„Manchmal kommen die Zweifel aus einem Ort deines Inneren…“

vor 3 Wochen

Fahrani Empel ist Designerin, Model, Schauspielerin und Umweltaktivistin – ihr Credo ist, trotz zahlreicher Erfolge, bescheiden zu bleiben. Sie reiste nicht nur quer über den Globus, sondern kürzlich auch zu sich selbst, um sich und die Welt besser zu verstehen und ihr Bewusstsein auf ein neues Level zu heben.

Fa’, wie Freunde sie nennen, kam vor 4 Jahren nach Berlin um ihr Eyewear Label Pawaka aufzubauen. Sie wuchs in Jakarta auf, lebte in Hong Kong und Bali bis es sie in die deutsche Hauptstadt zog. Fräulein erzählt sie von ihrem Weg eines impulsiven Teenagers, der ihren Eltern Sorgen bereitete, hin zu einer gewissenhaften Unternehmerin, die es schafft, in einer hedonistischen Stadt wie Berlin, den Fokus zu behalten.

Fräulein: Beschreibe mir einen normalen Tag in deinem Leben.

Fa’: Meine tägliche Routine ist morgens aufzustehen mein Zitronenwasser zu trinken, Yoga zu machen und dann zu meditieren. Danach bearbeite ich Emails von zu Hause, mache eine To-Do-Liste und gehe ins Office zwischen 10.30 oder 11 Uhr. Dort arbeite ich an Designs bis ich Lunchen gehe – ein ziemlich normaler Tag also. Früher war mein zu Hause auch gleichzeitig mein Arbeitsplatz und ich habe dadurch kein Ende gefunden. Jetzt habe ich mir angewöhnt gegen 18 Uhr Feierabend zu machen, um Arbeit und Wohnen mehr zu trennen, zu Hause zu kochen und Ruhe zu finden.

Wie bleibst du fokussiert in einer Stadt wie Berlin, die voll von Ablenkungen ist?

Als ich nach Berlin zog, hatte ich dieses klare Ziel: Pawaka. Das heißt ich habe mich hier nicht treiben lassen, wie viele andere meiner Freunde, die immer noch versuchen herauszufinden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Ich hatte das natürlich auch in der Vergangenheit, aber glücklicherweise nicht als ich nach Berlin zog. Ich wusste genau, gerade weil Berlin eine Stadt voller Versuchungen ist, brauch ich hier eine Aufgabe. Um meine Konzentration jeden Tag aufs Neue zu erreichen meditiere ich. Es macht bereits einen riesen Unterschied, wenn ich es für ein paar Tage am Stück tue, weil es schnell zu einer Angewohnheit für deinen Körper wird und das hilft enorm um den Tag zu bewältigen und konzentriert zu bleiben.

Was inspiriert dich an der Spreemetropole?

Was meine anfängliche Aufmerksamkeit gefesselt hat war die große Freiheit, die hier geboten wird. Ich habe an keinem anderen Ort auf der Welt erlebt einfach sein zu können, wer du sein willst und deine Träume zu leben. Außerdem liebe ich die vielen unterschiedlichen kreativen Netzwerke, die hier existieren. Die Stadt ist zwar relativ groß, doch die Szene hier ist klein und man kommt schnell in Kontakt.

Würdest du sagen es gibt DIE eine Berliner Szene?  

Es gibt viele verschiedene Blasen hier und du musst die wirklich bewusste Entscheidung treffen in diese Blasen einzutauchen, sowie wieder herauszutreten, sonst macht man es sich in einer bequem und es wird eng. Aber das ist die Freiheit von der ich spreche – es ist alles in spürbarer Nähe.

Welche Szene bevorzugst du? 

Ich hatte bereits ein paar Freunde hier, die mich wiederrum anderen guten Freunden vorgestellt haben – überall wo ich also hinging waren es meistens Events von Leuten, die ich kenne. Ansonsten war ich sehr auf meine Arbeit konzentriert. Ich bin also in keiner bestimmten Szene, was wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass ich mich schon immer wie eine Außenseiterin gefühlt habe, sogar hier. Außerdem spreche ich kein Deutsch, weshalb ich mich noch nicht richtig dazugehörig fühle, aber für mich ist das okay für alle Zeiten eine Außenseiterin zu sein.

