Happy Birthday Donyale Luna!

vor 4 Wochen

Das erste schwarze Vogue-Model wäre heute 72 Jahre alt geworden.

In The September Issue, dem Dokumentarfilm von 2009 über Anna Wintours ultrakühles Durchregieren bei der amerikanischen Vogue, gibt es eine bezeichnende Szene: Wintour steht mit ihrer Tochter im Wohnzimmer ihres Anwesens auf Long Island und blättert die September-Ausgaben durch, die sie als Chefredakteurin der Vogue seit 1988 verantwortet hat. Das September-Heft ist traditionell das dickste, anzeigenstärkste und wichtigste im ganzen Jahr. Beim Cover vom September 1989 – es zeigt eine lachende Naomi Campbell im roten Paillettenkostüm am Strand, fotografiert von Patrick Demarchelier – hält Wintour kurz inne und sagt zu ihrer Tochter: „That was considered questionable“ – mit anderen Worten: Ein schwarzes Model auf dem Titel, das war damals noch ein großes Ding.

Es ist heute noch ein großes Ding. Denn nach diesem Cover, das damals vermutlich gegen allerhand Widerstand aus den Vertriebs- und Anzeigenabteilungen beim Verlag Condé Nast durchgeboxt werden musste, dauerte es ganze elf Jahre, bis Wintour noch einmal eine dunkelhäutige Frau auf die September-Vogue brachte (Halle Berry, fotografiert von Mario Testino, 2010). Und auch heute, fünf Jahre später, sind nicht-weiße Models auf Titelseiten – nicht nur bei der Vogue – immer noch die Ausnahme, ähnlich in Anzeigenkampagnen und auf Laufstegen. Die Vorwürfe, die Modewelt sei strukturell rassistisch und bemühe sich statt um „diversity“ nur darum, ihr weißes Schönheitsideal zu zementieren, reißen nicht ab. Sicher, mit Lupita Nyong’o als aktuellem Lâncome-Gesicht, Rihanna als erster schwarzer Dior-Repräsentantin und der letztjährigen Burberry-Kampagne mit Naomi Campbell und Jourdan Dunn mag es so wirken, als herrschten gerade goldene Zeiten für dunkelhäutige Models. Aber solch prominent besetzte Highlights können nicht darüber hinwegtäuschen, dass insgesamt immer noch etwa 90 Prozent aller Modeljobs an weiße Frauen vergeben werden. „It’s hard for black girls“, erklärte Jourdan Dunn im April in einem Interview mit der Sunday Times und verriet, aufgrund ihrer Hautfarbe so viele Jobs nicht bekommen zu haben, dass sie zwischendurch schon ans Aufhören gedacht habe.

Womit wir bei Donyale Luna wären, für die es zeitweise auch hart war und um deren Legende es hier gehen soll. Ihren Namen kennen heute nicht mehr viele, aber diejenigen, die ihn kennen, wissen: Luna war das erste schwarze Topmodel, auch wenn dieser Begriff in den 60er Jahren, als sie ihren großen Moment hatte, vielleicht noch nicht sehr gebräuchlich war. Geboren als Peggy Ann Freeman 1945 in Detroit, Michigan, wurde sie 1963 von dem britischen Modefotografen David McCabe in Detroit auf der Straße entdeckt und ein Jahr später in New York an eine der höchsten Stellen vermittelt: Nancy White, die damalige Chefredakteurin von Harper’s Bazaar, war auf Anhieb begeistert von Lunas Erscheinung – 1,88 Meter groß, superdünn, mit diesem unvergesslich grazilen Gesicht, das Salvador Dalí später als „Wiedergeburt von Nofretete“ bezeichnete. White gab sofort eine Illustration der 18-Jährigen in Auftrag, die im Januar 1965 dann auf dem Cover gedruckt wurde. Das erste schwarze Model auf dem Titel von Harper’s Bazaar. Aber als Zeichnung, wohlgemerkt (auf ihr fiel Lunas Hautfarbe auch recht hell aus). Für ein Foto war Amerika noch nicht bereit. Der Civil Rights Act, der die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten offiziell beendet hatte, war erst wenige Monate zuvor – am 2. Juli 1964 – in Kraft getreten, in den Südstaaten kochte noch die Wut der weißen Rednecks und Ex-Sklavenhalter über diesen Schritt. Als Nancy White in den folgenden Harper’s Bazaar-Ausgaben auch Bildstrecken mit Luna druckte, fotografiert vom großen Richard Avedon, hagelte es in der Anzeigenabteilung Stornierungen von empörten Werbekunden aus den Südstaaten, und auch Abonnenten kündigten reihenweise. William Randolph Hearst Jr., der Harper’s Bazaar-Herausgeber, gab seiner Chefredakteurin daraufhin zu Verstehen, er wünsche keine weiteren Fotos dieses Models im Magazin.

