Ein Leben in Spektralfarben

vor 2 Monaten

Beth Ditto über alles, was zählt im Leben: die Liebe, der Schmerz und, vor allem, die Vergebung.

Ich halte ein schnurloses Festnetztelefon in der Hand und warte darauf, dass die Managerin von Beth Ditto anruft. Die Sängerin hat gerade ihr Editorial Shooting für Fräulein in London. Ihr erstes Solo-Album Fake Sugar erscheint in wenigen Tagen. Die Anschläge von London und Manchester sind erst ein paar Tage her. Es ist ein lauwarmer Dienstagmittag im Juni.

Ich lege das Telefon beiseite und blättere ein deutsches Kunstmagazin durch, bleibe auf der vorletzten Seite hängen: die Besprechung eines Fotos von Alessandra Sanguinetti. Man sieht darauf zwei Mädchen, noch nicht ganz Teenies, die eine klein, zart und zäh, die andere groß, massiv, dick, strahlend. Letztere steckt der Kleinen mit unendlich zärtlicher Geste eine Wiesenblume ins Haar. Ich habe selten einen so schönen ungezwungenen Moment von echter Nähe gesehen. Beide wirken vollkommen in sich ruhend und hingebungsvoll. Als ich den Text dazu lese, staune ich aber. Der Journalist nimmt an: Das dicke Mädchen sei zwar okay, aber doch eigentlich unglücklich. Wie kommt er darauf?

Das Telefon klingelt. „Is this Beth?“ – „Yes!“ Eine kleine Stimmsonne geht auf.

Fräulein: Magst du Mode-Shootings? 

Beth Ditto: I love it! Es ist, wie wenn man als Kind Verkleiden spielt.

Versuchst du, Teile deines eigenen Looks beizubehalten, oder gibst du komplett die Kontrolle ab an die Stylisten?
Wenn mir etwas nicht gefällt, sage ich es definitiv. Aber wenn ich dem Team vertraue, dann hundert Prozent. Es geht ja um die Vision des Ganzen.

Vor ein paar Tagen gab es schon wieder Anschläge in London. Wie fühlt es sich gerade an, vor Ort zu sein?
Es ist sehr beängstigend und macht einem bewusst, wie verletzlich wir doch alle sind. Anything can happen at any time. Weißt du, ich lebe in einer relativ kleinen Stadt in Amerika … In einer Metropole wie London verstärkt sich dieser Eindruck noch. Aber es lässt mich auch dankbar sein für die Menschen, die ich liebe.

Es scheint, dass die Attentäter Orte präferieren, an denen Menschen ausgelassen sind und Frieden und Freiheit feiern – wie in Manchester während des Ariana- Grande-Konzerts. Beeinflussen diese Ereignisse auch dein Gefühl bei deinen eigenen Konzerten? 

Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht viel drüber nachgedacht. Ich möchte es gar nicht erst in meinen Kopf lassen. Man weiß sowieso nicht, wann was warum passiert. Ich versuche, sehr bewusst nicht in Angst zu leben. Denn das kann ich tatsächlich beeinflussen: nicht in einer Wolke aus Angst um mich herum zu leben!

Woher kommt dein entspannter Umgang damit? Ist das einfach ein Persönlichkeits merkmal oder hast du ein Geheimnis fürs Cool-Bleiben? 

Ich habe letztens mit einer Freundin gesprochen, die das Paris-Attentat live miterleben musste. Ihre Stärke, mit diesem Trauma umzugehen, hat mir sehr imponiert. Und ich dachte: „Wenn sie das kann, kann ich das auch.“ Aber meine generelle Gelassenheit kommt von meiner Grundeinstellung: Wir haben keine Kontrolle über das, was um uns passiert. We don’t. We just don’t! Wir sind einfach sehr verletzbare Wesen. Indem ich Verletzlichkeit akzeptiere, kann ich auch gelassen bleiben.

Aber das ist so schwer! 

