Interview: Alexander Hacke

vor 4 Jahren

Abhauen, nicht zurückschauen. Alexander Hacke von den berühmten „Einstürzenden Neubauten“ ist ein moderner Nomade und zeigt damit, wie Freiheit funktionieren kann. Er hat seine Koffer gepackt und zieht seit Jahren von Wien über Los Angeles nach Mexiko – eben überall hin. Fräulein hat ihn getroffen.

Wo das Gespräch stattfindet, war ihm egal, denn wenn man fast jede Woche wo anders schläft, wird man flexibel. So sitzt diese Musiklegende uneitel auf der Couch neben dem Eingang des Cafés. Es ist laut, der Mops der Tischnachbarin kläfft und findet keinen Punkt. Alexander Hacke stört das nicht. Er freut sich über den kleinen Kuchen, der mit dem Kaffee kommt und trägt dann der Mops-Mutti noch „Hallo“-rufend ein Taschentuch hinterher, das sie auf ihrem Stuhl liegen gelassen hat.

Hacke fing schon mit 14 Jahren an, in der Industrial-Band „Einstürzende Neubauten“ Bass und Gitarre zu spielen. Das tut er bis heute, nur machen sie keinen Industrial mehr. Mit ihnen veröffentlichte er über 30 Alben, alleine kamen 30 weitere dazu. Hacke ist ein Star in der internationalen Musikszene, hatte ein enormes Haus in Berlin und ein etabliertes Leben im reif gewordenen Underground. Irgendwann schaute er mit seiner Ehefrau Danielle de Piciotto, der Love-Parade-Gründerin, Serien auf der Couch. Das war der Wendepunkt.

So gaben sie ihr festgefahrenes Leben auf und ziehen seitdem zusammen durch die Welt. Maja Hoock konnte Alexander Hacke in Berlin treffen und war überrascht, wie leise und geduldig jemand spricht, der einmal so laute Musik gemacht hat. „Fütter mein Ego“ ist eben schon lange her, heute wirkt er so ausgeglichen, dass man Lust darauf bekommt, ebenfalls Heimatlos zu werden – wenn so eine Seelenruhe dabei herauskommt.

Photo Mick Harvey

Herr Hacke, wie lange leben Sie jetzt eigentlich schon auf Tour?
Seit 2010. Eigentlich sollten es nur 18 Monate sein, aber es sind vier Jahre geworden.

Fühlt es sich noch gut an?
Ich würde nicht werten, ob es gut oder schlecht ist. Es ist eine von uns selbst angestoßene Entwicklung, die wir sonst nicht gemacht hätten. Von daher ist es zwar manchmal schwierig, aber auf alle Fälle ein anderer Weg, als wenn man sich nicht traut, etwas zu verändern.

Ist die Veränderung zu vorher überhaupt so stark? Immerhin waren Sie immer viel auf Tour.
Es gibt nicht mehr diesen einen Zufluchtsort, an dem man sich wieder neu formiert und abschaltet. Wenn man sich auf Tour entwurzelt fühlt, versucht man das zu kompensieren, indem man Zeug sammelt. Zu Hause breitet man diese Souvenirs dann wieder aus. Das haben wir nicht. Wir sammeln nichts und man plant gleich zu allen materiellen Dingen, die dazukommen, wo man sie einlagern kann.

Sind sie Antikapitalist geworden?
Man muss sich auf nicht-materielle Dinge konzentrieren. Und das ist gut.

Vorher hatten Sie ja ein großes Haus in Berlin…

Ja. Ein sehr großes Haus, eine Remise. Es hatte vier Stockwerke und ein Dachgeschoss, stand in einem Hinterhof im Wedding und darin waren unsere Studios und Wohnräume.

Wo übernachten Sie jetzt, ohne Wohnung?

Es gibt die Möglichkeit, dass wir „Artists in Residence“ sind, wie zuletzt in Prag. Manchmal gehen wir auch Auftragsarbeiten in den Städten nach, in denen die Auftraggeber sitzen, statt im eigenen Studio zu arbeiten. In Wien habe ich zum Beispiel eine Filmmusik für Paul Poet gemacht. Das war gleich der erste Trip nachdem das Haus weg war. Und dann gibt es noch die Tourneen.

