Heft: Interview mit Kim Gordon und Jutta Koether

vor 1 Jahr

Seit den 90er-Jahren lösen Jutta Koether und Kim Gordon die Grenzen von Musik, Performance und Bildender Kunst auf und denken sie neu. Vor einer gemeinsamen Performance zum Ende der Mike-Kelley-Retrospektive im New Yorker MoMa PS1 2014 sprachen wir mit den beiden über eine Zeit vor dem Internet, den amerikanischen Traum und die berüchtigten 15 Minuten Ruhm.

Fräulein: Frau Koether und Frau Gordon, zuletzt gab es einen auffälligen 90er-Jahre-Hype, der sich in unzähligen Retrospektiven mit Künstlern wie Jeff Koons, Paul McCarthy, John Baldessari und eben Mike Kelley zeigt. Woran liegt das?
Kim Gordon:
Ich denke, der Hype speist sich vor allem aus einem Interesse an einer Vor-Internet-Zeit, an die wir uns kollektiv nur noch vage erinnern können.

Warum gibt es so eine Nostalgie nach dieser Zeit?
Jutta Koether:
Ich glaube nicht, dass es nur Nostalgie ist. Viele Retrospektiven und auch Trends in der Mainstream-Kultur versuchen zu analysieren, wie es uns mit der digitalen Revolution ergangen ist, wie neue kulturelle Ausdrucksformen funktionieren. Man denkt zurück an ein Zeitalter, in dem die Medien noch nicht derart präsent in unserem Alltag waren. Damals wurden Inhalte und Gefühle anders ausgedrückt. Inzwischen wird man sich darüber bewusst, dass seit dem etwas verloren gegangen und unwiderrufbar geworden ist. Doch diese vermeintliche Unschuld einer vormediatisierten Sphäre ist selbst eine problematische Empfindung. Denn auch die 90er-Jahre waren natürlich durch Kanäle wie das Fernsehen stark mediatisiert. Allein der technologische Aspekt der Digitalität spielt heute eine größere Rolle. Kurz, es gibt einen Realisierungsprozess, dass ein Wandel eingetreten ist. So etwas dauert 20 bis 30 Jahre, deshalb fällt er genau in unsere Zeit.

Das Internet hat zahlreiche solcher Verschiebungen bewirkt, Stars werden immer zugänglicher, es hat sich eine DIY-Starkultur herausgebildet…
KG:
Sicher. Jeder beruft sich heute auf Warhols „15 minutes of fame“, auf seine Prognose, dass jeder Mensch in der Zukunft kurz berühmt sein wird. Ruhm oder das, was wir darunter heute verstehen, ist für jeden zugänglich. Die Selbstvermarktungsmöglichkeiten im Internet haben unsere Vorstellung von Stars und Starkultur verändert.
JK: Ich denke, dass Stars vor allem ein Markt sind. Das ist ein Konsum-Konzept. Das Begehren richtet sich nicht auf Objekte und Dinge, sondern auf Status. Dieser zirkuliert als eine Art Währung, mit dem eine Form des Seins gehandelt, gekauft und verkauft werden kann.
KG: Insgesamt ist das eine amerikanische Entwicklung; es ist ein wesentlicher Bestandteil des amerikanischen Traums.

Wie hat sich der amerikanische Traum seit den 90er-Jahren verändert? Ist das amerikanische Versprechen vom Tellerwäscher zum Millionär noch gültig?
JK:
Ich gebe die Frage lieber zurück. Unter welchen Bedingungen arbeiten wir heute? Offensichtlich gibt es eine Veränderung, eine technologische Erreichbarkeit und eine Beschleunigung, die jeden beeinflusst: Arbeiter, Kulturschaffende, wen auch immer. Wir sind heute nicht weiser als noch in den 90er-Jahren. Wir haben auch keine besonderen Werkzeuge. Es ist vielmehr eine Art der Intuition. Man geht zurück zu dem, was man gelernt hat; Techniken, die man sich innerhalb seiner eigenen Geschichte angeeignet hat. Was wir hier heute bei der Performance platzieren oder herausarbeiten wollen, das sind Partikel einer geteilten Geschichte zwischen Kim, Mike Kelley und mir, einer Zeit und einem Ort.

