Ich näh’ mir ein Kleid aus Hühnerfleisch

vor 6 Monaten

Linder Sterling hat Orgasm Addict gestaltet, das Cover dieser Buzzcocks-Single von 1977 ist ein Meilenstein der Cover Art. Ihr Freund Morrissey schrieb einen Song über sie. Ein Gespräch über Punk, Porno in der Mode und Museumsehren.

 

Fräulein: Ms. Sterling, Sie sind in den 60er-Jahren im industriell geprägten Norden von England aufgewachsen. Bernard Sumners von New Order sagte einmal, es hätte zu dieser Zeit in Manchester praktisch keine Bäume gegeben. War es wirklich so trist?
Das ist schon so lange her. Bis ich zehn Jahre alt war, habe ich in Liverpool gelebt. Dann zogen wir in ein Bergarbeiterdorf namens Wigan, schließlich nach Manchester. Das alles liegt in einem Umkreis von 60 Kilometern. Damals dachte niemand daran, seine Gegend zu verlassen oder gar zu reisen. Es gab kaum öffentlichen Nahverkehr. Der Norden war ein harter, verarmter Ort. Diese Zeit in Nordengland hat mich geformt. Meistens passierte wirklich absolut nichts!

Man kann diese Geschichte auch anders erzählen.
(lacht). Das stimmt.

Nämlich musikhistorisch: Als Sie Kind in Liverpool waren, wird eine Band namens The Beatles bekannt …
… und als ich Anfang der 70er-Jahre nach Wigan zog, begann im dortigen Casino der Northern Soul. In Manchester kam ich rechtzeitig zur Punk-Revolution an. Der Reichtum des Nordens ist die Popmusik und die Populärkultur.

War die kreative Explosion von Soul und später von Punk so groß, weil die Langeweile zuvor so unendlich war?
Ich denke schon. Langeweile war ein wichtiger Teil des Ganzen. Dazu kommt: Irgendwann war die Popmusik die 60er- und 70er-Jahre so aufgeblasen, so blasiert, dass es den Punk als Sicherheitsnadel brauchte, um diesen Ballon platzen zu lassen.

Als Sie in Manchester Kunst studierten, haben Sie ein frühes Konzert der Sex Pistols erlebt. Wie war das?
Dieses Konzert ist mittlerweile ein Mythos. Die Buzzcocks spielten auch. Damals gab es eine regelrechte Ökonomie des Mangels. Man hatte in jeder Hinsicht begrenzte Mittel. Nur so konnte das Neue entstehen. Auf diesem Konzert waren alle angezogen wie Dandys, aber wie man sie noch nie gesehen hatte. Der Sound war eine Offenbarung: laut, scheuernd, dagegen. Das Konzert öffnete eine neue Form des Bewusstseins.

Sie wandten sich zu dieser Zeit als Künstlerin der Fotomontage zu.
Man braucht dafür nur ein paar Magazine, eine Schere und etwas Kleber. Kein großes Studio, keine Ölfarbe, keine Assistenten.

Und man muss kein Experte sein.
Das stimmt. Die Fotomontage hat etwas sehr Spielerisches und Demokratisches. Daraus resultierte auch das starke Anwachsen selbstgemachter Fanzines in dieser Zeit.

Es wird gerne vergessen, dass Punk am Anfang sehr spielerisch war.
Witz und Humor waren unheimlich wichtig. Wir sahen ja ziemlich bescheuert aus, als wir in voller Montur durch die Straßen von Manchester liefen. Alle starrten uns an, manche lachten uns aus, andere reagierten wütend.

Stehen die Punkbewegung und ihr dandyhafter Stil auch in der Tradition von Leuten wie Oscar Wilde?
Ja! Der Mut und die Verwegenheit des Dandys spielten eine sehr wichtige Rolle. Aber es ist eben etwas anderes, ob man als exzentrischer Schriftsteller exaltiert in Salons herumsitzt oder mit blauem Haar, Bondage-Hosen und Eyeliner in den Bus der Linie 8 von Manchester nach Salford steigt.