Was gefällt dir nicht an Berlin?

Ehrlich gesagt gibt es nicht viel, was mir hier nicht gefällt. Ich finde ein gewisser Faschismus ist hier noch vorhanden, den ich ab und zu auch noch selbst erlebe, auch viele Freunde von mir sind fast täglich damit konfrontiert. Aber das ist leider auch ein weltweites Problem. Amerika ist offensichtlich schlimmer betroffen, aber auch meine Heimat Indonesien ist nicht frei davon. Rassisten gibt es halt überall. Diese Mentalität wird sich auch nicht über Nacht ändern, sondern viele Generationen brauchen.

…Die Welt wird enger zusammenrücken und Fremdenhass wird hoffentlich verdrängt, weil alles mehr verbunden sein wird.

Ja, es wird sich ändern – die Generation Internet wird die Welt anführen, beziehungsweise tut sie es schon und wir werden sehen, was dann passiert.

 Du bist eine Macherin, wie lang denkst du über etwas nach bevor du es angehst?  

In der Vergangenheit habe ich nie etwas geplant. Aber seitdem ich Pawaka habe, habe ich gelernt mehr zu planen. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch und mache meistens alles so, wie ich es gerade fühle. Das kann positiv sein, führt aber auch zu vielen Fehlern. Heute bin ich reifer und versuche rationaler zu denken.

 Du wirst also mehr zu einer Deutschen?

Ich werde definitiv deutscher, aber das macht mir nichts aus (lacht). Man wird klüger mit seinen Entscheidungen, wenn man sich etwas mehr Zeit zum Nachdenken nimmt.

Wen fragst du nach Rat, wenn du welchen brauchst?

Früher habe ich nie nach Rat gefragt, aber wie bereits gesagt, bin ich nun dieses reifere, erwachsene Wesen (lacht) und je nach Thema frage ich nach Hilfe. Es gibt also nicht diese eine Person – klar, wenn es um Persönliches geht, rede ich mit Freunden, aber was das Geschäftliche angeht, frage ich wer am besten geeignet ist, um mir verschiedene Blickwinkel einzuholen.

Wie gehst du mit Selbstzweifeln um?

Ich bin sehr häufig hin und hergerissen und es fällt mir schwer Entscheidungen zu treffen. Nicht weil ich nicht weiß wie, sondern weil die Optionen manchmal zu viele sind. Wenn ich also in diesem skeptischen Modus bin, lasse ich es häufig für ein paar Tage ruhen, unabhängig von der Entscheidung. Manches braucht ein paar Tage Zeit und Raum, um es aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. Das habe ich allerdings erst mit der Zeit gelernt. Manchmal kommen die Zweifel aus einem Ort deines Inneren, mit dem du nicht im Einklang bist. Ich möchte sichergehen, dass die Zweifel auch eine Berechtigung haben und nicht nur aus meiner eigenen Unsicherheit heraus da sind. Also gebe ich dem Ganzen Zeit. Wenn die Zweifel nach einer Woche immer noch da sind, muss ich tiefer gehen und schauen was da los ist.

Wie gehst du mit Kritik um?

Ich wurde in eine muslimisch religiöse Familie geboren. Nicht meine direkte Familie, aber nahe Verwandte haben mich viel für meinen Lebensstil kritisiert. Es war schwer für sie zu sehen, dass ich die High School nicht beendet habe und stattdessen als Model die Welt bereise. Sie haben also viel Druck bei meinen Eltern aufgebaut, warum ich nicht heirate etc. – diese Vorstellungen Muslime dritter Welt eben. Aber in den letzten Jahren wurde ich sehr ehrgeizig mit dem was ich tue und seitdem werden sie entspannter, weil sie die Früchte meiner Arbeit sehen.