Ja. Und ich würde niemals zu jemandem sagen: „Du solltest keine Angst haben.“ Wir haben zum Beispiel gerade Donald Trump als Präsidenten im Weißen Haus. Das fühlt sich vollkommen traumatisch und chaotisch an. Wir haben keine Ahnung, was als Nächstes passiert. Wird er einen Krieg anzetteln? Die Erde ruinieren? Ich kann von diesem Chaos nicht mein Leben beherrschen lassen! Gerade jetzt, wo ich reise, realisiere ich, was meine Regierung der Welt antut. Es ist einfach vollkommen evil und narzisstisch. Aber was auch immer passiert: Wir müssen den Kopf oben behalten und nach vorne schauen. Wir müssen zugeben, dass wir Angst haben, und mit Leuten darüber sprechen. Wir müssen uns öffnen. Und in dem Moment, wenn man darüber spricht, merkt man: Menschen sind einfach immer verletzlich. „Are you okay?“

(Sie fragt mich, ob ich okay bin!?) 

Ja. Ich habe allerdings eine Riesenangst vor Kontrollverlust. Und eher Probleme, mich dem Flow hinzugeben. Ich habe weniger Angst vor Terrorattacken als vor meinem Inneren. 

(Zum Glück kann sie nicht sehen, wie ich am Ende des Telefons erröte.) 

Ja, manchmal hilft es schon, zuzugeben, dass man total verkrampft ist vor lauter Angst. Das ist der erste Schritt. Das Einzige, worüber man im Leben Kontrolle hat, ist man selbst.

Ist dein neues Album Fake Sugar auch ein politisches Album?
Das Album war schon vor den Präsidentschaftswahlen fertig produziert. Einerseits bin ich ganz froh darüber, andererseits hätte ich auch gerne ein Album gemacht, das meine enorme innere Wut ausdrückt. Aber ein Queer-Gay-Lovesong-Album ist generell sehr politisch. Es verändert einen Kontext. Es ist gefährlich, offen und verletzlich. Auch wenn es an keiner Stelle um

Donald Trump geht, ist es ein politisches Statement für queere Liebe. Eigentlich bin ich ganz froh, dass das Album unberührt von Trump geblieben ist. Er ist so ein un- fassbarer Narzisst. Er will einfach jede Form von Aufmerksamkeit. Er ist ein Psychopath, der nicht in der Lage ist, Liebe oder Reue zu fühlen. Wahrscheinlich kann er noch nicht mal echten Hass spüren. Das einzige Ge- fühl, zu dem er eventuell in der Lage ist, ist Stolz. Es ist wirklich unfassbar: Wir werden von einem narzisstischen Psychopathen regiert! Das Einzige, was wir tun können, ist, ihm das Regieren so schwer wie möglich zu machen. Das ist unsere Aufgabe in Amerika und auf der ganzen Welt. Trump ist ein Wahnsinniger.

"Ich versuche, sehr bewusst nicht in Angst zu leben"

Fake Sugar ist ja dein erstes Solo-Album (nach der Band Gossip, Anm. der Redaktion). War das eine Entscheidung, ein Prozess des Erwachsenwerdens, oder ist das einfach so passiert? 

Seit meiner Teenager-Zeit bin ich mit Gossip zusammen gewesen. Alles fühlte sich frei und leicht an. Auf einmal bekamen wir sehr viel Aufmerksamkeit und konnten sogar davon leben. Wir traten im Fernsehen auf, spielten in Stadien. Es war vollkommen surreal! Nachdem wir einige Alben produziert hatten, zog Nathan (Howdeshell, Anm. der Redaktion) zurück nach Arkansas. Und das ist sehr weit weg von meinem jetzigen Zuhause Portland, Oregon. Es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an durch die Distanz. Ich habe dann einfach angefangen, an dem Album zu arbeiten. Und irgendwann habe ich Nathan getextet: „Ich glaube, ich mache jetzt mein eigenes Ding.“ Und er schrieb: „Okay.“

2013 hast du deine Freundin auf Hawaii geheiratet. Ein klassisches Bekenntnis in deinem sonst sehr non-konformistischen Leben. War es dir wichtig, offiziell Ja zu sagen? 