"Ich komme vom Mond"

Ohne Aussicht auf weitere Jobs ging Luna nach Europa und wurde dort – zunächst im „Swinging London“, später auch in Italien – mit offenen Armen empfangen, was heißt: Sie wurde von Legenden der Modefotografie wie William Claxton, Helmut Newton und David Bailey fotografiert, hing mit den Rolling Stones ab, hatte angeblich mit deren Gitarrist Brian Jones eine Affäre (so wie kurz darauf auch mit den deutschen Schauspielern Maximilian Schell und Klaus Kinski), rauchte Joints, nahm LSD, führte sich in der Öffentlichkeit recht wild auf und antwortete in Interviews, wenn sie gefragt wurde, woher sie komme: „Vom Mond“, oder: „Vom Mars.“ Dazu passte ihr Auftritt im Film Qui êtes-vous, Polly Maggoo? (1966), einer legendären Satire auf die Mode- und Modelindustrie von William Klein: In der Eröffnungssequenz, einer futuristischen Metall-Modenschau, wird Luna in so etwas wie ein glänzendes Ofenrohr gesteckt und schwebt darin magisch über den Laufsteg, als außerirdische Erscheinung. Die britische Vogue nahm Luna dann im März 1966 aufs Cover: schräg von der Seite fotografiert, mit elegant gespreizter Hand vorm Gesicht. Zeige- und Mittelfinger bilden ein V, dazwischen sticht ihr linkes Auge besonders hervor, während der Handteller die breite Nase und die Lippen verdeckt. Als hätte David Bailey, der Fotograf, zu ihr gesagt: Wir brauchen noch ein Bild, auf dem du möglichst un-afrikanisch aussiehst. Oder als hätte Luna – sich dessen bewusst, was auf einem Vogue-Cover möglich sein würde – die Pose selbst vorgeschlagen. So oder so: Mit diesem Foto wurde sie zum ersten dunkelhäutigen Model auf einem Vogue-Cover. Die amerikanische Vogue zog erst acht Jahre später nach: Deren erstes afroamerikanisches Covermodel war im August 1974 die im Vergleich zu Luna weit weniger wilde, konservativen Haushalten wohl leichter als nette Nachbarin zu verkaufende Beverly Johnson. Politik der kleinen Schritte. Politik in Bildern.

Schaut man sich die Shoots mit Donyale Luna heute an, ist kaum zu übersehen, dass sie meist als das ultimative „Andere“ besetzt wurde – Raubtier, Pharaonin, Flamingo, oder eben extraterrestrische Frau aus der Zukunft (im Space-Age-Spiegelkleidchen von Paco Rabanne). Sie beklagte sich nicht über solche exotischen Rollen, im Gegenteil, sie spielte mit ihnen – und war damit, so könnte man aus heutiger Perspektive sagen, wohl so etwas wie das amerikanische Pendant zu Veruschka, dem deutschen Topmodel, das in den 60ern aus Modeling eine Art Performancekunst machte. Veruschka, bürgerlich Vera von Lehndorff, hatte in Hamburg Kunst studiert und stilisierte sich als Model zur mysteriösen Russin, die direkt von der Front des Kalten Krieges kommt und wie eine Agentin bei jedem Shoot in eine andere Rolle schlüpft (Marilyn Monroe, Ursula Andress, usw.). Donyale Luna kam vom Mars und inszenierte sich am liebsten in Posen, die sie unnahbar und übermenschlich machten. Oder sie eignete sich ganz affirmativ die animalischen Zuschreibungen an, mit denen die Presse versuchte, ihr außergewöhnliches Äußeres in Worte zu fassen („spinnenartige Glieder“, „Cobra-artiges Gesicht“) und erzählte dann beispielsweise italienischen Journalisten, sie ernähre sich von drei Kilo Fleisch am Tag.