Früher war ich sehr schlecht darin Kritik anzunehmen, weil ich es sehr persönlich genommen habe. Mittlerweile kann ich damit besser umgehen, weil ich weiß, jeder hat seine eigenen Wahrheiten und die Ansichten können sehr unterschiedlich sein. Heute versuche ich mich mehr in die andere Person zu versetzen und sie zu verstehen, als nur in eine Art Kampfmodus zu gehen. Ich bin also wesentlich besser darin geworden mit Kritik umzugehen.

Es gibt nur sehr wenige, die sich glücklich schätzen können schon sehr früh zu wissen, was genau sie mit ihrem Leben machen wollen. Das war für mich nie der Fall.

Hast du jemals das Gefühl gehabt, mit etwas total gescheitert zu sein?

Ja ich denke, das ist mir schon ziemlich oft passiert. Zum Glück schaffe ich es aber es meistens zu wenden und als eine Art Werkzeug für Wachstum zu sehen.

 Ist das nicht etwas das auch erst wieder mit dem Alter kommt? In seinen 20ern hat man doch dieses breitere Verständnis für Fehler und Wachstum noch nicht.

Ja total, wenn man jünger ist, denkt man einfach man ist nicht gut genug und gibt den Traum oder die Beziehung einfach auf. Ich habe das Gefühle ich habe sehr viele Fehlschläge in Beziehungen erlebt. Habe die andere Person verletzt oder ähnliches und mich gefragt, warum ich es immer wieder versaue. Damals bin ich einfach vor den Problemen weggerannt, anstatt in mich zu schauen und nach dem Warum zu fragen. Heute sehe ich es in einem ganz anderen Licht. Ich versuche die gute Seite zu sehen – aus jedem Fehltritt lassen sich Lehren ziehen.

Was bedeutet Selbstakzeptanz für dich?

Das ist ein großes Thema für mich. Weißt du, wenn du jünger bist hast du immer diese Idee davon, wer du sein willst. Manchmal kommst du auch dorthin, ich vermute das ist die Kraft deines Geistes – wenn du an etwas so sehr glaubst, dann kannst du es auch werden. Aber dann ist da auch die Seite, wenn du dort bist, fragst du dich wieder, ist das wirklich was ich will und ist das wirklich wer ich sein möchte? Diese Dinge kommen allerdings nur über Trial-and-Errors. Es gibt nur sehr wenige, die sich glücklich schätzen können schon sehr früh zu wissen, was genau sie mit ihrem Leben machen wollen. Das war für mich nie der Fall. Ich habe so viele verschiedene Dinge ausprobiert und verschiedene Charaktere aufgesetzt – sogar heute kämpfe ich mit mir in bestimmten Bereichen meines Lebens. Aber ich denke die Selbstakzeptanz kam in den letzten Jahren. Ich habe viel an mir selbst gearbeitet und verstanden was Spiritualität bedeutet und habe angefangen es zu praktizieren. Berlin gab mir den Boden dafür meine Wurzeln zu setzen. Die Zeremonie meiner Spiritualität begann etwas vor meinem Umzug, aber Berlin wurde quasi zum Katalysator meines neuen Ichs.

Gibt es irgendetwas das du deinem 20-jährigen Ich sagen würdest, wenn du könntest? 

Mein 20-jähriges Ich würde gar nicht zu hören, also würde ich ihm ehrlich gesagt nichts raten. Ich würde mein jüngeres Ich einfach dazu ermutigen alles so zu tun, wie ich es eben getan habe, denn so habe ich gelernt, die zu sein, die ich heute bin. Ich würde sie also alle Fehler genauso machen lassen, ohne sie hätte ich nichts gelernt und wäre nicht dort wo ich jetzt bin.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus? Wie weit im Voraus planst du überhaupt?

Gute Frage. Ich habe Pläne, aber keine, die ich an eine Tafel schreibe. Ich habe mir selbst versprochen, dass ich erreichbare Ziele habe und die in einer gewissen Zeit umsetze. Ich bin aber nach wie vor keine Planerin. Wenn es um die Arbeit geht, muss ich natürlich einiges planen auf Grund der Saisons etc. aber außerhalb dessen würde ich von Zielen sprechen, die ich mir setze – so richtig planen tu ich die aber nicht.

Interview: Miriam Galler

Bilder: Viktor Sloth

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