Inspiration: Into The Wild

vor 1 Jahr

Über das Getrieben sein und die Suche nach dem Glück.

Vor etwa genau acht Jahren war ich auf dem Weg ans andere Ende der Welt. Mit einem Backpack auf dem Rücken, an der Hand eine meiner besten Freundinnen. Wir wollten unsere Sehnsucht nach dem Fremden stillen, Menschen begegnen und uns von dem, was vor uns lag, überraschen lassen.

Auf einer solchen Reise schreibt jeder seine eigene Geschichte. Heute bin ich dankbarer denn je, dass meine Familie mich hat fliegen lassen, auf dieser rosaroten Wolke der Unbeschwertheit. In jener Zeit traf ich auf Menschen, die heute zu den wichtigsten Personen in meinem Leben gehören. Es gibt sie, die Freundschaften fürs Leben. Und wie es sich für junge Romantiker gehörte, fiel uns der Film „Into The Wild“ in die Hände, der das Lebensgefühl, welches uns dort, am anderen Ende der Welt durchdrang, nicht besser hätte erzählen können. Wir lagen auf dem Bett meines kleinen Apartments, rauchten Zigaretten und tranken billigen Wein aus der Tüte, der uns ein absurdes Gefühl des Erwachsenseins bescherte.

Der Film „Into The Wild“ von Sean Penn, mit Emile Hirsch in der Hauptrolle, erschien 2007. Er basiert auf Jon Krakauers Buch Into The Wild (Into The Wildnis), das von einer wahren Begebenheit erzählt – vom Leben des jungen Aussteigers Christopher Johnson McCandless. Chris wächst in einer gutbürgerlichen Familie in den USA auf. Seine Eltern zwängen ihm ihre Vorstellungen vom Leben und Werte auf. Für Chris aber bedeutet dieser Lebensentwurf alles andere als der Inbegriff des Glücks. Er träumt von Freiheit, einem Leben ohne Konsumgüter und Materialismus. 1990, mit nur 22 Jahren, beschließt der junge Abenteurer, der heute von vielen als Pionier gefeiert wird, alles hinter sich zu lassen. Nach seinem Studienabschluss verkauft er Hab und Gut und spendet seine Ersparnisse an eine gemeinnützige Organisation. Nur mit wenigen, nützlichen Habseligkeiten macht sich der junge Chris auf den Weg in die Wildnis, um die Schönheit der Natur zu erleben. Während seiner Odyssee gerät er immer wieder in Situationen, die ihm hätten das Leben kosten können. Hin und wieder begegnet er Menschen, verbringt einige Zeit mit ihnen, beschließt letzten Endes aber doch wieder allein aufzubrechen. Insgesamt war Christopher McCandless alias Alexander Supertramp zwei Jahre in Alaskas Weiten unterwegs, zwischen Bergen und Tälern, abseits von dem, was ihn an die materialistische Welt erinnerte, in die er nicht hineinzupassen schien. Am Ende lebte Chris in einem verlassenen Van, in dem er erschöpft und entkräftet starb. Im Bus fand man eine Tafel, auf der geschrieben stand:

„No longer to be poisoned by civilization he flees, and walks alone upon the land to become lost in the wild.“ (May 1992).

Die Geschichte über Chris alias Alexander Supertramp öffnet ganz entscheidende und existentielle Fragen, die sich jeder von uns irgendwann im Leben stellt. Wonach suchen wir und was macht uns glücklich? Ist es der Kleinwagen vor der Haustür? Ist es das Gehalt des Arbeitgebers, dem wir am Ende jeden Monats entgegenfiebern, um die Miete zu bezahlen und uns neu einkleiden zu können, weil man wieder einmal vom Kleiderschrank gelangweilt ist? Sind es Freunde, Familie oder der Partner, die unser Leben vollkommen machen? Möchten wir in einer pulsierenden und schlaflosen Großstadt wie Berlin leben oder doch irgendwann zurückgezogen im Nirgendwo, fernab des Konsums? Alexander Supertramp entschied sich für Letzteres. Vor allem heute, in einer Zeit, in der wir so konsumgierig und unersättlich sind, dass es einen wundert, dass wir uns nicht ständig angewidert von unserer eigenen Habsucht und Unzufriedenheit übergeben müssen, ist es unausweichlich sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Aber der Film berührt nicht nur wegen seines kritischen Blicks auf unsere Gesellschaft und unsere Gier nach vermeintlichen Glücksgütern. Es ist das Porträt eines jungen Abenteurers, sein Durst nach Freiheit und sein Wunsch ein Leben nach seinen eigenen Idealen gestalten zu können. So erweckt „Into The Wild“ in jedem von uns den Drang auszubrechen und dem Korsett von Verpflichtungen und Erwartungen zu entfliehen. Der Gedanke dem konservativen System zu entkommen, erregt eine ungeheure Lust genau in diesem Moment alle Zelte abzureißen. Träumen und Ausbrechen sei jedem erlaubt. Schließlich wird uns allen nur eine bestimmte Zeit an diesem Ort gewehrt. Und das soll nicht pathetisch klingen.

Reisen macht lebendig, zumindest einige von uns. Manche Menschen lernen dadurch ein Stück weit mehr zu sich selbst zu finden und den Blick auf andere Dinge im Leben zu lenken. Und dafür muss man nicht ans andere Ende der Welt reisen. Manchmal hilft es mit dem Rad hinaus zu fahren, Luft zu atmen und das Handy für eine Weile auszuschalten. Ein bisschen möchte ich sein wie Alexander Supertramp, denn in mir schlummert ein brodelnder Vulkan der Rastlosigkeit. Was letztendlich vielleicht von noch größerer Bedeutung ist, sind die Begegnungen in unserem Leben. Familie, Freunde und auch jene Menschen, die vielleicht nicht bleiben konnten, aber uns dennoch für einige Zeit glücklich gemacht haben. Auch wenn es nur für diesen einen Moment war.

„Into The Wild“ ist eine kleine Heldengeschichte, eine Hommage an alle Traumtänzer, Weltenbummler und Romantiker, die sich nach Abenteuer sehnen und die Welt, in der wir leben, stets kritisch betrachten. Vielleicht sollten wir alle ein wenig mehr sein wie Alexander Supertramp.

Beitrag: Alina Amato
Fotos: Stills aus „Into The Wild“

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