Interview: Myla Dalbesio

vor 4 Wochen

Myla Dalbesio ist wahrscheinlich das einzige Model auf dem Pariser Runway, das sich vom klassischen Schönheitsideal der Modeindustrie abgrenzt. Sie ist kein Magermodel, sondern eine Frau mit Kurven und einer gesunden 40. Eine Ausnahme in der Modewelt und doch mit großem Erfolg.

Seit über 10 Jahren arbeitet Myla schon in der Modebranche. Während die Mehrheit ihrer Modelkolleginnen dünne, androgyne Mädchen sind, zeigt sich Myla mit Rundungen und großem Busen. Calvin Klein machte sie 2014 sogar zum Gesicht seiner Unterwäschenkampagne, sein erstes „Middle-Size“ Model für Underwear überhaupt. Das US-amerikanische Model ist überall, zwischen Shootings auf Ibiza, Ausstellungen in New York und Runway-Schauen in Paris. Mit Fräulein sprach die viel beschäftigte, sympathische Myle über ihre Arbeit als Fotografin, über ihre Bildreihe „Some Girls“, nackte Haut und Kurven in der Modebranche.

Wie kamst du auf die Idee mit der Fotoreihe “Some Girls” anzufangen?
Myla:
Ich hatte einen Film in meinem Kühlschrank liegen, der kurz davor war abzulaufen und ich hatte seit langem keine Fotos mehr aufgenommen. Ich wollte also sehr gerne wieder damit anfangen. Durch das Modeln habe ich viele Freundinnen, die auch in dem Bereich arbeiten. Ich wollte immer etwas zusammen mit ihnen machen. Sie haben mit mir oft über ihren Frust gesprochen, darüber, dass sie nie die Möglichkeit bekämen etwas cooles zu machen, etwas was Spaß macht und kreativ ist. Sie machen immer die gleichen Sachen, weil es nicht genug Chancen für diese Mädchen gibt. Also habe ich angefangen meine engsten Freundinnen in ihren Wohnungen zu fotografieren. Auf diese Weise habe ich mich total in die Arbeit verliebt, weil man dadurch mit sehr interessanten Frauen arbeiten kann, die lustig, kreativ, wunderschön und inspirierend sind. Ich habe weitergemacht und Frauen gefragt, die ich nicht kannte, die ich zum Beispiel auf Instagram entdeckt habe. So hat das Projekt begonnen.

Was gefällt dir am weiblichen Körper im Vergleich zum männlichen Körper?
Alle stellen mir diese Frage und ich weiß nie was ich darauf antworten soll! (Lacht) Ich finde den weiblichen Körper einfach wunderschön und vielleicht fühle ich mich ihm so verbunden, weil ich selbst eine Frau bin. Deshalb kann ich auch mit Frauen und dem weiblichen Körper arbeiten, ohne dabei auf einer sexuellen Ebene zu sein. Wenn ich mit einem Mann arbeiten würde, wäre da immer eine sexuelle Grundstimmung, ganz egal wie respektvoll die Beziehung zwischen Fotograf und Model auch ist. Natürlich kann es auch mit Frauen so sein. Trotzdem glaube ich, dass ich diese angenehme Stimmung nicht fühlen würde, würde ich mit einem nackten Mann arbeiten. (Lacht)

Wo siehst du den größten Unterschied, wie Frauen und Männer ihren Körper betrachten?
Ich bin kein Mann, daher kann ich das nicht sagen. Ich denke aber, dass Frauen für gewöhnlich viel härter mit sich selbst sind und sich an viele Erwartungen anpassen müssen. Sie müssen all diese Sachen durchmachen, um in der Kultur in der wir leben, sozial akzeptiert und als schön angesehen zu werden. Ich glaube nicht, dass man von Männern dasselbe verlangt. Männer müssen nicht ihre Beine rasieren oder ihr Schamhaar entfernen lassen. Ich finde es wirklich lächerlich!

Was machst du, um dich sexy zu fühlen und damit sich die Leute um dich herum besser in ihrem Körper fühlen?
Was ich mache um mich sexy zu fühlen… Mmmmh, ich weiß es nicht! Ich fühle mich sehr gut in meinem Körper. Ich bin wohl ein richtiges Mädchen. Ich mag Stöckelschuhe, Miniröcke und Schminke, auch wenn ich nicht verrückt nach Schminke bin. Aber diese femininen Dinge können sehr viel Spaß machen. Was andere Frauen betrifft, habe ich immer das am schönsten gefunden was sie wirklich einzigartig macht. Wenn alle gleich aussehen oder ich ein Mädchen fotografiere, das ich woanders schon eine Millionen Mal gesehen habe, ist es in meinen Augen langweilig. Wenn ich mit diesen Frauen zusammenarbeite versuche ich ihnen zu sagen, was mir an ihnen besonders gefällt. Ich versuche die Mädchen wirklich kennenzulernen, etwas über ihr Leben und ihre Interessen zu erfahren. Ihnen zu zeigen, dass ich nicht nur an ihre äußere Erscheinung, sondern auch an ihre Persönlichkeit interessiert bin. Das hilft ihnen sich wohl zu fühlen.

