Gurr über Freundschaft, Heimkommen und Sahne

vor 11 Monaten

Gurr – das sind Laura und Andreya. Und weil sie so schlecht in Schubladen passen, kreierten ihre Fans eine eigene Genre-Bezeichnung für die Band: First Wave Gurrlcore. Am 28. November spielen die beiden in der Kantine am Berghain. Fräulein traf die zwei jungen Musikerinnen zu einem Kaffeeplausch über Freundschaft und Musik.

Einmal Apfelkuchen und Kamillentee und einmal Apfelkuchen mit Sahne und Milchkaffee: Wenn man die beiden jungen Frauen beobachtet, wie sie in dem lauschig-dunklen Berliner-Mitte Café nebeneinander sitzen, Laura redet und Andreya währenddessen löffelweise Sahne von Lauras auf ihren eigenen Teller befördert, hat man das Gefühl, die beiden ergeben zusammen eine Einheit.

Die Frage, die sich unsere Autorin zu Beginn des Treffens stellt: Was hat es mit dem Genre First Wave Gurrlcore auf sich? Laura fasst zusammen: „First Wave – weil wir eigentlich in der Third Wave of Feminism sind und First Wave ironischerweise cooler ist. Gurr, weil das unser Bandname ist und –core weil es wie Hardcore klingt, wir aber so gar nicht Hardcore sind.“ 

Andreya und Laura lernten sich an der Uni kennen und machen seit 2012 zusammen Musik. Drei Jahre später erscheint die erste EP Furry Dreams, diesen Oktober haben sie ihren ersten Long Player veröffentlicht: In my Head. Wie haben die beiden sich seitdem weiterentwickelt? „Die EP war hedonistischer oder naiver. Es war alles sehr spontan und impulsiv. Und in den meisten Songs ging es ums Fortgehen.“ Damals sind die beiden gerade von einer einjährigen Amerika-Reise zurückgekehrt. „Wir wollten uns Berlin wieder erarbeiten, uns in die Szene einfinden. Wir waren wie in einem Loch. In dieser Zeit sind Songs entstanden wie „No new friends“. Es ging viel um das Gefühl, sich in der Stadt verloren zu fühlen, in der man eigentlich mal wohnte und wie es ist, nach einem Jahr wiederzukommen.“ Während auf der ersten EP auch ein Lied zu finden ist, das Andreya mit 17 Jahren geschrieben hat und sie somit Stücke aus verschiedenen Lebensphasen vereint, kann ihr Debütalbum nun tatsächlich als Momentaufnahme verstanden werden. Mit einiger Vorarbeit ist es vor allem während einer einmonatigen Aufnahmezeit im Berliner Funkhaus entstanden. Richtig fertig geworden sind manche Lieder erst zwei Tage vor der Aufnahme im Studio. 

Laura: Wir hatten auch ein bisschen Angst, dieses Album raus zu bringen.
Andreya: Aus dem Grund, weil wir bisher immer nur in der Garage-Punk-Szene unterwegs waren. Wir hatten die Befürchtung, dass die Leute sagen würden, wir seien irgendwelche Pop-Sell-Outs.
Laura: Aber am Ende waren sie sehr nett. Für die Musiker aus der Szene war es wohl doch kein so großer Unterschied. Für uns hat es sich extrem angefühlt – wie ein großer Schritt.

Trotzdem hätte es Laura und Andreya wahrscheinlich nicht so viel ausgemacht, wären doch nicht alle eventuellen Kritiker nett gewesen. Denn sie haben ja sich. Schon kurz nachdem sie sich über einen gemeinsamen Freund an der Uni kennenlernten, buchten sie einen Flug nach London und reisten fünf Wochen gemeinsam durch England. „Wir sind dann schon relativ schnell in unsere Flitterwochen gefahren“, erinnert sich Andrea und lächelt verschmitzt.

Angefangen als Trio, entschieden Andreya und Laura letztlich ihre eigenen, gemeinsamen Vorstellungen zu verfolgen: „Wir wollten straight geradeaus gehen, statt in der DIY-Tüftelei zu verharren. Wir wollten versuchen, Erfolg mit unserer Musik zu haben.“ Inzwischen spielen sie als Support von Bands wie Kakkmaddafakka und Künstlerinnen wie Peaches. Gerade touren sie mit ihrem eigenen Album durch die großen Städte und Clubs.

Wenn man denkt, die beiden wollten sich hinter dem stark gedämpften Licht in dem Café oder dem Berg von Apfelkuchen auf ihren Tellern verstecken, dann hat man sich getäuscht. Andreya und Laura bestärken sich in ihrer Ehrlichkeit. Reflektionen über Erlebtes und Geschehnisse sind nicht nur Teil ihrer Liedtexte, sondern auch ihres Alltags. So geben sie beispielsweise offen zu, dass sie in der Zeit als sie sich noch nicht kannten, befürchteten, die jeweils andere könne cleverer oder cooler sein als sie selbst. Und wenn man sie danach fragt, was eine Freundschaft für sie ausmacht, dann klingen ihre Antworten nicht nach gut formulierten Worthülsen, sondern nach schlichter, aus dem Leben gegriffener Ehrlichkeit.

