Eine Sprache der Liebe

vor 4 Monaten

Blumen sind ein hoch komplexes Ausdrucksmittel. Nur haben wir das vergessen. Zeit, unser Vokabular zu erweitern und nicht immer nur rote Rosen zu verschenken.

Es gibt eine Szene im Film Alfie, in der Jude Law einer älteren Geliebten Blumen kaufen möchte. Anstatt nun aber irgendeinen x-beliebigen Strauß auszusuchen, entspinnt sich zwischen ihm und dem Verkäufer ein regelrechter Tanz. Wie sie denn sei, die Schöne? Na abenteuerlustig, sexy und süß! Zu jedem dieser Adjektive lässt sich die richtige Blume finden. Am Ende steht ein hoch emotionaler, semantisch komplexer Strauß. Denn was hier im Stil Hollywoods charmant in Szene gesetzt wird, ist tatsächlich eine der ältesten Kulturtechniken. Blumen verschenkt man seit tausenden von Jahren und meist war damit mehr gemeint als nur reines Ornament. Blumen sind Symbole und repräsentieren nicht nur Eigenschaften und Gemütszustände, sondern sind eine verfeinerte Form der Kommunikation. Im antiken Griechenland pries man mit ihnen die Schönheit jun- ger Mädchen, die Germanen flochten ihren Damen zum Fruchtbarkeitsfest Blumenkränze ins Haar, in Japan symbolisierte die Blumenbinde-Kunst des Ikebana eine höhere Ordnung der Welt und gehörte zur Grundausbildung junger Adeliger. In Europa entwickelte sich erst wieder nach dem für derlei vermeintlich sen- timentalen Schnick-Schnack nicht zu habenden Mittelalter in der Renaissance das Interesse an Blumen als Form sozialer Interaktion. Erst wurden Blumen noch zaghaft zum Geschenk gemacht, im Barock zum alles dominierenden Ornament. Doch erst mit dem Anbruch des bürgerlichen Zeitalters verstand man sich wieder zunehmend auf ihre semantische Feinheiten. Daran war maßgeblich die englische Proto-Feministin, Adelige und Weltbürgerin Mary Wortley Montagu verantwortlich, die seit 1716 mit ihrem Mann, einem Botschafter, am Osmanischen Hof in Konstantinopel lebte. Als sie zwei Jahre später nach England zurückkehrte, führte sie dort die so genannte Selam ein, die Blumensprache. Die englische High Society ließ sich davon im Sturm erobern. Laut dieses Codes, der bald in kompliziertesten Variationen und Kombinationen beherrscht wurde, bedeutet eine Anemone etwa Bei dir will ich sein, eine blaue Rose, dass man schon vergeben sei, eine rote dagegen signalisiert Liebe über alles. Dazu kamen verschiede Kräuter, selbst Schleifen veränderten den Sinn. Schenkte ein Kavalier einer Dame einen Ansteckstrauß als Einladung zu einem Ball, bedeutete er angepinnt über dem Herzen Zuneigung, im Haar dagegen eine Abfuhr. Diese Subtilität ist uns gänzlich verloren gegangen. Mit Blumen zu sprechen bedeutet viel mehr, als rote Rosen zu verschenken, auch wenn avanciertere Sträuße nicht immer Erfolg versprechen beim Werben um die Liebe. Alfie holt sich von seiner Affäre einen Korb und stürzt in eine tiefe Sinnkrise. So kann es uns natürlich allen gehen. Aber dann immerhin mit Stil!

Der Text und die Fotostrecke sind erschienen in der Ausgabe 1/2016.
 Fotos: Thomas Hauser
Text: Timmi Vau

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