Werte und wir alle versuchen eine Alternative zum Mainstream-Porno zu schaffen. Aber jede Filmemacherin ist einmalig. Du bekommst die Chance die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten als durch deinen eigenen, was großartig ist. Wenn mit Leuten Gedanken und Konzepte austauscht, die andere Erfahrungen gemacht haben, ermöglicht dir das deinen Geist für andere Möglichleiten zu öffnen. Das ist sicher.

Was hat dich dazu bewegt das Projekt Open Call zu starten?
Ich kannte vier Filmemacherinnen und Filmemacher, die sehr talentiert waren, mit unterschiedliche Ideen und Visionen. Die Darstellerinnen und Filmemacherinnen Paulita Pappel und Olympe De G., die Fotografin Adriana Eskenazi und der Regisseur und Fotograf Bruce LaBruce. Ich entschied mich sie einzuladen, um vier Filme für XConfessions.com umzusetzen. Am Anfang fühlte es sich an als wäre es bloß etwas das ich zu ihrem und meinem eigenen Vergnügen tue. Aber die Ergebnisse waren so unglaublich, dass ich mich dazu entschiedenen hatte den Open Call zu starten! Drei Filme von Gastregisseurinnen waren in den der letzten XConfessions Vol. 7 eingebunden. Der Film von Bruce LaBruce wurde am 9. März veröffentlicht und war ein voller Erfolg!

Es war ein sehr schönes Gefühl all diesen Beitrag beim XConfessions.com Project dabei zu haben. Gleichzeitig aber fing ich an mich sehr hilflos und wütend zu fühlen. Es gibt so viele Talente, vor allem Frauen, die aus ihrer eigenen Perspektive von Sex und Sexualität im Film erzählen möchten, die aber nicht wissen an wen sie sich wenden oder wie sie es finanzieren können. Und sind wir nun, in einer Zeit, in der Feminismus und Genderthemen mehr denn je in den Medien stattfinden. Die Gespräche rund um weibliche Sexualität passieren die ganze Zeit, und doch produzieren die Mainstream-Produktionsfirmen noch immer den gleichen, langweiligen Kram und werden immer noch von denselben voreingenommen Männern geführt, die damit den ganzen Raum im Adult Cinema einnehmen.

Ich habe mich entschieden zu investieren und neue weibliche Talente zu entdecken, damit diese Talente in der neuen Welle des Pornofilms die Führung übernehmen. Ich setze meine Worte auf dem TEDxVienna Talks in die Tat um.

Mein Ziel ist es mehr Frauen in Führungsrollen im Adult Cinema zu sehen, etwa Regisseurinnen, Produzentinnen und Drehbuchautorinnen. Wir müssen Filme machen, die sex-positive sind, so dass junge Menschen und die junge Generation Sex in einer realistischen Umgebung sehen und als empfinden das Spaß macht. Insofern ist es wichtig, dass sie nicht nur das eine Modell der Geschichte zu sehen bekommen. Außerdem brauchen Teenager und Männer Kino, das ihnen nicht ständig sagt, sie müssen ein Mann oder extrem maskulin sein, wie es ihnen in der Regel aus dem Mainstream-Porno vor Augen geführt wird.

Der Open Call läuft immer noch weiter. Bewerberinnen können eine Mail an erikalust@lustfilms.com senden und mir PDF-Unterlagen senden, das ein Skript enthält und ein Moodboard für einen Film, der nicht länger als 15 Minuten sein sollte. Dazu eine Kurzbiografie über sich selbst, über ihre Erfahrungen im Film, dazu ein Lebenslauf. Und eine kurze Erklärung ihrer Fantasie und warum sie Teil des Projekts sein möchten. Mehr dazu kann man hier lesen. Ich freue mich von euch zu hören!

Welche jungen Frauen in der Pornoindustrie sollten wir im Hinterkopf behalten?
Arbeiten von einigen wirklich tollen Regisseurinnen wie Candida Royal, Ovidie und Maria Beatty. Jede von ihnen ist ganz besonders. Man spürt Veränderungen durch einige tolle junger Independent-Regisseurinnen des Adult Cinemas, die jeden Tag neue, interessante Projekte zeigen. Ich bewundere Vex Ashley und ihr Projekt A Four Chambered Heart. Zudem bin ich Fan von dem schwedischen Projekt A New Level of Pornography, eine Initiative, die von zwei wirklich tollen Mädels geleitet wird. Und natürlich liebe ich die oben genannten Gastregisseurinnen und ihre Kurzfilme! Paula Pappel, Olympe De G und Adriana Eskenazi, ebenso natürlich auch XConfessions letzte Gastregisseurin Hadas Hinkis!