Ja, ich mag das Gefühl von Stabilität in meinem Leben. Und wir wollten es einfach beide – als eine Art Fundament des Zusammenhalts.

Gab es auch romantische Gründe? 

Ja, absolut. Ich war zwar nie ein kleines Mädchen, das vom Heiraten geträumt hat, aber je älter ich wurde, desto wunderbarer fand ich die Vorstellung.

Und wie kann man sich euer Zusammenleben vorstellen? Ich habe gelesen, du strickst gerade viel!
(lacht): Häkeln!! Ansonsten sind wir viel zu Hause. Ich schaue Basketball, und Kristin macht Origami. Oder wir spielen Karten. Wir sind ein bisschen wie ein altes Ehepaar. Ich bin so oft auf Tour. Wenn wir zusammen sind, sitzen wir meistens einfach zusammen.

Und wer kocht? 

Ich. Ich bin sehr häuslich (lacht).

Sind Frauen stärker als Männer? 

Na ja, wir kriegen die Kinder. Und das ist wirklich fucking bad ass! In uns wächst ein Baby. Wir gebären es und füttern es mit unserem Körper.

Du hattest eine sehr heftige Kindheit (nachzulesen in ihrer Autobiografie Coal to Diamonds – A Memoir, Anm. der Redaktion). Wie hast du es geschafft, deine inneren Werte zu schützen? 

Ich habe zum Glück sehr früh Punk entdeckt. Das hat mir einen anderen Blick auf die Dinge vermittelt, die passiert sind. Dass es ein Leben jenseits von Sexismus und Diskriminierung gibt. Ich konnte meiner Mutter verzeihen. Sie hat sich so verhalten wegen ihrer eigenen, grauenvollen Kindheit. Ich habe gelernt zu verzeihen, weil ich die Geschehnisse durch den Filter der systematischen Unterdrückung sehen konnte. Meine Mutter hat mir gegeben, was sie mir geben konnte.

Damit hast du meine nächste Frage eigentlich schon beantwortet. Geht es im Leben eher um Vergebung oder um Auge um Auge, Zahn um Zahn?
Vergebung!

Du bist keine Rächerin? 

Überhaupt nicht. Die einzige und ultimative Form von Rache ist für mich: glücklich zu sein.

Stimmt es, dass du in deiner Jugend Eichhörnchen geschossen und gegrillt hast? Im Süden der USA isst man die gerne. Sie schmecken wie Hühnchen. Oder Kalbfleisch.

Also kannst du mit Waffen umgehen? 

Nicht wirklich.

Wenn du jemanden jetzt gerade metaphorisch erschießen könntest, wer wäre das? (lacht) Niemand!

Warum ist dein Körper eigentlich immer ein Thema in der Öffentlichkeit?
Gewisse Schönheitsideale spielen in der Pop-Kultur leider noch immer eine große Rolle. Ich hoffe, dass wir uns eines Tages davon befreien können und jeder einfach so sein darf, wie er will. Außerdem ärgert es Menschen, denen ihr ganzes Leben lang eingetrichtert wurde, dass man dünn sein muss, wenn sich jemand nicht an diese Regel hält. Natürlich liegt es auch daran, dass viele Leute ihren Körper, weil er dick ist, nicht mögen und sich mit mir identifizieren können. Es gibt Hunderte von Gründen …

Bist du noch in Kontakt mit Karl Lagerfeld? 

Nein, wir haben seit Jahren nicht gesprochen. Mode funktioniert eben nach dem Prinzip In & Out. Was gestern war, ist Vergangenheit. Es geht immer darum, sich weiterzuentwickeln. Besonders bei Karl Lagerfeld.

Welche Person in deinem Leben hat dich am meisten beeinflusst?
Meine Mutter. Ich habe von ihr gelernt, andere Menschen und mich selbst mit Respekt zu behandeln. Denn wenn man das nicht tut, wird auch dich niemand respektieren.

Beitrag: Julia Zange
Bilder: Ronald Dick
Styling: Ellie May Brown

Der Beitrag erschien in der Fräulein-Ausgabe Nr. 22.

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