Seiltanzen mit der Avantgarde

vor 3 Monaten

Anna von Raison komponiert Werbefilmmusik für Louis Vuitton und begeistert mit ihrem Soloprojekt ANNA VR, das so lässig zwischen Pop und Avantgarde wechselt, dass es einem schwindelig werden kann.

Du hast eine  klare Vision von dem, was ANNA VR ist und macht …
Das höre ich oft. Tatsächlich gibt es bei dem Projekt nur noch wenige Zufälle. Ich habe in Sachen Songwriting und Fashionwerbefilmmusik lange mit anderen Leuten zusammengearbeitet und mir in dieser Zeit – ohne dass ich es bemerkt habe – eine eigene Vision erarbeitet, was Lyrics, Produktion oder administrative Aspekte angeht. Dann habe ich irgendwann begonnen, als ANNA VR mein eigenes Ding zu machen – und noch mal fast zweieinhalb Jahre allein gearbeitet, ehe der erste Song erschien.

Der Musik hört man diese lange Vorlaufzeit nicht an.
Das ist schön (lacht). Ich veröffentliche Songs eben nicht gleich, sondern halte sie erst mal unter Verschluss. r>o>m>e oder Je t’aime on 20 BPM sind halt für manche Leute sehr experimentell. Ich habe aber auch Tracks wie Blue Satin. Das sind Popsongs, die im Radio laufen könnten. Ich hoffe einfach, dass es mehr Menschen gibt, die sagen: „Ich kann Mainstream-Popsongs genau so gut finden wie experimentellere Tracks.“ Ich mochte schon immer beides – genau, wie ich Hip-Hop und Jazz schon immer mochte. Warum soll jeder Song gleich klingen, wenn ich musikalisch so breit gefächert bin?

Viele Menschen mögen sicherlich auch Radio-Pop, trauen sich aber nicht, das laut zu sagen, weil sie dann von ihren Auskennerfreunden schräg angeguckt würden.
Genau! Ich habe das immer so empfunden. Klar, es gab früher auch ganz schlimme Popmusik. Aber als dann Alben wie Justified von Justin Timberlake oder Songs wie Toxic von Britney Spears erschienen sind, dachte ich mir: „Fuck, das ist richtig gut!“ Solche Songs schreibt und produziert man nicht mal eben, sondern das ist wirklich eine Kunst. Als ich das erkannt habe, hat sich diese Grenze zwischen dummem Pop und cooler Musik plötzlich aufgelöst. Dass man diese Grenze überhaupt zieht, ist ja absurd. Pop ist demokratisch. Pop ist angetreten, um Kunst für jeden zu bieten. Ich interessiere mich nicht für den Pop-Begriff der Major-Labels, sondern für den von Andy Warhol – interdisziplinäre Kunst zwischen Musik, Visuals und Mode, kurz: von allem, was inspirierend ist und trotzdem noch den Anspruch hat, verständlich zu sein. Ich will nicht mehr avantgardistisch und cool sein.

Das klingt, als ob du es mal sein wolltest. Woher kam dieser Drang?
Naja, wenn du Jazzklavier studierst, bewegst du dich in anderen Sphären. Ich habe als Jugendliche das Klavierspielen gelernt, dann Herbie Hancock gesehen und bin von der Klassik zum Jazz gewechselt. Ich mochte die Rhythmik, die Akkorde und die Nähe zum Hip-Hop total, folglich habe ich mich immer mehr für die Avantgarde interessiert. Als ich in Amsterdam Jazz studiert habe, merkte ich, dass ich mir mit so einer Einstellung bei den anderen Studierenden und vor allem den Lehrern nicht unbedingt Freunde mache. Es ging so weit, dass ich ein paar Mal von der Uni fliegen sollte. Zum Glück gab es auch sehr progressive Professoren, die mich unterstützt haben. Mir ging es ja gar nicht darum, etwas anderes abzulehnen oder schlecht zu finden. Ich hatte nur einfach immer den großen Drang, etwas Neues zu schaffen, anstatt zurückzuschauen und die Geschichte nachzuspielen.

Wie bist du vom avantgardistischen Jazz-Klavier zum Produzieren gekommen?
Schon während des Studiums habe ich begonnen, mich für Filmmusik zu interessieren und habe auch das ein bisschen studiert. Im diesem Kontext habe ich Musikproduktionsprogramme wie Logic kennengelernt. Währenddessen spielte ich in einer Fernsehband. Irgendwann sprach die Frau des Moderators, eine Sängerin, mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, Songs mit ihr zu schreiben. Sie hat mir einen Gedichtband gegeben und mich gebeten, aus den Gedichten Songs zu machen. Konnte ich. Außerdem machte es Spaß und ich hatte das Gefühl, das Intellektuelle total auszureizen. Bei mir hat da ein richtiger Shift stattgefunden, der zur Folge hatte, dass ich die Antworten eher im Einfachen gesucht habe – und da kam mir Pop mit drei Akkorden und Kindermelodien total entgegen. Also habe ich mich minimiert, anstatt immer komplexer zu werden.