Erschöpft sich das nicht? Und will man irgendwann nicht mehr fragen, bei Bekannten übernachten zu dürfen?
Klar. Diplomatie ist da wichtig. Andererseits haben wir auch Freunde, die eher wie Familie sind und sagen, „I will have it no other way“. Die wären beleidigt, wenn wir nicht bei ihnen bleiben würden.

Schnapschuß in Luzern auf Comicmesse mit Gilbert Scheldon (Fat Freddys Cat & Freak Brothers)

Sie haben in der Türkei, Australien und vielen anderen Ländern die Musik der jeweiligen Region erforscht und teilweise erlernt… Ist Musik ihr roter Faden?
Musik ist das Organ, durch das ich meine Realität filtere und wahrnehme. Ich bin ein totaler Ohrenmensch und ich drücke mich über sie aus. Das ist das Allerwichtigste. Aber es gibt natürlich auch andere Inhalte, die ich verfolge. Ich lese wie ein Bekloppter.

Was lesen Sie gerade?
Im Moment gerade „Conference of the birds“ auf Englisch; seit zwanzig Jahren lese ich nur auf Englisch. Gerade gibt es eine tolle neue Übersetzung. Das ist einer von den Sufi-Texten. Ein ganzes Buch als Gedicht verfasst. Die Vögel sollen darin ihren König treffen und gehen auf eine Reise. Der Witz ist, dass der Name des Königs, Simurgh, im Arabischen für die Zahl 30 steht. Am Ende der Reise bleiben 30 Vögel übrig. Sie suchen und finden also sich selbst. Insofern ist das gerade ganz passend.

Als Parallele zu Iher Reise?
Genau. Aber auch diese ganzen Metaphern, die Vogelperspektive und die Bewegung der Zugvögel, die es im Sommer und Winter an andere Orte zieht, das passt auch.

Sie sind ja auch sehr märchenaffin. Da spielt Reisen auch oft eine Rolle.
Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen… ja. (lacht)

Brighton Photo Danielle de Picciotto

Aber je mehr Sie wie Vagabunden leben, desto disziplinierter werden Sie, hört man: Aufstehen um sieben Uhr, dann Yoga…
Ja. Wir trinken auch seit neun Monaten keinen Alkohol mehr, denn das war eher hinderlich, als förderlich. Gerade wenn man ununterbrochen reist und auf Tournee ist, steht da jemand, der sich unheimlich freut, einen zu sehen und etwas mit einem trinken will. Oder Fans, die sich sehr freuen. Wenn man das lange mitmachen würde, würde man ein Alkoholikerleben führen.

Muss man also umso disziplinierter sein, je freier man lebt?
Es geht darum, dass man die Regeln erstmal erlernen sollte, um sie dann brechen zu können und eigene zu formulieren.

Leben Sie frei?
Das ist eine echt schwierge Frage. Ja. Ich glaube schon.

Photo Michael Krisang

Waren Sie mit 14 Jahren freier, als Sie sich dazu entschieden haben, von zu Hause weg und zur Band Einstürzende Neubauten zu gehen?
Nein. Für mich ist Älterwerden total befreiend. All die Unsicherheiten und Verwirrtheiten als junger Mensch waren sehr anstrengend. Wenn man älter wird und auf Erfahrungen zurückgreifen kann, wird man freier, als wenn man jung ist und es unbedingt wissen will. Die Frage ist aber schwierig zu beantworten. Ich glaube nicht an Perfektion oder die ultimative Freiheit. Ich glaube, dass es ein Prozess ist. Der schwierigste Schritt ist, den Prozess, sich befreien zu wollen, in Gang zu setzen.

Was war das bei Ihnen für ein Moment?
Es hat sich etwas aufgestaut. Das wurde immer schlimmer, bis wir dann diesen Schritt einfach machen mussten. Aber wenn ich von Freiheit spreche, geht es mir nicht nur darum. Es geht darum, grundsätzlich eine innere Freiheit im Leben zu finden, ob man nun sesshaft ist oder Nomade, und wie weit man bereit ist, Zugeständnisse zu machen und sich bestimmten Situationen und Systemen unterzuordnen.

