„Frauenkörper werden im Kino oftmals denunziert“

vor 7 Monaten

Lilith Stangenberg hat nie eine Schauspielschule von innen gesehen. Dafür hat sie an der Volksbühne in Berlin gelernt, frei und radikal zu denken.

In einem Kreuzberger Café an einem der ersten wärmeren Frühlingstage. Lilith Stangenberg sitzt am Fenster mit dieser leichten Entrücktheit, die sie auch auf der Bühne so schwer greifbar macht. Ein Körper, der so zerbrechlich wie unzerstörbar scheint. Eine Stimme, die mal kindlich klingt, mal altersweise und mal nach beidem zugleich. Vor kurzem feierte der Kinofilm Wild von Nicolette Krebitz mit Stangenberg in der Hauptrolle auf dem Sundance Film Festival Premiere. Das Branchenblatt Hollywood Reporter schrieb: „Hollywoodschauspieler, die sich für mutig halten, wenn sie ein wenig aus ihrer comfort zone heraustreten, sollten sich angesichts von Lilith Stangenbergs Spiel verlegen und beschämt fühlen.“


Fräulein: Du wurdest 1988 in Kreuzberg geboren, ein Jahr vor der Wende. Das Schlesische Tor war damals noch eine Sackgasse am Ende Westberlins.

Ich meine mich noch an die Mauer zu erinnern. Wir haben als Kinder immer hinten am Kanal auf einem Spielplatz an der Lohmühle gespielt. Ich finde es übrigens schade, dass man sich so wenig an die früheste Kindheit und die Zeit im Mutterbauch erinnert. Das ist doch die beste Zeit!

Weil wir da noch nicht so fertig und abgebrüht waren?
Ja, die Zeit, bevor der ganze Wertekanon geklärt wurde.

Du spielt die Hauptrolle in dem Film Wild, der am 14. April ins Kino gekommen ist. Die Regisseurin Nicolette Krebitz sagte mir, dass Du für die Rolle perfekt gewesen wärst, eben weil Du nicht zu fertig im Kopf seist.
Schön! (lacht)

Dazu hast Du eine sehr besondere Stimme, so flüchtig und kindlich wie fest und bestimmt zugleich, aber das sagt man Dir wahrscheinlich oft.
Naja, früher habe ich oft auf Film-Castings immer wieder gehört: „Du bist ganz toll, optisch perfekt, aber wir können dich einfach nicht besetzen, weil deine Stimme eine Distanz zu den Zuschauern schafft.“ Die Zuschauer sollen ja im Film immer alles glauben können.

Wie war es am Theater?
Was beim Film ein Problem war, hat mir beim Theater geholfen. Da hatte ich gleich Erfolg. Allerdings war ich damals bei einer Logopädin, die mir sagte, in zehn Jahren sei der Charme meiner Stimme verflogen. Wurde meinen Kollegen Sophie Rois und Martin Wuttke auch erzählt. Der identische Satz. Inzwischen kann ich zwar wie ein Löwe brüllen, ohne dass ich heiser werde, aber ich mag es immer noch, wenn Gesichter, Augen oder eben auch Stimmen mir erst mal fremd sind. So komme ich auf neue Gedanken.

Diese Sensibilität gegenüber dem Fremden haben wohl die meisten Menschen. Allerdings löst sie bei vielen Angst und Ablehnung aus.
Menschen wollen immer alles domestizieren – aus Angst vor dem Unbekannten oder Unbestimmbaren. Daher wird auch ständig versucht, die Zukunft zu kontrollieren, abzusichern und zu planen. Das ist doch eigentlich absurd.

Machen Kunst und Theater genau das Gegenteil? Wird die Zukunft in Unruhe gebracht?
Das wird zumindest versucht. Darum liebe ich meine Rolle als Ania in Wild so sehr: Ania befindet sich in einer Welt, in der Werte wie Sicherheit, Gesundheit und Vorsorge wichtig sind.

Dann fängt Ania einen Wolf und sperrt ihn der eigenen Plattenbauwohnung ein, die er nach und nach demoliert.
Die Sehnsucht danach kann ich nachvollziehen. In einer Welt, in der die Beziehungen abgekühlt sind, in der die Gespräche und Begegnungen nicht mehr sonderlich tief sind und es heißt „jeder für sich und Gott gegen alle“ … In so einer Welt wächst der Wunsch danach, auszubrechen. Das ist mir ein ureigenes Thema. Ich habe nicht Anias Radikalität, aber nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, dachte ich mir: Das ist ein Sujet, über das ich sprechen, dem ich etwas hinzufügen kann – da will ich sein, da will ich hin, das will ich verkörpern.

Ania arbeitet in dem tristen Büro einer Internet-Firma. Erst wird sie übersehen. Als sie jedoch durch das Raubtier ihre eigene Wildheit entdeckt, weckt sie Begehren in ihren Kollegen.
Menschen, die plötzlich wissen, was sie wollen und das auch sagen, sind sehr selten! Dadurch werden sie so attraktiv, unwiderstehlich, fast schon erhaben. Meine Eltern waren auch sehr frei und wild. Darum liebe ich beides wohl so sehr.

Bist Du als Kind oft abgehauen?
Ich musste von Niemandem abhauen, weil ich schon so losgelassen war. Meine Mutter hatte einfach keine Angst um uns, was ich im Nachhinein erstaunlich finde.

