Inspiration: Paterson

vor 4 Monaten

Es gibt Filme, nach denen gehe ich aus dem Kino auf die Straße und fühle mich wie in Watte gepackt. So, als ob Schnee läge und alle Geräusche nur noch gedämpft zu hören wären. Dann spaziere ich wie aus der Erzählung gefallen umher. Und ich wäre nicht erstaunt, würde mir der Hauptdarsteller an der nächsten Straßenecke entgegen kommen. Ich würde ihm wahrscheinlich wissend zunicken und vollkommen ruhig weiter meines Weges gehen.

Bei welchen Filmen mich ein solches Gefühl packt, ist nicht vorhersehbar. Es kann mich bei einem tobenden und lauten Film ebenso erwischen, wie bei einer ruhigen oder romantischen Erzählung. Nachdem ich vor zwei Wochen Paterson von Jim Jarmusch im Kino sah, ist es wieder passiert. Der Film hat mich auf eindrückliche Weise daran erinnert, was wirklich zählt, um glücklich zu sein. Nur eines sei vorneweg gesagt: Leistung und Karriere gehören nicht dazu.

Würde ich Paterson tatsächlich einmal begegnen, dem gleichnamigen Hauptdarsteller des Films, dann würde er mir allerdings nicht auf der Straße entgegen schlendern. Wir würden uns auch nicht in einer Bar oder beim Yoga treffen. Ebenso wenig würden wir auf dem Wochenmarkt, auf einer Party oder einem Konzert aufeinander treffen. Eine Begegnung mit Paterson sähe so aus:

Ich steige morgens in den Bus und setze mich in die vorderste Reihe. Ich lege meinen Rucksack ab, auf meinen Schoß. Ein paar Augenblicke später krame ich mein Handy aus der Tasche und lese meine Mails. Dann schaue ich, welchen Freundinnen ich noch antworten muss und rufe eine von ihnen gleich zurück. Zwanzig Minuten später steige ich aus und der Bus fährt ohne mich weiter. Während all dieser Zeit wäre Paterson nur einige Zentimeter von mir entfernt gewesen. Ich hätte ihn nicht bemerkt.

Paterson ist Busfahrer. Seine Tage laufen stets nach demselben Muster ab: Er wacht morgens früh immer zur selben Zeit auf, frühstückt sein Müsli, geht zur Arbeit und kommt abends nachhause, wo seine Freundin Laura für ihn Abendessen zubereitet. Danach führt er den Hund Gassi und trinkt auf dem Weg in einer Bar ein Bier. Immer nur ein Bier, keins mehr. Vor der Arbeit, in den Pausen und bevor es Abendessen gibt, geht er seiner heimlichen Leidenschaft nach: Paterson schreibt Gedichte.

Die ruhige Zufriedenheit mit der Paterson diese Tage lebt, ist auf stille Weise beeindruckend. Auch wenn er wahrscheinlich am liebsten ununterbrochen seiner Schreibleidenschaft nachgehen würde, statt Wildfremde durch die Stadt zu kutschieren, akzeptiert Paterson die Gegebenheiten. Er und Laura sind vielleicht Anfang 30. Was Laura, die Freundin des Protagonisten beruflich macht, erfährt man nicht. Klar ist, dass sie jeden Morgen im Bett liegen bleibt, wenn Paterson aufsteht und abends, wenn er heimkehrt, überschäumend vor Lebensfreude erzählt, welchen Teil der Wohnung sie heute anmalte oder welches Kleidungsstück sie an dem Tag nähte.

Faszinierend ist die Gelassenheit mit der die beiden Protagonisten dem Alltag begegnen. Beide leben sie ihre Kreativität aus: Paterson schreibt Gedichte, ohne sie zu veröffentlichen und Laura malt, ohne ihre Werke jemand anderem zu zeigen als ihrem Freund. Aber trotzdem ähneln sie in keinster Weise diesen Menschen, die unzufrieden sind, weil sie mit ihrer Kunst keinen Erfolg haben und nebenbei andere Jobs machen müssen, um über die Runden zu kommen. Die beiden scheinen zu wissen, dass sie selbst verantwortlich sind für ihr Glück. Und das ist vielleicht auch der Grund für ihre Ausgeglichenheit.

Jarmusch komponiert den Film wie eine harmonische Melodie, die ihren vollen Klang und ihre Eingängigkeit aus denselben fünf Tönen schöpft. Es gibt keinen Grund, dem etwas hinzuzufügen. Nach demselben Muster gestaltet sich auch das Leben von Laura und Paterson. Es ist von außen betrachtet weder aufregend noch abwechslungsreich, aber wieso sollte das weniger gut sein als ein Leben voller Umbrüche, Risiken und Spannung?

Das, nach dem viele Menschen streben, ist Anerkennung. Aber ein Lob muss sich erst erarbeitet werden. Man erhält es für gute und hart erkämpfte Leistungen in der Schule, in der Uni oder im Job. Paterson und Laura zeigen, dass das Leben kein Kampf sein muss, um am Ende des Tages glücklich zu sein. Dass es nicht laut sein muss, damit man sich Ruhe gönnen darf. Dass man nichts Produktives geschafft haben muss, um stolz auf sich zu sein. Und dass man nicht angewiesen ist auf die lobende Worte eines Anderen, um neue Kraft zu schöpfen. Sondern dass man selbst am besten weiß, was einem guttut. Auch wenn diese Tätigkeit streng genommen völlig zweckfrei sein kann – sei es das Schreiben eines kurzen Gedichts oder das Malen mit den Lieblingsfarben – sie erfüllt doch den eigentlich wichtigsten Zweck: die eigene Zufriedenheit.

So plätschert auch Jarmuschs Film dahin und entlässt einen nach dem Abspann mit der ungewohnten Gewissheit, keiner wichtigen Handlung und keinem erwähnungswürdigen Ereignis beigewohnt zu haben. Und trotzdem umfängt mich, als ich aus dem Kino an die frische Luft hinaustrete, dieses wohlige Gefühl von purer Zufriedenheit. Ein Film, und genauso ein Tag in einem Leben, funktioniert auch ohne Höhepunkt und Spannungskurve.

Wenn ich das nächste Mal morgens aufstehe und nichts zu tun habe, weil das Seminar ausfällt, ich frei habe oder weil das Internet nicht funktioniert, will ich mich an Paterson und Laura erinnern: Wie sie unabhängig von Erwartungshaltungen, das tun, was ihnen selbst am meisten Freude bereitet. Und wie sie zufrieden damit sind. Egal ob am Ende etwas Nützliches dabei herauskommt oder nicht und egal, ob man für diese Tätigkeit gelobt wird – oder eben nicht. Die Tage stricken sich stets aus dem Material, das wir ihnen geben. Ob diese sich langsam dem Ende zuneigende Wolle dann zum größten Teil aus Zweifeln und Druck von außen oder aus Selbstliebe, Gelassenheit und Lebensfreude bestanden hat, ist allein unsere eigene Entscheidung.

Beitrag: Alicja Schindler
Bilder: Stills aus Paterson

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