Andreya: Freundschaft bedeutet für mich, sich eine Zeit lang auch mal nicht melden zu können, es für die andere Person aber in Ordnung ist.
Laura: Und wenn man sich danach wieder sieht und alles so ist wie vorher. Unsere Freundschaft ist für mich sehr inspirierend. Wir geben uns gegenseitig Bücher, die wir gut finden und machen uns auf Filme oder Ausstellungen aufmerksam. Ich komme vom Dorf und kannte es vorher nicht, dass es Leute gibt, die einem neue Impulse geben können.
Andreya: Und wichtig ist auch: Egal welche Panik oder welches dumme, kleine Problem man hat – Es ist erlaubt, alles ausdiskutieren zu können. Außerdem traut man sich dann auch mehr, Eigenschaften oder Ideen von sich preis zu geben. Wären Laura und ich nicht so gut befreundet, hätte ich mich zum Beispiel bei einem Lied wie „Diamonds“ nicht getraut, es ihr zu zeigen. Ich dachte es wäre Quatsch. Und am Ende war es auf dem Album.

In my Head ist eine musikalische Gedankensammlung. Dass diese aus den Köpfen zweier junger Frauen kommt, versuchen die beiden so gut es geht auszublenden: „Ich will über Charaktere schreiben oder über Gefühle und kein Sprachrohr sein für politische, feministische Themen“, meint Laura. Am liebsten wäre ihnen, mit dem Selbstverständnis wahrgenommen zu werden, wie Bands mit männlicher Besetzung. Diese müssten bei Interviews keine Antworten auf Geschlechterfragen geben, sondern dürften einfach über ihre Musik sprechen. Außerdem werde davon ausgegangen, dass männliche Musiker mit der Bühnentechnik vertraut sind, während Laura und Andreya schon oftmals ungefragt erklärt wurde, wie sie Pedale zu bedienen oder am besten ins Mikrofon zu singen hätten.

„Wir sind super feministisch. Nur sagen wir es eben nicht. Das ist unser Kampf.“ Man sollte meinen, das Publikum bringe nach einem Konzert von Gurr Begeisterung zum Ausdruck. Doch oft überwiegt bei vielen zunächst die Überraschung darüber, dass es Frauen sind, die auf der Bühne stehen und Instrumente wie Gitarre spielen. Diese begeisterte Verwunderung äußerten bisher schon einige Konzertbesucher der Band gegenüber:  „Ich finde es voll geil, wenn Frauen so richtig abrocken. Diesen Satz hasse ich.“, sagt Andreya und sticht mit der Gabel in ihren Apfelkuchen.

Für die kommenden Konzerte hat sich Gurr einen kleinen Traum erfüllt. Wenn sie auf der Bühne einlaufen, soll ein Entrance-Song gespielt werden. Dabei geht es nicht um ein Stück, das in die Kategorie besonders inspirierende Musik fällt, wie etwa Ty Segall.“ Es sind Songs, mit denen wir eine gute Zeit verbinden, die man zusammen im Auto hört und jeder singt mit. Zum Beispiel „Beautiful Liar“ von Destiny’s Child.“

Es ist eine besondere Energie, die die beiden aus einer guten Zeit miteinander schöpfen. Aus gemeinsamen Abenden in der Lieblingsbar und Insidern, die nur sie kennen. Andreya und Laura verbindet Freude über einen guten Buchtipp oder darüber, dass man eben doch genau auf einer Wellenlänge schwingt und der Apfelkuchen mit der halben Menge Sahne noch besser schmeckt, als mit einer riesigen Portion für sich allein. Und darüber, dass man sich zusammen etwas getraut hat und gemeinsame Ziele hat – Ebenjene Energie spürt man und sie trägt einen als Hörer durch die Songs.

Ein großer Teil an zu erfüllenden Wünschen für die Zukunft hat sich mit dem Entrance-Song nun schon erledigt. Außerdem sind sie mit ihrer Musik nun schon so weit, dass sie vor Kurzem mit großer Erleichterung ihre beiden Bürojobs im Marketing kündigen konnten. Was vielleicht noch kommen könnte? Sie wollen auf Festivals spielen, vielleicht eine Nagellack-Linie für Gitarristinnen kreieren und persönliche Mikrofone, damit man nicht immer den Mundgeruch der Vorgänger abkriegt. „Ich sehe es schon so vor mir“, sagt Laura und beschwört mit flachen Händen die Umrisse ihrer Vision „in einem Regal auf der Bühne liegen unsere persönlichen Mikros beschriftet nebeneinander und warten nur auf uns: Laura und Andreya.“

Hier findet ihr alle Tourdaten.

Das Konzert am 28. November in der Kantine am Berghain in Berlin ist leider schon ausverkauft. 

Interview: Alicja Schindler
Bilder: PR

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