Stichwort: geteilte Geschichte. Wie wurden Sie beide Freunde?
JK:
Wir trafen uns während der Arbeit.
KG: Das war 1987. Jutta interviewte mich und Sonic Youth für das „Spex Magazin“. Das erste gemeinsame Projekt machten wir dann 1994. Jutta hatte eine Show bei Pat Hearn in New York 1999 und fragte, ob sie ein paar Arbeiten installieren könnte. Unsere erste gemeinsame Installation „The Club in the Shadow“ machten wir dann 2003 bei Kenny Schachter ConTEMPorary in New York.
JK: Uns verbindet ein geteiltes Interesse, ein geteilter Austausch, der gleichermaßen Kunst und Musik berührt.

Gibt es andere jüngere Künstlerinnen, die in Ihrer Tradition arbeiten, die in den Fokus gehören?
JK: Mich interessieren künstlerische Positionen, die etwas verändern, die wirklich neue Ideen und Behauptungen aufstellen und nicht die Modelle aus den 90ern oder sonst irgendeiner Zeit wiederholen. Neue Rollenmodelle sollten aus ihrer eigenen Zeit kommen. Es ist doch viel interessanter etwas wachsen zu sehen, das anders ist und eine Verbindung zu den Fragen der Ge- genwart herstellt.

Was hat heute zeitgenössische Relevanz?
JK: Die Frage ist eher, wie wird zeitgenössische Relevanz konstituiert. Wir sind in einem System der Klicks, Likes und Follower gefangen. Ich glaube, das ist nicht der einzige Weg zu denken. Es wird eine neue Generation geben, die das nicht mehr mitmacht, die wirklich versuchen wird, andere Möglichkeiten und Wertesysteme herauszuarbeiten.

Wer oder was das ist, kann man zurzeit noch nicht sagen, wir stecken mitten im Prozess. Das braucht Zeit. Vielleicht hat sich der Glaube gefestigt, dass eine mediale Popularität kulturellen Einfluss verleiht …
KG: Es gibt diese Vorstellung und den Wunsch in der Kunstwelt, über die Maße populär und einflussreich zu sein. Das sind ähnliche Mechanismen wie in der Politik. Zudem begünstigen die sozialen Medien eine Auflösung der Grenzen zwischen Kunst und Mainstream. Jay-Zs Song, seine Performance mit Marina Abramovic in der Pace Gallery 2013, steht sinnbildlich dafür, wie Mode, Pop und Kunst verschmelzen. Es zeigt, dass einiges falsch läuft in der Kunstwelt.

Was lässt hoffen?
JK:
Es gibt Bereiche, etwa in den Kunsthochschulen oder nerdigen Gruppierungen, in denen neue Philosophien oder kulturelle Praktiken ausprobiert werden. Leute, die wirklich Dinge in neuen Formen durchdenken. Ich kann nicht sagen, dies oder das ist oder wird das heißeste oder beste Zeug. Interessant ist es, danach zu schauen, wo kommen kleine Gruppen zusammen, die diskutieren und darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen sie selbst arbeiten und leben, wie es dazu kam und was man tun kann, um das alles zu verändern oder zu beeinflussen.

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Jutta Koether (*1958) ist eine deutsche Malerin, Performancekünstlerin und Theoretikerin. Seit 2010 ist sie Professorin für Malerei an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Kim Gordon (*1953) ist eine US-amerikanische Musikerin, Kuratorin und Künstlerin. Bis zur Auflösung war sie Sängerin und Bassistin der Band Sonic Youth.

Interview: Christian Fahrenbach

Bild 1: © Moderna Museet, Stockholm

Bild 2: © MoMA PS1, New York 

Dieser Beitrag erschien in Fräulein Nr. 13

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