Unterordnung als Freiheit?
Teilweise schon, indem man sich bestimmte Regeln setzt, kann man sich vielleicht eher zur Freiheit entwickeln, als wenn man sich diese Regeln nicht setzt. Das ist das ganze Konzept von Disziplin. Wenn man sich Schranken setzt, kann man möglicherweise höhere Ziele erreichen, als wenn man uferlos ist.

Also ist der buddhistische Mönch, der seinen Tagesablauf strengen Regeln unterwirft, womöglich freier, als der Punk, der regellos leben will?
Schau: Der Punk, der sich morgens um acht vor die Post setzt um dort zu betteln, ist der freier, als der Mann, der jeden Morgen um acht zur Post geht, um da zu arbeiten?

Wer ist frei?
Jemand ist wirklich frei, der keine Energie an Dinge verschwendet, die nicht für ihn förderlich sind.

Der sich also auf sich selbst konzentriert?

Der es schafft, seine Energie und Konzentration in Dingen zu bündeln, die er tun will. Wer seinen Willen wirklich verfolgt, ist frei.

Auf Dinge wie die Musik zum Beispiel?
Auf ein Ziel, das man sich setzt, oder auch nur auf eine Aussage. In dem Moment, in dem ich die Frage beantworte, bin ich frei.

Frei von der Frage, ja… Anderes Thema: In dem Moment, in dem ich ständig mit einer anderen Person zusammen bin, wie Sie und Ihre Frau auf so einer Reise, wie ist das?
Das ist natürlich toll und ich bin sehr dankbar, dass ich Danielle habe und wir das zusammen machen können. Weil: Im Prinzip ist das ja Krieg da draußen. Und jemanden zu finden, dem ich wirklich vertrauen kann und wo es eine tatsächliche Nähe gibt, da kenne ich ganz wenige Leute, die dieses Glück haben.

Also Freiheit auch durch den anderen?
Ja, weil man kann der Außenwelt gegenüber noch so positiv und offen sein, du wirst trotzdem angegriffen werden. Und es kommen Einflüsse von außen auf dich zu, die absolut nicht förderlich für dich sind. Da jemanden zu haben, dem du vertraust und sich austauschen zu können, ist eine ganz tolle Sache.

Photo Tina Winkhaus

Wie sind Sie mit 14 Jahren dazu gekommen, sich den Einstürzenden Neubauten anzuschließen?
Alle meine Freunde waren mindestens sieben Jahre älter als ich, denn aus irgendeinem Grund konnte ich mit Gleichaltrigen nichts anfangen. Gleichzeitig habe ich mich in den Augen meiner Mitschüler für diese sehr seltsame Musik interessiert. Immer nach der Schule habe ich mich im Zensor-Plattenladen aufgehalten. Da, bei Burkhardt Seiler, habe ich meine gesamte Zeit verbracht und irgendwann bin ich nicht mehr zur Schule gegangen. Dann bin ich auch sehr viel in Blixas Laden gewesen, dem Eisengrau. Das war ein Klamottenladen, den er damals von Claudia Skoda und Gudrun Gut hatte. Die Leute haben mich als Dreikäsehoch ernst genommen. Das war in dieser Zeit natürlich selten und darum habe ich mich zu ihnen hingezogen gefühlt. Irgendwann hatte ich mich dann entschieden, dass Musik das ist, was ich machen will. So habe ich mit 14 mein Schließfach in der Schule ausgeräumt. Seitdem war ich auf Tour.

Ihre Eltern waren sicher begeistert?
Nicht so besonders … sie durften ja offiziell nicht wissen, wo ich bin. Es bestand Schulpflicht. Hätten sie gewusst wo ich bin – ich bin dann nach Hamburg gezogen und solche Sachen – dann hätten sie sich strafbar gemacht.

