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Heldin des Pazifismus: Joan Baez

vor 2 Wochen

Musikikone, Menschenrechtsaktivistin und nicht perfekt.

So wenig wie ich ein Kind der 1960er Jahre bin, so wenig kann ich mich mit dem kitschigen Sound von Folkmusik identifizieren. Die bizarr hohe und doch engelsgleiche Stimme von Joan Baez jedoch – wie sie über Frieden, Gleichheit und Hoffnung singt – beschäftigt mich seit Jahren. Wenn ich Lieder wie „We Shall Overcome“ oder „Saigon Bride“ höre, schwirren mir Bilder der schwarzen Bürgerrechtsbewegung oder dem Vietnam-Krieg im Kopf herum, und es schmerzt mir die Seele.

Damals noch eine junge Frau, die sich mit all ihrer Kraft dem Kampf für Frieden verpflichtete, ist Joan Baez nun 50 Jahre später – die Wahl Trumps muss ein Auslöser dafür gewesen sein – wieder da. Einmal Pazifistin, immer Pazifistin. Treffende Worte findet sie über einen Präsidenten, den sie Diktator und psychisch krank nennt. Joan Baez ist (m)eine Heldin des Tages:

 

Immer wenn ich mir Dokumentationen aus den 1960ern und 70ern ansehe – gesättigt mit von Technicolor weichgezeichneten Farben – überkommt mich merkwürdige Nostalgie und der platitüdenhafte Gedanke, dass früher „alles besser“ war. Stimmt natürlich nicht. Früher war nie besser, nur anders. Ob globale Erderwärmung, Atomwaffen, Homophobie oder Rassismus – all das war früher genauso präsent. Manches politische Kalkül war sogar noch viel menschenverachtender. Dennoch existiert dieses mystische Empfinden, dass alles damals nicht so verstrickt, intransparent und verwirrend war wie heute – auf persönlicher, wie auf politischer Ebene. Ständig sind wir überfordert mit Entscheidungen. Da kann es nur befreiend und beneidenswert idealistisch erscheinen, wenn sich Menschen ohne Umwege dem Ziel verschreiben, Entscheidungen zu treffen. Und Joan Baez ist so ein Mensch.

Von ihrer Schönheit, ihrer beruhigenden Ausstrahlung und ihrem gesanglichen Talent mal abgesehen, ist Baez eine Frau, die gerade deswegen so zugänglich wirkt, weil sie mit Panik, Sorgen, Beziehungen und Verlust genauso schlecht umgehen kann wie die meisten von uns. Zwar werde ich einwenig neidisch, wenn ich sie mit Bob Dylan auf Hippiestreife über die Festivalbühnen ziehen sehe – doch wie sie selbst sagte, konnte sie solche Albernheiten auch nur für eine Weile ertragen. Dann ging sie wieder an der Seite von Martin Luther King auf die Straße, um sich für die Rechte der schwarzen Bevölkerung einzusetzen. Sie war in Vietnam und Sarajewo, um für den Frieden zu kämpfen. Sie protestierte bis zur kurzzeitigen Festnahme. Sie gab Benefizkonzerte für die Rechte von Schwulen und Lesben. Sie hat so Einiges durchgemacht und gab doch nie auf.

Ob persönliche Höhen oder Tiefen wie den Tod ihrer Schwester und gescheiterte Liebesbeziehungen mit Steve Jobs, Bob Dylan, Micky Hart oder David Harris, Vater ihres Sohnes Gabriel: Joan macht kein Geheimnis aus ihren Panikattacken, ihrer Promiskuität, oder ihrer Angst vor Intimität. Ich finde es berührend. Vielleicht, weil ich mich mit ihr viel eher identifizieren kann, als mit einer Taylor Swift (wenn wir mal in der Welt der Folkmusik bleiben), welche mich mit ihrem Saubermann-Marketing nur verwirrt. Von Authentizität sehe ich heute in meiner Generation nur wenig. Es geht immer wieder nur darum, sich neu zu erfinden, anstelle darum, zu sich zu finden und da vielleicht auch mal zu bleiben. (Entwicklung ist ja dadurch nicht ausgeschlossen.)

Ich neige dazu, alles zu psychologisieren – in der Hoffnung, alles auch behandeln zu können. Manches bleibt aber eben einfach so verkorkst wie es ist und das ist eigentlich auch ganz okay, wenn ich es einfach mal akzeptiere und annehme. Joan Baez ist für mich eine Art Spiegel dieser Unvollkommenheit, die ich nicht nur für liebenswert, sondern vorbildlich für mein eigenes Leben halte.

Ich schaue mir also all diese Dokumentationen über vergangene Ären an und phantasiere dann, dass ich zu den Guten gehört hätte, wobei es doch gerade so viel Anlass gibt, tatsächlich zu beweisen, dass man zu den Guten gehört. Joan Baez gibt mir das Gefühl, dass etwas Wichtigeres als das Ego existiert. Schon allein deshalb, weil die mikrokosmischen Erfolge in der ewigen Arbeit an sich selbst in keinem Verhältnis dazu stehen, diese Energien zu nutzen und in etwas ganz Einfaches, Gutes, wie der Hilfe Anderer, zu stecken.

Text: Miriam Galler

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