Legende: Stevie Nicks

vor 9 Monaten

Stevie Nicks liebte genauso exzessiv wie sie Kokain schnupfte. Als Sängerin von Fleedwood Mac führte sie die Hippie-Ära an deren Ende und kündete Wave und Goth an. Solo war sie fast noch erfolgreicher und wurde zum Vorbild für zahllose Sängerinnen. Eine Hommage an eine Rock-Goddness.

Eigentlich will die junge Carol Ann Harris 1976 nur ihren neuen Freund besuchen, den Gitarristen Lindsey Buckingham. Dessen Band Fleetwood Mac probt gerade die neuen Stücke ihres Albums Rumours. Im Studio sieht Carol Ann zum ersten Mal die Sängerin Stevie Nicks. Sie ist gefesselt von deren ätherischer Schönheit. In ihren rund 30 Jahre später erschienenen Memoiren Storms – My life with Lindsey Buckingham and Fleetwood Mac schreibt Harris: „I watched Stevie sing and realized again just how beautiful she was. As the band started into ‚Rhiannon‘, she took on a bewitching, hex-like quality as she spun in front oft the microphone. Wearing a long black skirt that shimmered as she moved, with a simple top and a silk scarf around her neck, she was drop-dead gorgeous. … I realized she was a combination of a little girl and erotic fantasy. With a smokey voice and an aura of mysticism that promised great pleasures and even greater dangers, she was a force to be reckoned with.“

Das Pikante an der Situation: Stevie Nicks, damals 27, war die Ex-Freundin von Lindsey Buckingham und Carol Ann Harris neu im weitverzweigten turbulenten Mac-Kosmos. Rumors, eben jenes Album, das die Band für die anstehende Welttournee probte, sollte nur wenig später zu einem der erfolgreichsten Alben der Popgeschichte werden; bislang wurden 40 Millionen Exemplare verkauft. Fleetwood Mac hatte noch nicht den Höhepunkt ihrer Kreativität erreicht, aber den Höhepunkt des Erfolgs.

Nicks und Buckingham waren noch nicht lange Teil von The Mac. Das Paar hatte zusammen ein Album aufgenommen, das erfolglos geblieben war. Die bereits bestehende Band Fleetwood Mac war durch einige mittelmäßige Bluesrock-Platten zwar bekannt, aber weit davon entfernt, die Weltstars zu sein, die sie 1977 wurden. Erst als Buckingham und Nicks die Band komplettierten, begann die Phase des Erfolgs und jenes Chaos, in dessen Zentrum immer wieder Stevie Nicks stand.

Nicks gehört zu den charismatischsten Frontfrauen der Rock- und Popgeschichte. Ihre Karriere begann, als die große Zeit der Hippies vorbei und Punk, New und No Wave noch nicht im Mainstream angelangt waren. Stevie Nicks war nicht mehr von der Weltveränderungssehnsucht einer Joan Baez oder Joni Mitchell beseelt, trotzdem stand sie sozusagen auf deren Schultern. Nicks Blick war nach innen gerichtet. In Wahrheit war sie auf der Suche nach sich selbst, was perfekt in den esoterischen Zeitgeist der 70er-Jahre passte. Die Droge ihrer Wahl dazu hieß nicht LSD, sondern Kokain, das sie exzessiv konsumierte. Statt mit den politischen Umständen kämpfte sie mit dem Wirrwarr aus Gefühlen und Beziehungen, das die Welt bereithält. Sympathisch verpeilt und ehrgeizig zugleich wollte sie in dieser Welt einen Platz finden – am besten ganz oben, an der Spitze, ihr eigentlich fast schon wieder enthoben: als Rockgöttin.

Fleedwood Mac, das war auch eine Soap-Opera, in der jede mit jedem etwas hatte. John und Christine McVie, das andere Paar mit Problemen, Stevie Nicks mit Lindsey Buckingham oder mit Mick Fleetwood. Hinzu kamen als erweiterter Kreis die Edelhippies The Eagles; Stevie liebte deren Gitarristen Joe Walsh und hatte später eine Affäre mit Sänger Don Henley. Warum Nicks so begehrenswert war, das machen Carol Ann Harris’ Beobachtungen deutlich: Sie war keine perfekte Schönheit, dazu sehr klein (was sie stets mit Plateaus kompensierte), später auch mollig, aber sie hatte und hat eben Stil und Charisma. Sie verkörperte Unschuld und Selbstzerstörung zugleich.