Zusammen mit Jon Savage, heute Journalist und Schriftsteller, haben Sie von 1976 bis 1981 das Fanzine The Secret Public herausgegeben. Worum ging es da?
Wir fanden die Idee einer geheimen Öffentlichkeit spannend, die anders und unkonventioneller als der Mainstream war. Schon vorher hatte ich aber Probleme, meine Fotomontagen zu reproduzieren. Damals gab es in Manchester nur einen einzigen Copyshop. Dort weigerte man sich meist, meine Arbeiten zu kopieren. Man hielt sie für pornografisch – dabei hing über dem Kopierer ein Poster mit einer nackten Frau.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Am Ende haben wir ein kleines Unternehmen gefunden, das The Secret Public druckte. Wir mussten bar bezahlen, es gab keine Rechnung, die Hefte wurden um Mitternacht abgeholt. Später konnte man das Heft nur in gewissen Läden kaufen und dann immer nur unter dem Tresen versteckt. Man musste also bewusst danach suchen.

Eine Ihrer berühmtesten Montagen zeigt eine nackte Frau mit einem Bügeleisen als Kopf. War das Fanzine so kontrovers, weil es pornografische mit häuslichen Motiven verband und so die Linien zwischen Männlichem und Weiblichen unscharf werden ließ?
Ich denke schon. Ich treffe noch heute Leute, die sich damals solch ein „Pin-up“ aus dem Magazin über ihr Bett gehängt hatten und damit ihre Eltern zur Verzweiflung trieben. Für viele war es wie eine Ikone über ihrem Schrein. Wir glaubten fest daran, mit solchen Mitteln sozialen und individuellen Wandel herbeiführen zu können.

Hat Punk verändert, wie wir den weiblichen Körper betrachten?
Ach, ich wünschte es mir! Aber nach einer Minute auf Instagram ist doch klar, dass alles beim Alten ist. Ich habe eine 17-jährige Nichte. Sie trägt einen sogenannten waist trainer aus Latex, damit ihre Hüftpartie aussieht wie die von Kim Kardashian. Meine Nichte ist sehr intelligent, aber in dieser Hinsicht wirklich obsessiv.

Auch die Modefotografie ist sehr sexualisiert.
Die Mode hat definitiv einiges aus der Pornografie übernommen, jedenfalls jene Teile, die man kommerzialisieren und zur Ware machen kann. Eine der Pionierinnen dieser Entwicklung war Carine Roitfeld, bis 2011 Chefin der französischen Vogue. Das ist zwar alles sehr harmlos und manikürt, setzte junge Frauen aber enorm unter Druck. Die Keuschheit der frühen 70er-Jahre ist durch die Aufforderung ersetzt worden, immer und überall sexy sein zu müssen.

In der aktuellen Mode werden die Männer selbst allerdings immer femininer.
Stimmt, da ändert sich was. Vielleicht werden wir wirklich neugieriger, wie wir den menschlichen Körper beschreiben und darstellen können.

Die eigentliche Punk-Welle ging gar nicht so lange …
… nein, der Schock des Neuen, den der Punk ausgelöst hatte, währte eigentlich nur zwölf Monate. Schon ab Mai 1977 erschienen plötzlich Artikel in den Magazinen meiner Mutter, die Überschriften hatten wie „Do it yourself – Punk für deine Tochter“. Wenn so etwas in banalen Koch-, Familien- und Einrichtungs-Zeitschriften erscheint, dann ist die „Newness des Now“ schnell verblasst.

Wie fühlten Sie sich damals?
Punk setzte uns alle auf Amphetamine, die Kultur entwickelte sich wie auf Speed, auch unsere Psyche bewegte sich rasend. Das nutze sich jedoch schnell ab. Allerdings wurde es noch mal spannend: Ende 1977 saßen die Leute plötzlich in ihren Schlafzimmern und nehmen das Geräusch ihres Föns und quietschende Radios auf Kassette auf. Sie begannen, Kraftwerk und Can zu hören. Jeder spielte auf einmal in einer Band.

