Prinzessinnen des Underground

vor 2 Monaten

Als unsere Autorin Warpaint zum ersten Mal hört, ist sie tief bewegt. Sechs Jahre später wirkt der Zauber noch immer. Hommage an eine Band, die an die ewige Freundschaft glauben lässt.

Als 2010 ihr DebütalbumThe Fool erschien, galten Warpaint sofort als die neuen Prinzessinnen des Underground. Neun Songs, knapp 50 Minuten Musik, die von einem Lebensgefühl voller Nostalgie erzählten und nicht nur den Zeitgeist trafen, sondern auch mich, irgendwo tief drinnen, in einer Lebensphase, in der meine Freundinnen und ich uns zwischen klebrigen Clubs und Studentenzimmern umhertrieben, stürmisch und voller Hoffnung, auf der Suche nach Selbsterkenntnis.

Noch immer umgibt etwas Geheimnisvolles die Musik von Warpaint. Im Nexus zwischen Post-Punk, Dream-Pop und melodischem Psychedelic entsteht ein Sound, der die Hörerin weit in die Vergangenheit entrücken lässt und dennoch neu klingt. Die Kalifornierinnen Jenny Lee Lindberg, Emily Kokal, Theresa Wayman und Stella Mozgawa besitzen magische Kräfte oder zumindest die Fähigkeit, ganz unterschiedliche Klang- und Gefühlswelten zu öffnen, die den Hörer auf ehrliche Art und Weise anrühren – Zeile für Zeile, Song für Song.

2016 erscheint Heads Up, das dritte Album der Band. Es klingt zwar weniger spooky und melancholisch, hat mehr Pop-Referenzen, so wie auf dem Track New Song, zu dem man unbedingt Tanzen möchte. Und doch ist da wieder diese schöne Traurigkeit, stets getragen von sanften, mehrstimmigen Vocals getragen, die mich noch immer berührt, seit The Fool auf meinem ersten I-Pod in Endlosschleife lief.

Das Besondere an Warpaint mag sein, dass ihre Alben in einem Umfeld entstehen, dessen kreatives Potenzial weit über die Musik hinausgeht. Zur Possy gehören Radiohead-Produzent Nigel Godrich und Lindbergs Ehemann, der britische Videokünstler Chris Cunningham, dessen psychedelische Musikvideos – etwa Björks All Is Full of Love oder Aphex Twins Flex – stilbildend gewesen sind. Cunningham gestaltete das Artwork für das zweite Album Warpaint und drehte eine Dokumentation über die Band – Love Is To Die. Warpaints erste EP Exquisite Corpse (2008) wurde von Kokals damaligem Freund John Frusciante produziert, dem , dem Gitaristen von Red Hot-Chili Peppers.

Die vier Künstlerinnen elektrisieren Frauen wie Männer. B-Towns Indie-Pop-Band Swim Deep machte der Warpaint-Bassistin Lindberg in ihrer Debütsingle King City sogar eine Liebeserklärung: „It will all come sweet on your lips ‚Cause I’m in love so old Put your flowers down, it’s too cold. Fuck your romance, I wanna pretend That Jenny Lee Lindberg is my girlfriend“. Mehr credibility geht nicht.

Warpaint bewegt mich allerdings wegen etwas Anderem. Jenny Lee, Emily, Theresa und Stella reflektieren Haltungen und Werte, die in der Lebensrealität vieler Frauen meiner Generation verloren gegangen zu sein scheinen; beschreibbar vielleicht als eine unbedingte Leidenschaft für Musik und – vor allem – für das Leben. Warpaint bekennt sich zu wahrer Freundschaft, zu einer tief empfundenen Verbundenheit für ganz bestimmte Menschen, mit denen man schweigen kann und doch jeder vom anderen weiß, was der denkt. Aus tiefstem Herzen miteinander lachen, bis sich die Bauchmuskeln verkrampfen. Freunde ziehen lassen, ihnen Freiraum gewähren und nach einer Reise wieder die Hand reichen, als wäre kaum Zeit vergangen. In dieser Empfindung liegt etwas Existenzielles.

Das Cover-Bild von Heads Up reflektiert diesen Zustand der Verbundenheit. Hand in Hand im Gegenlicht, dem Betrachter den Rücken zugewandt, richten Jenny Lee, Emily, Theresa und Stella durch ein großes Fabrikfenster den Blick nach draußen in die Welt – ein Zeichen der Freundschaft, des gegenseitigen Respekts, völlig frei von äußeren Zwängen und Erwartungen.

„Wir sind einfach Frauen“, sagte mir Warpaint-Sängerin und Gitarristen Emily in einem Interview: „Wir arbeiten hart und versuchen so gut wir können, anderen ein gutes  Beispiel dafür zu sein, was es bedeutet, als Frauen in einer gesunden Beziehung zueinander zustehen.“ Das ist bewundernswert, auch weil die vier glaubhaft machen, nicht kommerziellen Erfolg und Ruhm zu jagen, sondern als Freundinnen Kunst zu schaffen, die berührt und mit Gefühl verzaubert, das lange nachwirkt.

Beitrag: Alina Amato
Bilder: Heiko Richard

Dieser Beitrag erschien in Fräulein Nr. 21.

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