Heft: Das Bild mit Brody Dalle

vor 3 Jahren

Die Punkrock-Sängerin Brody Dalle liebt Krawall und Kontemplation. Schon mit 15 Jahren hatte sie einen Plattenvertrag und spielte später als Frontfrau und Gitarristin der Bands The Distillers und Spinnerette auf allen großen Festivals. Ein Gespräch über ihre Teenager-Zeit, zwei Schwangerschaften und andere Metamorphosen des Alltags. Dazu malte sie uns ein einäugiges Selbstportrait.

Fräulein: Wie oft sind Sie in Ihrem Leben durch eine Metamorphose gegangen?
Brody Dalle:
Wahrscheinlich ist mein ganzes Leben eine einzige Metamorphose. Man entwickelt sich die ganz Zeit. Mein Vater sagte mir, das Einzige, was im Leben konstant ist, sei Veränderung. Das ist wahr. Wenn du eine miese Zeit durchlebst, ist es das Beste, wenn man das in irgendeiner Form ausdrücken kann. Insbesondere, wenn man den Wunsch hat, voranzukommen, eine glückliche Person zu sein. Wenn nicht, kannst du dich in deinem Unglück suhlen!

Inwiefern reflektieren Sie diese Transformationen in Ihrer Musik?
Ein Song, ein Album ist immer eine Momentaufnahme der eigenen Lebensphase. Die Aufnahmen speisen sich aus allem, was einen umgibt. Ein Song hat deshalb oft mehrere Geschichten, die alle miteinander zusammenhängen. Mit meinem ersten Solo-Album „Diploid Love“ begann ich kurz vor der Schwangerschaft 2011.

Im Song „Dont Need Your Love“ hört man Kinderstimmen im Hintergrund quietschen. Sind das Ihre Kinder?
Ja, das sind die Stimmen meines Sohnes und meiner Tochter. Ich nahm sie auf, während sie in der Badewanne spielten. Der Song ist ursprünglich für eine Person, enthält aber zwei Geschichten. Es geht um mich und meinen Sohn.

Was hat sich nach der Geburt Ihres Sohnes verändert?
Während der Schwangerschaft und nach der Geburt fühlte ich mich wirklich gut. Ich fühlte mich selbstsicher und glücklich. Als meine Tochter 2006 geboren wurde, hatte ich so was wie eine persönliche Krise. Ich wusste nicht, wer ich bin, wo ich bin und was ich mache. Da kam ich nicht richtig raus. Erst nachdem mein Sohn geboren wurde, fühlte ich mich wirklich als Mutter. Ich gewöhnte mich an mein neues Leben, an das Erziehen meiner kleinen Tochter und daran, mit meinen eigenen Problemen umzugehen, ohne es auf sie abzuwälzen.

Persönliche Krisen führen oft zu einem Gefühl der Entfremdung. Kennen Sie das Gefühl, eine Außerirdische zu sein?
Ich fühle mich bereits mein ganzes Leben wie ein Außerirdischer. Als Kind war ich eine Außenseiterin. Ich war schüchtern, fühlte mich seltsam und passte nicht so richtig dazu. Doch je älter ich wurde, desto mehr entdeckte ich, dass es unzählige Leute gibt, die genauso fühlen, dass es ein ziemlich menschlicher Zustand ist.

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Sie texten und singen darüber, wie man überlebt, seine Probleme in den Griff bekommt. Was gibt Ihnen Kraft und Energie?
Ich habe von Natur aus viel Energie. Um mein Gehirn auszuschalten, gehe ich lange joggen. Joggen ist großartig, denn man findet einen eigenen Rhythmus. Man kann es überall machen, man ist frei. Es ist wie Meditation. Mein Ehemann versucht mich schon seit Längerem von Transzendentaler Meditation (TM) zu überzeugen.

Was passiert da?
Man denkt an überhaupt nichts. Es ist eine unglaublich kraftvolle Erfahrung. Angeblich soll es sogar Körperzellen regenerieren. Es gibt eine kleine Stadt in den USA, die total von einer TM-Welle ergriffen wurde. Dinge liefen in dem Dorf nicht gut, die Leute waren depressiv, dann gab es eine Stadtversammlung, eine Frau überzeugte alle Bewohner, Transzendentale Meditation auszuprobieren. Plötzlich fingen die Leute an gut zu arbeiten, ihr Leben erfüllter und glücklicher zu gestalten. Ich schätze, ich sollte es ausprobieren.

Mit Meditation kann man verschiedene Charaktereigenschaften ins Gleichgewicht bringen. Was sind die Extreme Ihrer Persönlichkeit?
Ich bin von Natur aus sehr aggressiv. Wenn ich auf die Bühne gehe, dann transformiere ich zu diesem wilden Tier. Es gibt einen Teil in mir, der überleben, den Leuten in den Arsch treten will. Ich habe keine Lust mir Scheiße anzuhören. Als Kind habe ich so viel Mist erlebt, dass ich manches jetzt komplett ablehne. Meine Mutter war auch eine energische Person. Sie ist eine politische Aktivistin. Somit bin ich von Kind an mit einem aggressiven weiblichen Archetyp aufgewachsen, die zu Protesten ging und Prügeleien mit Polizisten führte. Solche Erlebnisse prägen.

Wie fühlten Sie sich damals?
Als Kind war das sehr peinlich und auch beängstigend. Heute kann ich diese Energie und kritische Haltung in meiner Musik ausdrücken.

Im Video zu Ihrem Song „Meet the Foetus“ empören Sie sich über viele gegenwärtige Ereignisse …
Es gibt viele Dinge, die mir nicht gefallen. Ich haue keine Statements raus, sondern stelle lieber Fragen. Denn es gibt einige Fragen zu stellen: Schau nach Syrien, nach Fukushima oder auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. All dieser Scheiß macht mich sehr wütend. Im Video zu „Meet the Foetus“ sind Traumsequenzen zu sehen, die meine Angst zeigen, Kinder in diese Welt zu bringen.

Was bedeutet es für Sie jetzt, eine Familie zu haben?
Meine Kids und mein Ehemann sind meine Heimat. Wir leben in Kalifornien, teilen dort unser Leben, spielen und singen viel zu zusammen. Das vereint. Mein Sohn spricht schon sehr gut, singt unentwegt und erfindet seine eigenen Texte. Mein absoluter Favorit ist, wenn er in der Küche steht und schreit: „I don’t like you, don’t like you, don’t tell me what to do!“

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Bilder: Christian Hasselbusch

Styling: Madeleine Machold

Interview: Robert Grunenberg

Dieser Beitrag erschien in Fräulein Nr. 13

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