In Wild spielst Du mit einem realen Wolf. Der ist nicht furchtlos, aber er scheint mutig. Ist dieser Mut anziehend?
Man kann einen Wolf zumindest nicht zähmen. Der bleibt einfach wild. Der Wolf im Film war zwar an Menschen gewöhnt. Aber nur eine falsche Bewegung – und er war weg. Es war viel Arbeit, diese Nähe zu erzeugen.

Wie habt Ihr Euch kennengelernt?
Ich bin dem Wolf zum ersten Mal drei Wochen vor Drehbeginn auf einer Farm in Ungarn begegnet. Ich bin mit ihm an der Leine gelaufen, habe mich neben ihn gelegt und gelernt,  ihn so anzufassen, dass er keine Angst verspürte. Das war andersherum natürlich genauso. Sobald ich Angst hatte, wurde er misstrauisch.

Das ist ja auch zwischen Menschen so.
Und beim Wolf ist es noch radikaler. Wenn ich mit einem Schauspieler eine Liebesszene drehe, dann kann das sehr intim sein, bleibt aber Spiel. Wenn du mit einem Wolf eine Liebesszene drehst, dann ist das Realität. Das Tier hat das Drehbuch ja nicht gelesen. Dafür musste ich mich derart hingeben, wie ich es vorher noch nie getan hatte. Zumindest bei der Arbeit. Dieser Kontrollverlust hatte etwas Belohnendes, Pures.

Hat der Wolf begonnen, auf Dich zu reagieren und mit Dir zu spielen?
Er hat total reagiert und diese Momente sieht man auch im Film! Manchmal , da hat er die Dinge ganz freiwillig gemacht . Er kommt und schnuppert an meinen Fuß  weil er es will. Er legt sich neben mich, ganz von sich aus. Ohne dass ich ihn mit Fleisch locken musste. Diese Momente berühren mich  sehr, wenn ich sie auf der Leinwand sehe.

Es gibt wirklich sehr intime Momente zwischen Dir und dem Tier: In einer Traumsequenz leckt er Dich zwischen den Beinen. War das trotz allem eine Überwindung für dich?
Ich dachte, ich wüsste, was da auf mich zukommt. Aber als er dann über mit stand, mich abschleckte, ich sein Fell roch und es fühlte, diese Energie spürte – das war schon speziell. Ein Wolf ist mehr Löwe als Hund. Ich weiß noch, dass ich nach manchen dieser sehr intimen Szenen … regelrecht geflogen bin, weil es so krass war. Das hatte ich wirklich noch nie erlebt.

Hast Du den Wolf nach den Dreharbeiten besucht?
Bisher leider nicht, aber bald hoffentlich. Ich habe oft von ihm geträumt.

Was denn?
Eine Art der Rekapitulation von Szenen aus dem Film. Aber ich wollte ihn nicht vergessen. Wenn es mir schlecht ging, dann dachte ich an ihn. Das half.

Wie war die Arbeit mit der Regisseurin Nicolette Krebitz?
Toll. Nicolette arbeitet sehr kompromisslos. Sie macht nichts, was ihrer Vision fremd sein könnte. Das merkt man dem Film an. Ich kann ihn sehen ohne zu leiden, dass hatte ich vorher so noch nie. Ich werde an keiner Stelle denunziert.

Was bedeutet das?
Frauenkörper können im Kino schnell denunziert werden. Man kann sie regelrecht ausstellen. Es ist furchtbar, so etwas zu sehen. Das war bei Nicolette ganz anders. Ihre Sinnlichkeit als Regisseurin hat auch bei mir eine ganz andere Sinnlichkeit provoziert. Wild ist ein radikal-sinnlicher Film.

Es gibt generell zu wenige Wölfe im deutschen Film?
Viele Hunde, wenige Raubtiere, ja.

Eigenwilligkeit wird nicht mehr honoriert?
Die will keiner mehr. Wie ich schon sagte, alles muss domestiziert sein. Das ist an der Volksbühne, an der ich Theater spiele, anders. Unser Intendant Frank Castorf hat die Kraft, nicht nur in 90-Minuten-Formaten zu denken, wie etwa ein Tatort, sondern grenzüberschreitende Gedanken in einer grenzüberschreitenden Zeitspanne auf die Bühne zu bringen. Aber das wollen die Leute scheinbar nicht mehr. Sein Vertrag läuft aus.

Ist Frank Castorf ein wildes Tier?
Auf jeden Fall.

Sag mir doch noch eine Textstelle, die dich zuletzt berührt hat.
Ich habe erst vor kurzem diese tolle Stelle bei Georges Bataille gelesen, da ging es darum dass die höchste Intensität in der Selbstverschwendung liegt, im Verschwenden von Energien: „Auf der Ebene des grenzenlosen Verlusts finden wir uns auf der Ebene des Seins wieder.“

Das ist ein schönes Zitat, aber es hat doch auch etwas Tragisches, wenn sich Künstler wie Georg Büchner oder Kurt Cobain so früh verbrauchen: so hell geleuchtet haben, dass sie vor aller Augen verglüht sind.
Ich glaube, wenn man als Künstler existieren will, dann muss man die Kraft haben, alles auf eine Karte zu setzen.

 

Interview: Ruben Donsbach
Foto: Ronald Dick

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