Viele Künstler machen es genau andersherum.
Ja, aber ich glaube, dass die größte Kunst ist, einfach zu sein. Ich bin lange noch nicht angekommen, was das angeht. Ich will noch viel einfacher werden – und trotzdem vielschichtig bleiben. Das ist nicht so einfach. Ich weiß zum Beispiel, dass Je t’aime on 20 BPM und insbesondere r>o>m>e hart an der Grenze dessen sind, was sich die meisten Leute anhören können. Ich mag r>o>m>e fast ein bisschen lieber, weil der Song dem Hörer mehr Freiheiten lässt. Der Song funktioniert wie eine Vorlage und der Hörer macht daraus, was er will. Wie ein expressionistisches Bild, auf dem nur verschwommene Linien zu sehen sind, die man selbst zusammensetzen muss.

Wir haben über Vorurteile gegenüber Popmusik gesprochen. Auf Leute wie Drake können sich ja alle einigen, weil er sich vieler Rap- und R&B-Elemente bedient. Doch wie stehst du zu Mainstream-Künstlerinnen wie Kate Perry?
Meine Devise lautet: Wenn ich es selbst gut finde, kann es nicht so schlimm sein. Katy Perry oder auch Taylor Swift, Rihanna und Ariana Grande machen halt Pop, der nicht mehr krasser geht. Die gehen mit Max Martin ins Studio und machen mitunter richtig geile Songs. Das Problem ist einfach, dass den Songs trotzdem eine gewisse Seelenlosigkeit innewohnt und sie zu Abziehbildern werden. Das ist, wie wenn man im Film eine traurige Szene sieht und es nicht reicht, dass der Schauspieler weint. Dann werden die Bilder noch mit einem theatralischen Soundtrack unterlegt, damit auch dem Letzten klar wird: das ist traurig. Da bekomme ich das Gefühl, dass ich manipuliert werde. Dabei will ich doch selber entscheiden, was ich fühle. Dazu kommt noch, dass die Stimme im Mainstream-Pop eigentlich ein Dauerschreien ist. Um so zu klingen und derart präsent zu sein, muss man die ganze Zeit schreien. Aber klar: Bei Mainstream-Popsongs werden alle Kanäle aufgerissen. Das ist doch, als ob vor dir hundert Autos mit laufendem Motor stehen, während du ein Gedicht aufsagen willst … (lacht).

Gerade hast du den Superproduzenten Max Martin angesprochen. Du selbst arbeitest mit Sebastian Kreis von Schwarz Don’t Crack zusammen. Wie kam das zustande?
Ich habe Sebastian schon länger verfolgt, weil ich fand, dass er ein gutes Gefühl für Beats hat. Irgendwann habe ich Sebastian dann geschrieben und wir verabredeten uns. Er mochte meine Songs und hat direkt etwas produziert. Seit einem Jahr treffen wir uns an zwei Tagen in der Woche und sitzen jeweils sechs Stunden im Studio. Zurzeit arbeiten wir an Tracks, die entweder als Album oder in Form von zwei EPs erscheinen werden.

Du legst nicht nur viel wert auf die Produktion, sondern auch auf das Drumherum.
Ich interessiere mich sehr für Psychologie. Von dort aus ist es ja nicht weit zu den Sinnen. Ich will mit meiner Kunst eine Erfahrung auf allen Ebenen schaffen. Klar, man macht Musik. Sie auf einer großen Bühne mit Mode, Videos und Licht zu inszenieren, ist allerdings noch mal was ganz anderes. Bei mir gehört die visuelle Komponente zur Musik. r>o>m>e würde weniger Sinn ergeben, wenn der Song nicht diese Visuals hätte. Für die nächste Single Under The Sand will ich wieder mit experimentellen Visuals arbeiten, um einen Kontrast zu der immer poppiger werdenden Musik zu schaffen.

Funktioniert es denn auch ohne Visuals?
Ja, klar. Das sollte schon gehen. Ich könnte mir auch vorstellen, langfristig ohne Visuals zu arbeiten – aber dann würde ich live auch das Licht ausmachen. Wenn du eine Sinneswahrnehmung ausschaltest, werden die anderen ja umso empfindlicher. Das wäre auch ein interessantes Experiment. Zunächst wollen wir aber erst mal ein VR-Video zum Song Vitamins machen. Ansonsten lasse ich es eher ruhig angehen. Ich will nichts überstürzen und mit unfertigen Songs rauskommen, sondern lieber Schritt für Schritt gehen.

Interview: Jan Wehn
Fotos: Alex De Brabant
Styling: Sina Braetz
Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 22. 

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