Tatsächlich war Veruschka – so sagt Luigi Cazzaniga, ein italienischer Fotograf, den Luna 1975 heiratete und mit dem sie 1977 eine Tochter bekam – eine große Inspiration für Luna. Als Kunstfigur, und als Mensch. Die beiden Frauen kannten sich, wurden in Mailand von demselben Agenten vertreten und spielten teils auch in denselben Filmen mit. In Carmelo Benes rauschhafter Bildorgie Salomè (1972), einer losen Adaption von Oscar Wildes gleichnamigen Drama, traten beide mit Glatze auf, Veruschka nur kurz in einer Nebenrolle (im Gesicht mit allerhand Kristallschmuck beklebt), Luna als mysteriöse Kindfrau Salomé, die Herodes am Ende bei lebendigem Leib die Haut abzieht.

Mindestens ebenso großen Einfluss auf Lunas Performances als Exotin und Außerirdische hatte aber, so sagt wiederum Luigi Cazzaniga, ihr Selbstverständnis als „Mulattin“. Sie selbst betonte immer wieder, ihre Mutter habe neben afroamerikanischen auch europäische Vorfahren und in der Familie ihres Vaters gebe es auch südamerikanische Einflüsse. „Schwarz“, das war für Luna eine unzulässige Verallgemeinerung, sie fühlte sich „in between races“: nirgends richtig zugehörig, weder zur schwarzen Community noch einer anderen. Als sie 1968, während der Hochphase der afroamerikanischen Emanzipierungsbewegung, für ein Porträt in der New York Times gefragt wurde, ob ihr Erfolg anderen schwarzen Models den Weg zu einer Karriere ebnen könne, antwortete sie: „If it brings about more jobs for Mexicans, Asians, Native Americans, Africans, groovy. It could be good, it could be bad. I couldn’t care less.“ Ein Zitat, aus dem neben ihrem Unwillen, sich auf eine Rolle – die der „Schwarzen“ – festnageln zu lassen, auch ein übergreifend solidarisches Bewusstsein für die Benachteiligung anderer Minderheiten spricht, und wiederum ein Unwille, sich zur politischen Posterfigur stilisieren zu lassen.

Würde Donyale Luna noch leben, man würde sie heute gerne fragen, was sie davon hält, dass nicht-weiße Models immer noch benachteiligt und exotisiert werden, dass ihre Haut in Photoshop aufgehellt wird, und so weiter. Leider ist das nicht möglich: Sie starb im Mai 1979 in Rom an einer Überdosis Heroin. Sie wurde nur 33 Jahre alt. Ihr Witwer Luigi Cazzanagi sagt, sie sei nicht süchtig gewesen, habe immer nur „weiche Drogen“ genommen. Das Heroin sei ihr einmal von Leuten aufgeschwatzt worden, und dann habe ihr Körper gleich beim ersten Schuss mit einem tödlichen Schock reagiert. Das mag stimmen oder eine nachträgliche Beschönigung sein. So oder so: Donyale Luna bleibt ein Mythos. Und ihre Karriere eine Erinnerung daran, dass es im Spannungsfeld zwischen Schönheitsidealen, Rassismus und persönlicher Sinnsuche keine einfachen Wahrheiten gibt.

Text: Jan Kedves
Fotos: Luigi Cazzanagi

Dieser Beitrag erschien in Fräulein Ausgabe Nr. 16

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