Inspiration: Momo von Michael Ende

vor 1 Jahr

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. (Michael Ende)“.

Wenn wir erwachsen werden stellt sich uns vor allem eine Frage: Die Frage nach der Zeit. Ganz plötzlich wird uns klar, von welch einem unschätzbaren Wert sie ist. Wir hören sie ticken, sehen den Zeiger wie er unerschöpflich weiterläuft. Unsere Zeit, sie ist unser höchstes Gut. Doch sie rennt uns davon, ohne das wir es merken. Das wusste schon Momo.

Vor wenigen Wochen, an einem Samstagabend, saß ich im Kreise von Freunden. Wir sprachen über Jugendträume, über unsere ersten großen Reisen und Abenteuer. Wir waren furchtlos, ließen uns treiben und trampten mit Unbekannten durch die Weiten der Länder, ohne auch nur eine Sekunde über das Morgen nachzudenken. Wie sooft philosophierten wir an jenem Abend über das Erwachsensein. Während solcher Gespräche versuche ich mich immer wieder an den Moment zu erinnern, in dem ich vom Mädchen zu einer Erwachsenen wurde. Vermutlich warte ich noch immer darauf. In Nostalgie schwelgend sprachen wir über kluge Geschichten aus Kindheitstagen. Und so stieß ich wieder auf die kleine Momo, deren Geschichte Generationen von Kindern prägte.

Mit diesem Roman schrieb Michael Ende eines der bedeutendsten und weisesten Kinderbücher aller Zeiten. Seine Geschichte über das Straßenmädchen Momo, über ihren Kampf gegen die Zeitdiebe, ging um die ganze Welt, wurde in rund 40 Sprachen übersetzt, und wird noch heute in Kinderzimmern erzählt. Heute ist die Bedeutung von Zeit präsenter und dringlicher denn je. Überall lauern die von Momo gefürchteten grauen Herren auf uns, Zeitdiebe, vor denen uns Michael Ende mit seinem Roman schon vor über 40 Jahren warnte. Doch wir wollten nicht hören.

Da sind sie nun, die grauen Herren, und betrügen uns um unsere Zeit. Und wir selbst haben sie herbeigerufen. Laptops, Überstunden und Uniarbeiten, in denen wir letztendlich nichts anderes tun als das unersättliche Wiederkäuen von wissenschaftlichen Schlauheiten. Einer der gefährlichsten aller Diebe sind Smartphones und deren winzigen bunten Apps. Jeden Tag schenken wir ihnen Stunden unseres Lebens. Statt sich in Poesie zu verlieren, in einem Buch zu lesen, Spaziergänge zu unternehmen oder einfach nur auf dem Bett zu liegen und Nachzudenken, klebe ich, wie viele andere auch, vor dem kleinen Bildschirm. Täglich klick’ ich mich durch den Instagram-Feed fremder Menschen, stöbere durch ihr scheinbar aufregendes und doch surreales Leben, um am Ende von Fernweh und Unzufriedenheit ertränkt zu werden. Stunden verbringen wir damit ein Foto für Instagram anzulegen. Welches Bild ist am schönsten? Welcher Filter und Ausschnitt passt am besten zum Feed? Und welches Bild bringt am meisten Likes? Es vergeht eine Ewigkeit bis wir eines der vielen Fotos ausgewählt haben. Wertvolle Stunden unseres Lebens, die wir einem kuratierten Leben schenken.

Michael Ende und seine Geschichte der kleinen Momo war eine Warnung vor dem gesellschaftlichen Dilemma in dem wir nun stecken. Zwischen all den Zeiträubern versuchen wir sogar die wenigen freien Stunden die uns bleiben bis in die letzte Sekunde durchzuorganisieren. Und ehe wir uns versehen bricht Hektik und Sozialstress aus. Ist es Angst vor Langeweile oder vorm Alleinsein, weshalb wir uns nicht treiben lassen und die Zeit genießen? Und so vergessen wir das Wesentliche im Leben. Auf unser Herz zu hören und zu leben. Stattdessen schmieden wir unentwegt Pläne für den perfekten Lebensentwurf, denken prophylaktisch und rational. Die Stimmen um uns herum überhören wir. Die Rufe unserer Mitmenschen, von unserer inneren Stimme, die uns sagt was gut für uns ist, ganz zu schweigen. Eine wichtige Beobachtung die auch Ende in seinem Roman dokumentiert: die Eigenschaft des Zuhörens. Es klingt so simpel und doch bleibt sie vielen von uns aus Egoismus und reiner Blindheit verwehrt. Sich dem Kummer Anderer annehmen kostet Zeit. Zeit, die man für sich braucht. Und genau das ist ein Trugschluss. Wir brauchen einander.

Als ich Momo vor kurzem gelesen habe wünschte ich mir wieder die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen. Ist es nicht erschreckend wie ernst und verbittert wir durchs Leben marschieren? Und doch, bei aller Geschwindigkeit und Angst vor der Zeit, bringt sie viele wunderbare Dinge mit sich. So hat mich die Zeit gelehrt wie bedeutend und existenziell Familie und Freunde sind. Wo ich als Teenager noch Distanz suchte, sehne ich mich jetzt mehr denn je nach der Wärme und Nähe meiner Familie. Da ist nun ein Kloß im Hals, wenn ich am Bahngleis stehe, in den Zug steige und aus den Fenstern heraus die Liebsten winken sehe. Eine schöne Erkenntnis. Denn „Zeit ist Leben. Und das Leben ist im Herzen.“

 „Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.“ (Michael Ende)

Von Alina Amato
Foto: Film Still aus „Momo“, Regie: Johannes Schaaf

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