1978 gründen Sie die Band Ludus, Sie waren deren Sängerin und gestalteten die Plattencover. 1982 fand ein berühmt gewordenes Konzert in der Hacienda in Manchester statt, dem späteren Wohnzimmer von New Order. Bei diesem Konzert trugen Sie ein Kleid aus Fleisch und darunter einen riesigen Umschnall-Dildo. Lady Gaga hat Sie 30 Jahre später kopiert.
Die Aktion war eine Form des. Wir waren von der Hacienda damals schnell enttäuscht. Unter der Woche liefen dort immer Pornos auf den beiden Bildschirmen links und rechts der Bühne. Das war ziemlich banal. Dann gab es im Club nur Mist zu essen: Burger und billiges Fleisch. Ich war und bin halt Vegetarierin. Und ein Jahr zuvor, 1981, hatte die englische Band Bucks Fizz den Eurovision Song Contest gewonnen. Nur weil die Sänger den Sängerinnen ihre langen Röcke abgerissen hatten und darunter Minis zum Vorschein kamen. Mein Outfit bestand also aus einem langen Rock à la Bucks Fizz. Anders als Lady Gaga, die 2010 teures Rinderfilet kaufen und von ihrem Hofdesigner stylen ließ, besorgte ich mir Hühnerreste aus einem Restaurant, Köpfe, Füße, Innereien, und nähte sie zusammen. In einem Sexladen fand ich einen schwarzen Strap-on. Zur Hälfte des Gigs riss ich mir einen Teil des Kleides ab. Darunter kam der Dildo zum Vorschein. Die Leute wichen ein paar Meter zurück, sie waren geschockt.

Das verstehe ich.
Die Leute dachten ja, sie hätten schon alles gesehen. Aber das war ihnen dann doch zu hart (lacht).

Sie haben zuletzt an einer Inszenierung des Northern Ballett mitgewirkt. Ballett ist eine sehr besondere Welt, in der Disziplin und Kontrolle sich mit Anmut versöhnen. Wie kam es zu der Kollaboration?
Seit ich vier Jahre alt war, kaufte mir meine Mutter zu Weihnachten regelmäßig ein Ballett- Jahresheft. In Liverpool gab es damals meilenweit keine Ballettschule. Dabei liebte ich diese Welt: Männer wie Frauen trugen Make-up und Strumpfhosen, die Disziplin und Kontrolle war ungeheuerlich. Das Ballettheft war mein Fenster in eine mir unbekannte Welt, eine exotische Fantasie. 2012 sprach ich das Northern Ballett an und fragte, ob wir nicht eine Produktion zusammen machen wollten. Glücklicherweise sagten sie ja. Wir nannten das Projekt The Ultimate Form.

Im Ballett sind die Frauen wichtiger sind als die Männer, die meist nur Hilfestellung geben.
Das stimmt. Auch darum gefiel es den Männern, mit mir arbeiten. Normalerweise würden sie tagein tagaus Nussknacker und Schwanensee tanzen. Ich bat sie, jene Figuren zu tanzen, die sonst den Frauen überlassen waren. Das fanden sie unheimlich befreiend. In unserer nächsten Produktion werden wir diese Gender-Grenzen noch weiter ausloten.

Sie arbeiten mit dem staatlichen Ballett zusammen, stellen in Museen aus. Als Sie jung waren, galten diese Institutionen als sehr bourgeois.
Ja, natürlich.

Ist das heute ein Problem für Sie?
Hm, es ist schon eine luxuriöse Situation, in Museen ausgestellt zu werden und mit namhaften Institutionen wie dem Northern Ballett zusammenarbeiten zu dürfen. Ich hatte erst vor Kurzem Retrospektiven in Hannover und Paris – interessanterweise nicht in England.

Wie reagieren die Besucher auf Ihr Werk?
Es sind vor allem die etwas scheuen 16- und 17-jährigen Teens, die zu mir kommen und sagen, sie fänden das alles toll. Das macht mir Hoffnung: Mein künstlerisches Esperanto funktioniert! Ein 17-Jähriger kann zu meiner Show kommen, die Arbeiten verstehen, dann mit sehr viel Energie in seinen Vorort zurückfahren und sich an ein Gedichte oder einen Song setzen. Das macht mich sehr glücklich!

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 18

Text: Ruben Donsbach
Bilder: Linder. Courtesy Stuart Shave/Modern Art, London

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