Inspiration: Wenn Kerzen Dich glücklich machen

vor 2 Jahren

Unser Kollege Robert berichtet heute warum ihn Kerzen inspirieren und glücklich machen. Eine Hommage.

 

Was würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen, wenn Du drei Gegenstände frei wählen könntest, habe ich meine Mutter gefragt, als ich klein war. Sie sagte: „Brot, Salz und Kerzen“. Verwundert habe ich meine Mutter damals angeschaut – was für eine spröde Wahl, dachte ich. Um ehrlich zu sein wunder ich mich noch heute, aber irgendwie hat sich daraus ein Dauerscherz entwickelt und so schenke ich meiner Mutter so oft es geht Brot, Salz und Kerzen – in allen Variationen zum Muttertag, Geburtstag, Weihnachten. Als ich nach dem Studium von Frankfurt am Main nach Berlin gezogen bin, hat sie mir für die neue Wohnung dann ebenfalls Brot, Salz und eine riesige honigfarbende Kerze mitgegeben. Diesen kleinen Koloss zünde ich jeden Tag an. Meistens als erstes am Morgen, viel zu früh, wenn Berlin noch im Tiefschlaf liegt. Sobald die Kerze brennt, setze mich dann vor sie und tue nichts. Ich schaue nur auf das flackernde Leuchten am Docht. Damit habe ich vor zwei Jahren angefangen und seitdem denke ich, Kerzen sind total unterbewertet.

Mir ging es Ende 2014 schlecht, nach einer Beziehungstrennung stand mein Leben auf dem Kopf. Eine Freundin schenkte mir ein Buch und sagte zu mir, das wird dir gut tun. „Die Kraft der Gegenwart“ von Eckhart Tolle. Ein Verkaufsschlager mit kitschiger Covergestaltung, den man an jeder Bahnhofsbücherei bekommt. Alles, was das Buch sagt, ist, sei im Hier und Jetzt, darin liegt das ganze Lebensglück. Diese buddhistische Lebensanweisung der Achtsamkeit hat man schon tausendmal gehört, überhört, doch damals wie heute bedeutet sie mir plötzlich etwas. Ich lese, so oft es geht, in dem Buch, manchmal nur eine halbe Seite. Wie eine Gebetsmühle wiederholt der Text: Sei achtsam, richte deine ganze Konzentration auf diesen Moment, auf den Raum, auf die Stille, die dich umgeben. Das klingt erstmal ganz einfach, doch probiere es selbst aus, konzentriere dich jetzt auf nichts anderes als auf diesen Moment, sei jetzt gegenwärtig. Blende alle Gedanken aus und tauche mit aller Achtsamkeit ins Jetzt. Du wirst feststellen, dass dich deine Gedanken in wenigen Sekunden einholen, die Stimme im Kopf wieder da ist und dich ablenkt. Was hilft, ist, wenn man sich einen Gegenstand aussucht und ihn anschaut, sich mit allen Sinnen diesem Objekt hingibt.

Ich habe bei dieser Meditationsübung vor knapp zwei Jahren ungeduldig an meinem Schreibtisch gesessen und alles mögliche angestarrt. Dann fiel mir die Kerze von meiner Mutter ein. Seither ist das mein Meditationsobjekt: Das unmittelbare Strahlen des Kerzenlichts macht es leichter sich auf den Moment einzulassen, es geht direkt in mich hinein, wie Musik, die ohne Umwege auf die Sinne einwirkt. Oft gelingt es mir nur für kurze Zeit voll und ganz im Moment zu sein, Erinnerungen an die Vergangenheit und Projektionen in die Zukunft auszuschalten und tief ins Jetzt zu gehen. In diesem Augenblick der Achtsamkeit fühle ich mich vollkommen, spüre ich eine geheimnisvolle Kraft, eine Energie, von der das ganze Leben ausgeht – es hat etwas Heiliges, Friedliches, Liebevolles. Es gibt keine Sorge, keinen Hader, keine Wünsche, kein Begehren, keine Träume. Alles ist perfekt, vollendet. Das Ego und der Verstand, die einen nahezu immer im Alltag regieren, die Gedanken und Gefühle steuern, treten in diesem Moment in den Hintergrund. Was für eine Befreiung, denke ich jedes Mal nach der Übung, bevor ich dann ganz schnell in alte Muster verfalle und mein Verstand wieder am Steuer sitzt.

Doch seitdem ich mit der Kerze meine Achtsamkeit trainiere, überfällt mich immer öfter im Alltag ein Moment des Gewahrwerdens. Wie wenn man mir einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht kippt, werde ich aus der Routine gerissen, wach gerüttelt und merke, oh man, schon wieder ein, zwei Stunden abwesend gewesen, auf Autopilot durch den Tag gedriftet. Ich bin dann kurz erschreckt, wie selten wir uns bewusst sind, was wir gerade tun und warum wir es tun. Man arbeitet, plant, sorgt sich und träumt davon an irgendeinem Zustand in der Zukunft glücklich und vollkommen zu sein. Die ernüchternde wie befreiende Einsicht ist: Glücklicher, vollkommener und lebendiger als genau in diesem Moment werden wir nicht. Genau das sage ich mir jedes Mal, wenn ich die Kerze auspuste und schaue wie das Leuchten erlöscht, der kohlige Rauch in die Luft wirbelt. Dann spüre ich wie ein leichter Schauder entlang der Wirbelsäule in alle Körperteile entweicht. Das ist toll, das ist Lebendigkeit, das ist Glück. Schenkt Euch Kerzen.

Text: Robert Grunenberg

Bilder:

1.) Gerhard Richter: Zwei Kerzen, 1982 via Gerhard Richter.com

2.) George de La Tour: Magdalene mit brennender Kerze, ca. 1640

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