Diese Frauen haben Filme entwickelt, die so einzigartig sind! Wenn ihr noch mehr Regisseurinnen kennenlernen möchtet, besucht das Online-Kino eroticfilms.com. Auf dieser Seite haben mein Team und ich das Beste aus dem Independent-Pornokino kuratiert, Filme rund um den Globus. Hier stößt man auf viele neue Regisseure und Regisseurinnen, mit einer eigenen Ästhetik und persönlichem Stil, die einen Twist im Erotikfilm und Storytelling schaffen. Auf meinem Blog empfehle ich immer viele Filme und ebenso Produktionsfirmen. Das ist eine gute Quelle um sex-positive Regisseure und Regisseurinnen und Produktionsfirmen kennenzulernen. Zuletzt sprach ich über Spark Erotic und Nympho Ninjas.

Es ist noch immer so, dass Frauen im Hinblick auf die tatsächliche Nummer ihrer Sexpartner nicht die Wahrheit sagen. In der Gesellschaft herrscht auch heute noch das Bild, eine Frau sei unanständig, wenn sie viele verschiedene Sexpartner hat. Denkst du, dass Pornofilme, die von Frauen gemacht werden, dieses Bild zukünftig ändern können?
Es gab Verbesserungen, aber wir leben noch immer in einer sexistischen und frauenfeindlichen Gesellschaft, die wir tagtäglich erleben. Es existiert auch heute noch eine allgegenwärtige, puritanische Haltung in der Gesellschaft, die diese „moralischen“ Ideen setzt und sagt wer wir sind und was wir tun sollen. Sex wird immer noch als geheimnisvolle und ordinäre Sache gesehen vor der Kinder beschützt werden müssen. Und in der Öffentlichkeit sollten wir auch nicht über unser Privat- und Intimleben reden. All das erzeugt ein Gefühl von Scham und Verlegenheit, für etwas das völlig normal und natürlich ist. Etwas das Spaß macht! Für Frauen ist es natürlich noch viel schlimmer.

Interessant ist, dass „sexy Bilder“ von Frauen verwendet werden, um jegliches Zeug zu verkaufen, von Fastfood bis Designerkleider. Und doch sind die Zensur und Kriminalisierung des weiblichen Körpers in den Massenmedien und sozialen Netzwerken, und das Bild der Frau als Sexobjekt, immer noch ein fortwährendes Thema im Leben der Frau. Anstatt die Sexualität anzuerkennen und zu feiern, versachlichen wir Menschen und preisen unrealistische Beauty-Standards an. Während die Sexualisierung und Objektivierung der Frau Verkaufszwecken dienen und das in der Gesellschaft akzeptiert wird, scheint es Frauen jedoch nicht erlaubt zu sein, ihre eigene Sexualität zu erforschen und darüber zu sprechen. Ich denke auf jeden Fall, dass das Adult Cinema, das Menschen als Subjekte und sexuelle Mitarbeiter präsentiert, und eben nicht als Objekte oder Maschinen, und darüber hinaus eine Vielfalt und unterschiedliche Teile der Gesellschaft repräsentiert, dazu beitragen kann, dass die Menschen sich selbst in diesen Filmen sehen und ihre Gedanken zu öffnen. Abgesehen von dem Spaß, den man beim Anschauen hat, können diese Filme als Hilfsmittel für die sexuelle Befreiung und Bildung genutzt werden. Wir zeigen Frauen, die sich sexuell durchsetzen. Vielen Zuschauern helfen alternative Pornofilme ihre Sexualität zu feiern und ermutigt sie selbstbewusst zu sein. Macht euch frei von Tabus!

„Bringing up what we want in bed can be difficult for all of us, especially women“, sagt Candida Royalle. „We worry about being judged for our desires. Porn is like a non-personal reference in the room so you can say, „Look what they’re doing. Did you ever think about doing that?“

Für XConfessions bittest du deine Fans, ihre Fantasien mit dir zu teilen. Welche Fantasie hat dich am meisten inspiriert?
Oh, das ist eine schwierige Frage. Jede Fantasie, die ich in einen Film umgesetzt habe, liebe ich. Einige von ihnen waren romantisch, andere kinky und wiederrum andere waren politisch… Die Idee zu dem kürzlich erschienen Film Girls Fight Club mochte ich sehr. Was ist sexier als starke Frauen, die ihre eigenen Regeln schreiben? Ganz anders und doch genauso inspirierend war die Idee zu Memory Files Of You. Hier geht es um einen älteren Mann, der die intimsten und sexuellen Begegnungen mit seiner wahren Liebe via Virtual Reality noch einmal in Erinnerung rufen lässt. Diese Vorstellung empfand ich als sehr romantisch. Bei Feminist and Submissive geht es darum, eine starke und unabhängige Frau zu sein, die es genießt die unterwürfige Partnerin bei einem BDSM-Rendezvous zu sein. Diese Fantasie gab mir die Möglichkeit ein Gespräch zu diesem Thema zu starten, von dem ich denke, dass es viele Frauen betrifft, aber noch immer als Tabu gesehen wird.

 

Beitrag: Alina Amato
Bilder: PR

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