Dazu fand sie nicht nur in der Musik und den Texten einen perfekten Ausdruck, sondern auch in jenen fließenden Stoffen und Tüchern, in die sie sich in der Hochphase von Fleetwood Mac hüllte. Samt, Spitze und Seide, elegant kombiniert mit Jeans und schlichten Shirts. Hüte mit sanft wiegenden Federn. In ihrem Dekolleté baumelte eine Art Amulett, diamantenbesetzt und stets mit Kokain gefüllt. Dekadent und bodenständig – so wie sich Rockgöttinnen eben auch heute kleiden würden, gäbe es sie denn noch.

Dass weiterhin eine Sehnsucht nach dem Stil der Ära der späten Seventies besteht, zeigen die Kollektionen von Hedi Slimane für Saint Laurent oder der neue Gucci-Look. Ohne Stevie Nicks gäbe es den nostalgischen Luxus eines Hippie-Chic von heute wohl nicht.

Der gigantische Erfolg von Rumours verstärkte den Größenwahn der Band und insbesondere den von Stevie. Sie wurde so süchtig nach Kokain, dass es ihre Nasenscheidewände zerstörte. Während die befreundete Band The Eagles in Batik-Shirts gekleidet im Maserati durch Kalifornien heizte, mieteten sich Fleetwood Mac für die Europatour Hitlers Privatzug. Stevies Kleidung wurde dunkler und trug ihr endgültig die Bezeichnung witch ein – Nicks, die Hexe des Rock’n’Roll. In den frühen Achtzigern kleidete sich Stevie immer schwärzer, in hohen Lederstiefeln und die Outfits abgerundet mit Lackteilen. Tusk, das nächste im Kokain-Rausch produzierte Album, gilt heute unter Connaisseuren zwar als eines der besten der Popgeschichte, war jedoch – gemessen an Rumours – kommerziell ein Flop. Fleetwood Mac zerbrach schnell an Streit, Eifersucht, Geld und Drogenkonsum.

Trotzdem steckte Stevies Solodebut Bella Donna von 1981 voll großartiger Songs. Im Discorock von Edge of Seventeen singt sie „I went forth with an age-old / Desire to please / On the edge of seventeen“. Eine Zeile, in der sich durchaus ihr Leben spiegelte. Und nicht nur ihres: Den anderen gefallen, das wollen wir alle. Und auch die Art, wie Stevie ihr Leben gelebt hat, mit all den Abgründen und Höhepunkten, könnte gerade heute interessant sein. Nicht nur deshalb, weil in jedem der Drang zur Selbstzerstörung und die Sehnsucht nach Ordnung, Idylle, Liebe und Geliebtwerden steckt. Sondern weil wir das entgrenzte von Stevie Nicks’ besten kreativen Jahren vielleicht gerade jetzt so gut verstehen, weil wir in den Netzwerken, der komplexen, komplizierten Welt selbst mit unserer Identität ringen und damit, wie wir sie zusammenhalten.

Der Musiker Tom Petty, der gut mit Stevie befreundet war, hatte in einem Interview erzählt, dass er in den frühen Achtzigern erwartet hatte, wenn er das nächste Mal von Stevie hören würde, es die Nachricht ihres Todes sei. Dieser Anruf ist nie gekommen, die endlosen Therapien und Entziehungskuren, die sie machte, hatten letztendlich Erfolg. In Nicks’ Leben gibt es also ein Happy End. Sie war nie mehr so kreativ und künstlerisch relevant wie in ihrer frühen Zeit, aber dafür hat man den Eindruck, dass es ihr heute gut geht, wenn man die Interviews hört und liest, die sie in den letzten Jahren gegeben hat. Auch in ihren von Tauben und Träumen durchwehten Songs war immer Versöhnung Thema. Fallen und aufgefangen werden. Die Essenz von Stevie Nicks Leben aber, die findet man in ihrem Song Think about it (ebenfalls erschienen auf ihrem Solodebüt). Da singt sie: „And the heart says danger / And the heart says whatever / It is that you want from me / I am just one… small… part of / Forever falling star… / Starcatcher.“

Text: Hendrik Lakeberg
Foto: Herbert Worthington

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 18

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