Fotografin der Woche: Katrin Ingwersen

vor 4 Jahren

Jede Woche stellen wir an dieser Stelle eine junge Fotografin vor, die Talent, Hingabe und das Zeug zum Fräulein besitzt. Diese Woche: Katrin Ingwersen.

Schwangerschaftsstreifen und blaue Flecke: Echt ist alles. Katrin Ingwersens „Zwischen Leib und Seele“ war die Abschluss-Serie ihres Fotografie-Studiums. Dafür bat sie Menschen aus der Sado-Maso-Szene um einen Blick in ihr Leben. Sie könnten Nachbarn sein, die Verkäuferin aus dem Supermarkt oder der Bankangestellte, der unter dem Hemd ein Nippelpiercing trägt. Man sieht keine glattrasierten Erotik-Models, sondern echte Menschen mit Spucke und Falten, Narben und Glatze; fette Haut, eingeschnürt von einem dünnen Bindfaden. Gleichzeitig sind diese Leute irgendwie schön, weil sie so unverstellt in ihrem selbstgewählten Leiden aufgehen und dadurch in der Abhängigkeit fast wieder frei wirken. Sie werden in situativen Schwarzweiß-Aufnahmen in Aktion gezeigt und auf Farbfotografien, auf denen ihre Vorliebe für Schmerzen indirekt durch Blutergüsse und Striemen sichtbar wird. Paare, die sich lieben, aber trotzdem verletzen. Ein Widerspruch, unter dem sie ein Stück weit sicher leiden. Es ist eben nicht alles cool und aufregend, was in der Erotik-Welt stattfindet. Das macht die Fotografin bei aller Faszination deutlich. Damit holt sie eine in sich geschlossene Welt in ihrer ganzen Härte an die Oberfläche.

Ingwersen arbeitet neben ihrer Tätigkeit als freie Fotografin in Hamburg und Berlin auch als Tätowiererin und befasst sich dabei mit dem Körper und seiner Manipulation. Vielleicht hat sie auch deshalb diesen analytischen Blick darauf. Auf Technik legt sie weniger Wert, wie sie sagt. Alles wirkt dadurch sehr direkt, ein Stil, der besonders bei Vice-Magazin, Intro und Noisey zu finden ist, wo sie bereits veröffentlichte. Wichtiger ist ihr der Bezug zu den Menschen, die sie fotografiert: „Ich lege viel Wert darauf, Vertrauen zu meinen Protagonisten aufzubauen und sie in meiner Fotografie respektvoll zu behandeln“, sagt sie. „Ich möchte niemanden bloßstellen oder von oben herab schauen. Und ich hoffe sehr, dass man das in meinen Bildern sehen kann.“

So erzählen ihre Strecken tief recherchierte Geschichten, was wohl daran liegt, dass Ingwersen auch als Journalistin schreibt und die Bilder nicht ohne Zusammenhänge denkt. Das gilt ebenso für ihre weiteren Serien, die sich ebenfalls mit heiklen Themen auseinandersetzen. „Tabu“ befasst sich etwa mit dem Sterben einer Frau, die sie im Hospiz begleitet hat. „So stell‘ ich mir die Liebe vor“ zeigt Paare mit Behinderung, und wie sie miteinander umgehen. Es sind also meistens schwierige Sujets, die Ingwersen sich mit ausreichend Distanz fotografisch annähert, um nicht effekthascherisch zu wirken. Vielmehr hat man immer das Gefühl, dass die Protagonisten in ihrer Welt mit ihren Problemen und ihrem Glück oder Leid ernstgenommen werden. Eine gute Perspektive, schonungslos, aber nicht zur Schau stellend.

Beitrag: Maja Hoock (Bewerbungen an: maja.hoock@off-ones-rocker.eu)
Alle Bildrechte: Katrin Ingwersen

Katrin Ingwersen

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