Mit 14 alleine nach Hamburg zu gehen, ist nicht schlecht. Was haben Sie noch getrieben?
Na ich bin in der Weltgeschichte herumgetourt. Bis jetzt im Prinzip. Wichtig ist dazuzusagen, dass ich wusste, was ich machen wollte, was Menschen in dem Alter normalerweise nicht zufällt. Das sehe ich an meinem Sohn, der jetzt 25 ist und nicht so leicht herausgefunden hat, was er mit seinem Leben machen will. Und das Dritte, was in diesem Zusammenhang wichtig ist: Es war Westberlin in den späten Siebzigern. Es gab drei Fernsehkanäle, die um zwölf Uhr Sendeschluss hatten, dann kam weißes Rauschen. Man musste sich selbst beschäftigen und sich etwas ausdenken, wie man sich unterhält und was man mit seiner Kreativität machen will. Es gab nicht so viel Input.

Also ist Langeweile die beste Muse?
Ja, ein gewisses Vakuum ist total förderlich. Du siehst es ja heute selbst, wie schwer es ist, nicht mal kurz auf dem Smartphone die E-Mails zu checken oder zu schauen, was später im Kino läuft. Das gab es damals nicht und das war ein großartiger Nährboden für jegliche Form von Kreativität, die man sich heute erst wieder erkämpfen muss.

Auch eine Art von Freiheit?
Dadurch, dass der Freiheitsbegriff umgekehrt wird. Dadurch, dass es bestimmte Sachen nicht gibt, bekommt man eine Grundlage für etwas anderes.

In dieser Zeit haben Sie mit den Einstürzenden Neubauten extrem viel experimentiert. Wie ist es heute?
In diesem Alter war man eher aggressiv und wild. Als eine Band, die wie die Neubauten 35 Jahre lang zusammen ist, haben wir gelernt, unsere Energien zielgerichteter einzusetzen. Als junger Mann, da schlägst du viel um dich und reißt dabei alles um. Das hat gewissen Unterhaltungswert. Aber man kann das nur für begrenzte Zeit machen und es wäre dumm, das mit fortschreitender Reife weiter tun zu wollen. Der Unterschied ist wie bei einem jungen, wilden Boxer, und einem erfahrenen Kampfkunstmeister, der seinen Gegner mit gezielten Schlägen auf die Matte legen kann. So haben wir im Laufe der Jahre auch gelernt, wie man eine bestimmte Dynamik herstellt: Wir wissen, wann wir laut und wann leise, wann sanft oder brutal sein müssen.

Ihre neueren Alben zeigen das deutlich. Woran arbeiten Sie gerade?
Wir haben eine Komposition abgeschlossen, ein Auftrag der Region Flandern anlässlich des 100. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Sie heißt „Lament“ und wird am 8. November in Diksmulde uraufgeführt. Es war wirklich hart, sich mit so einer globalen Katastrophe wie dem Krieg zu beschäftigen, ohne dokumentarisch sein zu wollen. Das ist schwierig. Aber wir haben viel geforscht und interessante Sachen herausgefunden, die wir eingearbeitet haben. Etwa, dass die eigentlichen Kriegsherren Zar Nikolaus, Kaiser Wilhelm und König George Cousins waren, die als Kinder zusammen gespielt haben. In Vorbereitung des Krieges haben sie sich Telegramme geschickt, worin sie erst freundlich, dann immer aggressiver miteinander reden, aber immer noch wie Cousins, wie Menschen, die sich seit Kindheitstagen kennen, und mit Formeln schließen wie „your affectionate loving Nicki“ oder „dein zärtlichster Cousin Willi“. Das waren die Jungs, die letztendlich die ganze Welt in die Katastrophe gestürzt haben. Aus den Willi-Nicki-Telegrammen haben wir ein Stück gemacht.

Wir werden versuchen, uns das anzusehen. Danke für das Gespräch und den Kaffee.
Gerne. Der Nachmittag ist noch lang, Danielle und ich schauen mal, was jetzt im Kino läuft.

Info: Ein ausführliches Interview mit Danielle de Piciotto erscheint in der nächsten Fräulein.

Interview: Maja Hoock
Fotos: Danielle de Piciotto / Alexander Hacke

Photo Tomas Turek in Prag während Residency

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