Hüllenlos und Unverpackt: 5 Fragen an Lauren Singer

vor 3 Monaten

Die New Yorkerin erzählt, wie sie es geschafft hat, innerhalb von zwei Jahren die wohl kleinste Menge an Müll zu produzieren.

Utopische Morgenroutinen, dekadente Hauls (die Shopping-Ausbeute) und unzählige Tipps, wie man den perfekten Beach Body bekommt. Das sind gängige Themen auf Lifestyle-Blogs, berichtet von jungen Frauen, die für diese Inhalte auf Grund von Product Placement bezahlt werden.

Ob derartige Tutorials und Produktplatzierungen zu einer besseren Lebensqualität der Leser und Leserinnen beitragen ist fraglich. Auch Lauren Singer besitzt einen Blog. Doch dieser ist anders als die kommerziellen Blogs, die viele von uns kennen. Auf Trash is for Tossers erzählt die New Yorkerin, wie sie es geschafft hat, innerhalb von zwei Jahren die wohl kleinste Menge an Müll zu produzieren – und zwar lediglich ein Einmachglas voll.

„Trash is for Tossers“ ist nicht nur der Name ihres Blogs, sondern gleichzeitig auch ihr Lebensmotto. Auf ihrer Webseite erfahrt ihr, wie man die Periode ohne Tampons übersteht, Weihnachtsgeschenke umweltfreundlich verpackt und das Mittagessen fürs Büro auch ohne Tupperware take-out-ready macht.

Fräulein: Wann war der Moment, in dem du dich entschieden hast „Zero Waste“ zu leben? Was waren deine Beweggründe?
Lauren Singer: Für mich war das Thema Nachhaltigkeit immer schon sehr wichtig. Mein Hauptfach an der NYU war Umweltwissenschaften. Ich war auch in Washington DC., um dort mit Abgeordneten zu sprechen. Ich habe an Protesten teilgenommen und sie angeführt. Das Thema Umwelt und die damit verbundenen Themen waren immer präsent, aber erst in meinem Abschlussjahr am College, als ich meinen letzten Kurs besuchte, habe ich wirklich etwas verändert. In der Klasse gab es ein Mädchen, das jeden Tag eine Plastiktüte, darin eine Plastikschale, dazu Plastikbesteck, eine weitere Plastiktüte mit Chips und noch eine Plastikflasche, mitbrachte. Nachdem sie aufgegessen hatte, warf sie den ganzen Plastikmüll weg. Ich erinnere mich noch daran, wie ich dachte: „Was tut dieses Mädchen? Wir studieren Umweltwissenschaften und sie produziert so wahnsinnig viel Müll!“. Das fand ich erschreckend.

Als ich von der Uni nach Hause kam und meinen Kühlschrank öffnete, traf es mich wie ein Schlag. In diesem Moment habe ich realisiert, dass fast alle meine Produkte in Plastik verpackt waren. Ich habe mich über das Mädchen in meiner Klasse geärgert, dabei hatte ich genauso viel Plastikmüll zu Hause, wenn nicht sogar noch mehr. Ich kam mir vor wie eine Heuchlerin. In diesem Moment habe ich mich dazu entschieden, dass ich etwas ändern musste und ohne Plastik leben möchte. Ich habe mich informiert und bin auf die „Zero Waste“ Bewegung gestoßen, was mich in meinem Entschluss bestärkt hat. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht nur über meine Vorstellungen und Werte vom Leben sprach – ich habe begonnen sie wirklich zu leben.

Du lebst in New York, einer der meist besiedelten Städte der Welt, in der die Müllproduktion und der Plastikkonsum unglaublich hoch sind. Ist es in solch einer Stadt nicht noch viel schwieriger, als beispielsweise in einer Kleinstadt, sich dem Produzieren von Müll zu entziehen?
Abhängig vom Wohnort gibt es einige Dinge, die sich ganz einfach umsetzen lassen. Zum Beispiel kann man in seinem Hinterhof einen Kompost anlegen, was sich in New York, wo ich lebe, relativ schwierig gestaltet, da hier fast niemand einen Hinterhof hat. Deshalb nutze ich den städtischen Kompostservice. Außerdem kann man auch eigene Lebensmittel anbauen oder eben auf den Bauernmarkt gehen, um Produkte zu kaufen.

Du ersetzt alltägliche Gegenstände, hergestellt aus Plastik, durch umweltfreundliche und wiederverwendbare Alternativen, und du selbst stellst unter anderem auch Waschmittel her. Eigentlich klingt das ziemlich einfach. Gibt es dennoch Situationen, in denen du dich eingeschränkt fühlst oder das Gefühl hast, du müsstest auf etwas verzichten? Wie sieht es zum Beispiel mit Kosmetikprodukten aus?
Ehrlich gesagt habe ich mich nie eingeschränkt gefühlt. Alle Produkte selbst herzustellen ist ganz leicht und hat mir viele Kosten und Zeit erspart. Darüber hinaus schont es meinen Körper vor giftigen Stoffen und es landet nichts auf der Mülldeponie. Das einzige Produkt, zu welchem ich kein umweltfreundliches Äquivalent finde, ist Kontaktlinsenlösung. Ich hoffe aber, dass irgendwann eine nachhaltige Alternative dafür entwickelt wird.

Wie möchtest den Menschen deine Lebensphilosophie näher bringen und was erhoffst du dir in 10 Jahren mit „Zero Waste“ verändert zu haben?
Ich würde nie irgendjemandem meinen Lebensstil aufzwängen. Alles was ich tue ist mein Leben zu leben und es über soziale Netzwerke zu teilen. Wenn Leute daran interessiert sind, dann können sie von meinen Beiträgen lernen. Ich würde nie zu jemandem sagen: „Du solltest so leben wie ich“. Denn Menschen verändern erst etwas, wenn sie wirklich davon überzeugt sind. Ich hoffe natürlich trotzdem, dass es gängiger wird Müll zu reduzieren, da unser Verhalten einen riesigen Einfluss auf unsere Umwelt und demzufolge auf den Klimawandel hat. Jede Veränderung in Richtung Müllreduktion ist hilfreich und positiv – sowohl für unsere Gesundheit und Umwelt, als auch für unser Portemonnaie.

Was ist für dich das Wichtigste, das du in deiner Zeit ohne Müll gelernt hast?
Ich lebe „Zero Waste“, da ich den Wunsch habe, mein Leben ökologisch nachhaltig zu leben. Als ich anfing dachte ich, das sei der einzige Vorteil. Ich habe aber gelernt, dass ich mein Leben in so vielen weiteren Hinsichten verbessert habe. Ich habe viel Geld gespart, ernähre mich gesünder und lebe minimalistischer. Es war für mich ein einfacher Prozess, der zu vielen kleinen Veränderungen beigetragen hat und mein Leben jetzt erfüllter macht. Ich arbeite jeden Tag daran, dass ich mein Leben noch nachhaltiger gestalten kann.

Danke für das Gespräch!

Beitrag: Fritzi Krafczyk
Bild 1: Portrait Lauren Singer
Bild 2: By Erwin Caluya

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