Im Zweifel

vor 1 Monat

Was sind die Folgen des gesellschaftlichen Drucks zum perfekten Kind und zum perfekten Leben?

In dem Film 24 Wochen von Anne Zohra Berrached spielt die Schauspielerin Julia Jentsch eine schwangere Karrierefrau, bei deren ungeborenem Baby Trisomie 21 und ein Herzfehler diagnostiziert werden. Die Entscheidung, ob sie abtreiben soll oder nicht, wird bald zur öffentlichen Glaubensfrage. 

Fräulein: Julia, Du warst vor einigen Jahren selbst schwanger. Was ist Dir damals durch den Kopf gegangen?

Da war einfach nur Freude und Euphorie. Ich kannte Gefühle ähnlicher Intensität, aber da war mehr. Natürlich macht man sich als Frau Gedanken darüber wie es wäre, ein Kind zu bekommen. Wie würde sich das anfühlen, was für Ängste löst das aus? Als es dann soweit war, hat mein Körper einfach hormonell umgestellt auf pures Glück. Da war überhaupt kein Raum für Zweifel. Das wurde von der Natur wirklich grandios eingerichtet und gewissermaßen vorprogrammiert.

Du spielt in Anne Zohra Berracheds Film 24 Wochen, der auch im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war, eine im öffentlichen Leben stehende, werdende Mutter. Die Schwangerschaft im Film verläuft ganz anders als deine.

Völlig anders, ja.

Du spielst eine bekannte Komikerin, bei deren Ungeborenem erst Trisomie 21, das Down-Syndrom, diagnostiziert wird, dann noch ein lebensbedrohlicher Herzfehler. Der Druck, abzutreiben oder eben nicht, wird bald enorm, privat wie öffentlich. Verlieren werdende Mütter in einer Zeit, in der jeder Makel von Ärzten prognostizierbar ist, in der jede Regung medial die Runde machen kann, an Autonomie über den eigenen Körper?

In gewisser Weise schon. Der Film zeigt doch, dass Astrid vor eine Entscheidung gestellt wird, die keine Erleichterung bringen kann, die sie bis zum Ende ihres Lebens begleiten wird. Ja, sie kann sich, sie darf sich selbst für oder gegen eine Abtreibung entscheiden. Aber was bedeutet das eigentlich? Wir wissen immer mehr und immer genaueres über das heranwachsende Kind im Bauch. Man nimmt einer Frau Blut ab und kann sagen, was los ist mit dem Kind, ob es wohl Krebs bekommen wird und wenn ja, wann. Das hört sich oft nach Science Fiction an. Auf der anderen Seite ist es so: Die Freiheit, unter bestimmten gesetzlichen Vorgaben zu entscheiden, die bringt auch eine wahnsinnige Last mit sich. Man muss die Informationen der Ärzte richtig einordnen und bewerten. Was hieße es, sich dieser oder jener Operation zu unterziehen, wie vertrauenswürdig ist der Befund, was bedeutet das medizinisch – und was moralisch? Da sich niemand allen Ernstes wünschen kann, dass jemand einem diese Entscheidung wieder abnimmt, steckt man in einem Dilemma. Wie kann ich mündig sein, wie die Freiheit wählen und dabei die notwendige Unterstützung und Anerkennung für eben diese Last bekommen, die ich brauche und die mir auch zusteht?

Schon der Aufwand für eine ganz normal verlaufende Schwangerschaft scheint enorm. Es gibt zahlreiche Vorsorgeuntersuchungen, man soll Yoga- und Schwimmkurse belegen, die Ernährung anpassen. Hast Du diese Zeit Deiner eigenen Schwangerschaft als Entmündigung empfunden?

Nein, was aber auch daran lag, dass ich in der Schweiz wohne und man es dort offensichtlich entspannter sieht. Eine Freundin von mir, die kurz nach mir schwanger wurde und in Deutschland lebt, war gefühlt alle zwei Wochen beim Arzt – ich während meiner gesamten Schwangerschaft nur drei Mal. Ich weiß noch, ich habe meine Ärztin gefragt, worauf ich achten müsse und ob ich etwas an meinem Alltag und meiner Ernährung ändern müsse. Sie sagte mir: „Was Ihnen bis jetzt gutgetan hat, wird Ihnen auch weiterhin guttun.“ Das hat mich sehr beruhigt.