Gibt es eine Situation in der du dich als Kind oder junge Frau schlecht gefühlt hast?
Ich erzähle immer folgende Geschichte: Mit 16 Jahren wurde ich von Modelscouts entdeckt. Ich ging nach Saint-Louis auf ein Event, auf dem wir Agenten und Agenturen treffen sollten. Ich war gerade mal 16 Jahre alt und wahrscheinlich so dünn wie ich nie wieder sein werde. Sie sagten mir: „Ja, du bist super, aber du musst sechs Kilo abnehmen“. In diesem Alter bist du leicht zu beeindrucken. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich sehr gesund, ich war Tänzerin und habe viele Stunden im Tanzstudio verbracht, fast sechs Tage in der Woche. Danach ging es mir wirklich schlecht, auch was mein Körper anging und die Art und Weise wie ich ihn behandelte. Man braucht viel Zeit um sich von solch einer Erfahrung zu erholen.

Tanzt du noch oder machst du sonst irgendeine Art von Sport?
Ich besuche keine Tanzstunden mehr, aber manchmal tanze ich schon noch. Ich mache auch Pilates und laufe. Und wenn das Wetter schön ist, nehme ich mein Fahrrad. Ich versuche so aktiv wie möglich zu sein. Ich achte auf meine Ernährung und auf meinen Körper, weil ich langfristig gesund sein möchte, aber nicht weil ich abnehmen will.

Wer inspiriert dich?
Ich bewundere die Frauen in meiner Familie sehr. Meine große Schwester hat ein Tanzstudio eröffnet, in dem ich als junges Mädchen getanzt habe. Das macht sie seit zwanzig Jahren. Sie ist sehr erfolgreich damit geworden. Sie hat eine Gruppe, die auf Tour geht und Turniere gewinnt. Außerdem hat sie drei wunderschöne Töchter großgezogen und hat während dieser Zeit die Firma ganz alleine geleitet. Meine andere Schwester hat mit ihrem Mann sechs Restaurants eröffnet, alle sehr erfolgreich. Sie haben von Null angefangen. Sie sind meine Vorbilder und haben mir gezeigt, dass sich harte Arbeit lohnt. Es gibt viele Menschen die denken, dass Erfolg heute von sich aus zu ihnen kommt, ohne dass sie etwas dafür machen. Wie zum Beispiel die Kardashian und Jenner Instagram-Queens, die über Nacht erfolgreich werden, weil sie etwa vier Millionen Follower haben. Es entsteht der Eindruck, dass sie nicht wirklich etwas dafür tun müssen. Aber das ist nicht wahr und auch nicht fair zu denken.

Wie denkst du darüber, dass die Debatte um unseren Körper häufig mit Sexualität und nackter Haut verbunden ist?
Wenn Magazine Fotos von Frauen mit verschiedenen Körpermaßen zeigen, diese dabei aber oft nackt oder in Unterwäsche zu sehen sind? Das ist wirklich nervig. Ich fühle mich so sehr wohl. Ich weiß nicht ob es deswegen so ist, weil ich mich in meinem Körper und meiner Sexualität wohl fühle oder weil ich lange so fotografiert wurde. Insofern ist es schwer zu sagen. Aber ja, es ist schlimm. Frauen definieren sich mehr als nur über ihren Körper. Die Debatte geht viel weiter. Es ist nicht nur der Körper, der gezeigt werden muss. Auch die Stimmen und Persönlichkeiten dieser unterschiedlichen Menschen haben es verdient gehört zu werden.

Was sind deine derzeitigen Projekte?
Ich bin sehr busy! (Lacht) Aber es ist super, ich beschwere mich auch gar nicht. Ich habe ein Event kuratiert, „You Can Call Me Baby“, ein Teil der SPRING/BREAK Art Show in New York. Es sind zehn Künstlerinnen die sich in ihren Arbeiten der Sprache, den Themen und Symbolen annähern, die normalerweise verwendet wurden, um Frauen zu belästigen. Stattdessen bemächtigen sie sich eben jenen Mitteln. Ich freue mich über dieses Projekt, weil ich so mit vielen unglaublichen Künstlerinnen arbeiten kann. Ich arbeite aber noch an anderen Fotoprojekten für verschiedene Magazine. Und im Sommer werde ich meine „Some Girls“ Serie fortsetzen.

Kannst du uns sagen, welches Buch du gerade liest?
Eine sehr enge Freundin von mir, iO Tillett Wright, hat vor kurzem ein Buch geschrieben, „Darling Days“. Es erscheint in ein oder zwei Monaten. Ich habe es gerade fertig gelesen. Es ist ein tolles Buch. Es erzählt von ihrem Leben als Kind in der Lower East Side in New York und der Entdeckung ihrer Sexualität und ihres Geschlechts. Es ist sehr aktuell und ich glaube, es wird sehr viele Menschen interessieren.

Sunset Selfie, 2016

Interview: Milena Bialas

Bilder 1 bis 10: By Myla Dalbesio
Bild 11: Selbstportrait Myla Dalbesio

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