Märchenhafte Technik

vor 5 Monaten

Eine Konversation über Handwerk, Materialien und elektronische Träume mit Hannah Perner-Wilson und Mika Satomi, dem Künstlerkollektiv hinter Kobakant.

Für viele ruft der Gedanke an Märchen eine Fülle von Fabelwesen hervor; etwas Fantastisches, das unsere Wahrnehmung verändern kann. Märchen bleiben aber auch realitätsferne Utopien. Für Hannah Perner-Wilson und Mika Satomi sollte es anders kommen.

Im September 2017 schafften sie sich mit ihrem Atelier gegenüber des Görlitzer Parks eine Präsentations- und Experimentierfläche für ihre Arbeit. Einerseits konnten sie ihre gemeinsame Kunst physisch etablieren, andererseits gelingt es ihnen nun, das Märchen auch nach außen zu kommunizieren.

Auf den ersten Blick erscheint Koba wie eine typische Berliner Mode-Schneiderei: sanfte Lichtstrahlen umarmen die eklektische Inneneinrichtung und die Arbeitsbereiche, im Eingangsbereich reihen sich Vorführmodelle an einer von der Decke hängenden Kleiderstange aneinander; ein anthrazitfarbenes Cape, ein rot weiß gestreifter Pullover mit tentakelartigen Ärmeln, daneben eine Anziehpuppe mit einer Jeansjacke die die Aufschrift „Fairy tale” trägt. Auf einem Retro-Sofa liegt eine goldene Pailletten-Jacke, davor steht ein großzügiger Tapeziertisch voller Schnittmustern und Utensilien. Der Schein des Modeateliers trügt. Die Kleidungsstücke beinhalten Verstärker, Antennen oder Faseroptiken; einige Elemente leuchten auf, wenn sie einen Rhythmus vernehmen—Hannah und Mika nennen das Motion Poetry.

Ein hochtechnologisiertes Studio sind Koba aber auch nicht: „Wir verstehen uns als Schneiderei, da wir jegliche Form von Massenproduktion ablehnen”, sagt Hannah.  „Uns geht es darum, traditionelle Methoden in den Vordergrund zu stellen.” In erster Linie verstehen sie ihre Arbeit als Handwerk. Das Projekt der beiden Kunstschaffenden wird durch die EU-Stiftung WEARsustain gefördert und dient vor allem dazu, E-Textilien zu erforschen und wie der Körper dazu genutzt werden kann, sie zu aktivieren.

Mika und Hannah haben sich vor zehn Jahren während des Studiums im österreichischen Linz kennengelernt: Mika hat Grafikdesign studiert und dann einen Master in Technology and Art angeschlossen; Hannah zählt Produktdesign sowie Media Science and Art zu ihrer Qualifikation.„Trotz unterschiedlicher Studiengänge eigneten wir uns in elektronikbezogener und textilorientierter Projektarbeit neues Wissen an.

An der Schnittstelle zwischen Maßschneiderei und Technologie untersuchen Hannah und Mika also die Möglichkeiten von Wearable Technology—eine Subkategorie technischer Innovationen, die besonders in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Das Duo fühlt sich diesem Hype allerdings nicht verpflichtet. Wearable Technology beginnt für sie mit dem Material und hat wenig mit dem Versteckspiel von Kabeln oder Lautsprecher zu tun. Vom ersten Faden an werden ihre Stoffe metallisch überzogen und damit leitfähig. Folglich lassen sich die Materialien als Sensoren, Konnektoren oder Stromfelder einsetzen.

In der Woche unseres Besuchs entwickelt Hannah einen Handschuh für einen Programmierer. Er möchte künftig seine Arbeit ohne eine Tastatur erledigen können. Was das bedeutet? Er übersetzt seine Fingerbewegungen durch Sensoren in Kodierungen, erklärt Hannah, als sie sich den hautfarbenen Prototypen anzieht, der mit Nähten übersät ist. Nach langem Hin und Her zwischen Technologie und Schnitt ist dieser Prototyp bereits die vierte Version. „Auf jedem Knöchel und dem Daumen sitzen jeweils Sensoren, die die einzelnen Bewegungen registrieren. Die wirkliche Arbeit liegt aber bei unserem Kunden—er muss dem Handschuh beibringen, welche Bewegung was bedeutet. Wir haben ihm erklärt, dass dies aufwändig sei, das schreckte ihn aber wenig ab.”

Hinzu kommt die Designarbeit. „Es gibt hierfür keine richtige Anleitung, zu der Arbeit gehört einfach viel Tüftelei”, sagt sie. „Das Design diese Produkts ist dem Kunden jedoch gleich. Für ihn zählt nur, dass der Handschuh funktioniert; er soll so minimalistisch wie möglich sein. Für ihn ist das Stück unsichtbar. Wir aber sind bemüht es nicht dabei zu belassen und ihm etwas mitzugeben, das eine Geschichte erzählt”, sagt Hannah. Kobakant studieren ihre Kunden also sehr genau.

Das zeigt sich auch beim Auftrag, an dem Mika arbeitet. Es handelt sich um einen goldfarbenen Bolero, der mit voluminösen Rüschen besetzt ist. Das Kostüm entsteht für eine Kundin, die zum Burning Man Festival in Nevada reisen wird. Der robuste und dennoch feine Stoff ist an den Rändern mit Lichtfäden verziert, die das Motto des Festivals aufgreifen: „Sie leuchten im Takt der Musik auf”, erklärt Mika.„Wir können auch mit Farben experimentieren, oder einen Bewegungsmelder installieren, der unterschiedliche Töne signalisiert.”

„Die Reise bedeutet unserer Kundin sehr viel”, erklärt Mika.„Sie zieht sich normalerweise nicht extrovertiert an, und hat sich somit ganz bewusst für dieses Kostüm entschieden. Wir begleiten sie auf ihrer Reise und helfen ihr, ihre Geschichte zu erzählen. Das fühlt sich sehr speziell an.” Dass es das Duo schafft, funktionale Produkte umzusetzen, bestärkt sie in ihrer Mission—auch wenn die oft wochenlange Arbeit wenig Profit verspricht. „Es ist irgendwie poetisch. Das Äußere übernimmt zwar das Storytelling”, sagt Hannah,„doch während wir unsere Prozesse dokumentieren und uns mit unseren Kunden austauschen, werden sie selbst zu Protagonisten unseres Märchens.”

Um noch mehr über Kobakant zu erfahren, lest das ganze Feature auf Freunde von Freunden.

Text: Ann-Christin Schubert

Fotos: Aimee Shirley

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