Eine Freundin von mir hat während der Frühphase ihrer Schwangerschaft das Baby verloren …

… was immer wieder vorkommt!

Ja. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Umfeld ihr latent den Vorwurf gemacht hätte, nicht gut genug aufgepasst zu haben. 

Das ist ja immer so. Wenn alles in Ordnung ist, sagt keiner was. Aber sobald auch nur kleinste Komplikationen auftreten, dann geht’s los. Auf einmal meint jeder, seine Meinung loswerden zu müssen. Auch im Film beginnt es in Astrids Kopf zu rattern. Es ist zwar absurd, aber man denkt dann, hätte ich bloß diese eine Zigarette damals nicht noch geraucht! Man sucht nach jedem noch so kleinen Hinweis, man sucht und sucht. Natürlich fördert das Schuldgefühle. Warum gerade ich, was stimmt nicht mit mir?

Hattest Du, als Du das Drehbuch von 24 Wochen zum ersten Mal gelesen hast, das Gefühl, wow, das ist ganz schön hart, vielleicht möchte ich die Rolle lieber nicht spielen?

Sicher. Meine Agentin sagte mir: „Ich habe hier dieses großartige Buch vorliegen, aber ich glaube, du willst es nicht spielen.“ Ich wusste sofort, was sie damit meinte. Das Buch hat mich hineingezogen. Es ist sehr glaubwürdig geschrieben, die Dialoge sind extrem natürlich, die Geschichte packend, das Schicksal von Astrid hat mich sehr mitgenommen. Aber nach dem Lesen war ich platt und traurig und zunächst unschlüssig, ob ich mich monatelang intensiv damit beschäftigen möchte. Am Ende hat mich die Qualität des Stoffes und der Ansatz von Anne, der Regisseurin, einfach überzeugt.

Unsere Mütter haben gegen ihre eigenen Eltern unheimlich viel erkämpft, erkämpfen müssen: das Recht auf den eigenen Körper, nicht zuletzt im Kreissaal, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das Recht auf Abtreibung. Dadurch wurden die Schwangerschaft wie auch der weibliche Körper und damit das Intime, das Private, politisch. Scheint dieser Status des weiblichen Körpers Frauen heute auch eine Last zu sein?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Bei mir war das so: Natürlich bin ich eine Person des öffentlichen Lebens und somit unter anderer Beobachtung. Doch es lag in meiner Hand, wie ich damit umgehen wollte. Manche teilen ja alles vom Schwangerschaftstest bis zur Geburt mit den Medien und das aus den verschiedensten Gründen. Für mich kam das nie in Frage – und ich musste es auch nicht.

Es gibt nicht wenige Prominente, die ihre Schwangerschaft öffentlich gemacht haben. Erzeugt ein solches mediales Bild nicht Erwartungen, die im Alltag kaum zu erfüllen sind, körperlich wie auch bezüglich der Karriere?

Gerade darum war es mir so wichtig, sehr viele verschiedene Geschichten von Frauen zu hören, wie es ihnen nach der Schwangerschaft und mit der Rückkehr in den Beruf ergangen ist. So entsteht eine Form der Wahrheit, die einem helfen kann. Ich habe eine Bekannte, die wenige Tage nach der Geburt des dritten Kindes wieder im Büro saß. Das hört man sich mit offenem Mund an, aber es geht und das ist auch ok! Andere fallen komplett aus dem Beruf, weil sie keine Lust mehr haben oder es sich einfach nicht mit dem Kind vereinbaren lässt. Diese vielen verschiedenen Geschichten zeigen, dass jede Frau ihr Leben individuell planen muss. Sie muss ihre eigene Geschichte erzählen, je nachdem, wie es um ihre finanzielle Situation, die Partnerschaft, den eigenen Beruf, den Körper und die Kräfte steht. Das muss das Maß sein. Ich kenne Schauspielkolleginnen, die nach zwei Wochen wieder am Set standen. Also dachte ich, das würde bei mir auch so sein. Aber als mein Kind dann kam, merkte ich sofort, dass mich die schnelle Rückkehr in den Beruf null interessierte. Außerdem konnte ich auch gar nicht. Meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit lagen beim Kind. Ich musste mir eingestehen: ich hatte mich geirrt.

Interview: Ruben Donsbach
Foto: German Films/Fotograf Matthias Bothor – FACE TO FACE WITH GERMAN FILMS

 

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