Im Interview: Regisseurin Ildikó Enyedi

vor 1 Monat

Rund 18 Jahre nach der Veröffentlichung ihres letzten Filmes präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi „Körper und Seele“. Für die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen zwei Mitarbeitern eines Schlachthauses, die sich in ihren immer wiederkehrenden Träumen begegnen, erhielt die 61-jährige Regisseurin den Goldenen Bären für den besten Film auf der Berlinale 2017. Mit Fräulein sprach sie über die Dreharbeiten zu diesem einzigartigen Film.

Fräulein: Wieso haben Sie den Schlachthof als zentralen Ort der Liebesgeschichte gewählt? 

Ildikó Enyedi: Es handelt sich dabei um einen ganz gewöhnlichen Arbeitsplatz. Es ist kein verträumter oder romantischer Ort aber trotzdem fasst er das Thema des Filmes ganz gut zusammen: Körper und Seele. Außerdem zeigt dieser Ort einen Aspekt unserer Gesellschaft, den wir gerne verstecken, worüber wir nicht sprechen wollen und am liebsten auch gar nicht dran denken. Ich wollte diese Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptcharakteren an einem ganz gewöhnlichen Ort stattfinden lassen und leider gibt es an vielen Orten auch grausame Seiten, wie zum Beispiel auf einem Schlachthof.

Sie haben den Schlachthof nicht nur als Hintergrundkulisse gewählt, vielmehr zeigen Sie auch, fast schon dokumentarisch, wie dort die Arbeit verrichtet wird. Ich kann mir nur vorstellen, dass es sehr schwer gewesen sein muss diese Szenen zu drehen. 

Es war sehr schwer. Aber komischerweise war der Raum, in dem die Tiere getötet werden nicht das schlimmste daran. Vielmehr war es alles, was vorher passierte. Die Tiere stehen dort, auf einem dreckigen Gitter auf dem Boden und warten darauf getötet zu werden. Die Arbeiter machen Mittagspausen und Kaffeepausen, und die Kühe stehen einfach dort und warten. Bevor wir angefangen haben zu drehen waren wir mehrere Male vor Ort und ich wollte genau einfangen, was an diesem Ort geschieht. Und obwohl diese kleinen Aufnahmen im Film gar nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun haben, war es mir sehr wichtig das zu zeigen.

Die beiden Protagonisten der Geschichte sind keine typischen Helden. Wie haben Sie ihre Charaktere entwickelt?

Ich wollte die Charaktere des Filmes von allen Seiten beleuchten, nicht nur die der beiden Hauptrollen, sondern von allen. Erst sieht man nur das Äußere, was auf den ersten Blick ein wenig unattraktiv erscheint aber wenn man dahinter blickt, erfährt man so viel mehr über sie.

In dem Film geht es auch um die Verbindung zwischen Traum und realen Leben. Glauben Sie daran, dass der Traum einem den Weg weisen kann? 

Die Träume geben den Menschen einen Anstoß, das Leben noch mal zu überdenken, etwas zu riskieren und über seine eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Maria zum Beispiel geht nicht nur einen Schritt auf diesen Mann zu, vielmehr nutzt sie diesen Anstoß um sich selbst heraus zu fordern, nach draußen zu gehen und neue Dinge zu erleben. Diese Handlung, dass der Traum einem den Weg im echten Leben weist, habe ich mir für den Film ausgedacht, aber ich bin froh, dass dieses Bild so stark geworden ist. Ich denke, dass es viele verschiedene Dinge gibt, die einen dazu anregen können, sein Leben zu verändern und sich neuen Dingen gegenüber zu öffnen.

Die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten lässt sich vielleicht schon als Seelenverwandtschaft beschreiben. Gibt es Seelenverwandtschaft im echten Leben? 

Es war gar nicht meine Absicht die Beziehung zwischen den beiden als Seelenverwandtschaft zu porträtieren. Ich wollte nur zeigen, dass diese zwei Menschen besonders sind, so, wie jeder Mensch besonders ist.

Ein großer Teil des Filmes ist, dass sich Maria und Endre im Traum als Hirsche begegnen. Gibt es einen Grund, warum Sie die Hirsche als Motiv für die Traumsequenzen ausgewählt haben?

Die Hirsche sind die wilden Tiere, die am dichtesten an unserem Drehort in Ungarn lebten. Dahinter steckt keine versteckte Metapher, aber sie sind neben den Kühen die einzigen Tiere, die gezeigt werden. Was daran so interessant ist, sind die physischen Aspekte beider Tiere, die sich sehr ähneln und trotzdem gibt es einen riesigen Unterschied, wie wir die beiden Tiere behandeln.

Während die Hirsche ganz frei durch den Wald laufen, halten wir die Kühe auf engstem Raum gefangen.

Wie schwierig war es, die Tiere zu filmen?

Es hat insgesamt eine Woche gedauert diese Sequenzen zu filmen. Es war eine tolle Erfahrung, man musste sehr geduldig aber gleichzeitig auch sehr aufmerksam sein. Wir sind jeden Morgen vor Sonnenaufgang angekommen und sind bis nach Sonnenuntergang geblieben. Und obwohl es so hart und kalt war, hatten wir großes Glück mit den Aufnahmen, die wir von den Tieren machen konnten.

Ildikó Enyedis Film „Körper und Seele“ ist ab dem 21. September 2017 in den deutschen Kinos zu sehen.

Interview: Pia Ahlert 
Bilder: Alamode Film
Portrait: Zsolt Meszaros

 

 

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