So stell‘ ich mir die Liebe vor: Lauren Mayberry

vor 2 Wochen

Als Feministin liebt es sich leichter.

Die helle, zarte Stimme der Lauren Mayberry hat bereits vielen Zuhörern Gänsehaut beschert. Mit ihrer Elektro-Pop Band Chvrches feiert die Britin seit Jahren Erfolge. Privat nimmt sie kein Blatt vor den Mund, spricht mit uns über toxische Liebe und darüber, wieso es sich als Feministin leichter lieben lässt.

Fräulein: Lauren, was kommt dir in den Sinn, wenn du an Liebe denkst? Abgesehen von Personen, gibt es vielleicht sogar ein Objekt, das du damit verbindest?

Lauren: Ich tendiere dazu, nicht zu sehr an materiellen Dingen zu hängen. Vielleicht liegt das daran, dass ich viel reise, da kann ich nicht wirklich an Sachen festhalten. Ich habe aber ein kleines Buch mit Kindercartoons, das ich vor vielen Jahren geschenkt bekommen habe. Ich schätze es sehr, weil es mich dazu inspiriert hat, mit dem Zeichnen zu beginnen.

Das neue Album deiner Band Chvrches trägt den Namen „Love is Dead“. Inwiefern stimmt das?

Vielleicht stimmt es. Wahrscheinlich war es deshalb schwierig für mich, deine erste Frage zu beantworten (lacht). Aber nein, ich denke nicht, dass die Liebe tot ist. Es ist ein sehr theatralischer Titel, aber es geht dabei nicht unbedingt um romantische Liebe. Es behandelt viel mehr wie die Menschen miteinander umgehen. An einigen Tagen habe ich das Gefühl, dass ich total mit dieser Aussage übereinstimme und an anderen Tagen so gar nicht. Der Titel eröffnet auf jeden Fall einen Diskurs und am Ende steht für mich ein Fragezeichen.

Du beziehst auch öffentlich Stellung zu politischen Themen wie Waffenkontrolle. Spielt der Titel auch darauf an?

Auf jeden Fall. Es ist schwierig, die Unfreundlichkeit vieler Menschen auszublenden. Ich habe es beim Einreisen in die EU gemerkt, dass, als britische Staatsbürgerin, mein Pass nun streng kontrolliert wird. Ich wollte mich direkt entschuldigen und sagen, dass ich nicht für den Brexit gestimmt habe. Die Angst, die momentan herrscht, führt zu solch schwerwiegenden politischen Entscheidungen. Es ist traurig und wir sind alle davon betroffen – natürlich ist das mit in unser Album eingeflossen, auch wenn nicht mit Absicht ein überpolitisches Album produziert wurde. Es betrifft uns alle jeden Tag und ist nicht isoliert zu sehen. Musik ist ein Schnappschuss von dem, wie und wo wir als Künstler im Leben stehen.

Das Lied „Enemy“ hat einen harmonischen Vibe, dabei suggerieren die Lyrics Missverständnisse und toxische Liebe. Habt ihr da ein altbekanntes Beziehungsmuster abgebildet?

Für mich persönlich handelt das Lied nicht von einer romantischen Beziehung, aber sehr viele interpretieren es so.  Ich finde es kraftvoll und wichtig, dass dies passiert, denn das ist das Tolle an Lyrics. Jeder findet seinen persönlichen Bezug und am Ende verbindet das die Menschen miteinander. Wir lieben den Konflikt in unseren Songs und mixen gerne das Dunkle mit dem Hellen, genauso wie das Leben und Beziehungen eben spielen.

Du hast vor ein paar Jahren selbst eine persönliche Erfahrung mit toxischer Liebe in Lena Dunhams Lenny Letter geteilt. Was würdest du Personen raten, die sich in einer emotional schwierigen Beziehung wiederfinden?

Wenn man persönlich in so einer Situation steckt, dann will man es erst nicht wahrhaben. Man hat viele mentale Barrieren aufgebaut und immer Ausreden für den Partner gesucht – denn niemand möchte so eine Beziehung führen. Trotzdem passiert es vielen jungen Frauen, was oft mit Selbstwert und Erziehung zu tun hat. Man wird quasi als Fürsorgerin erzogen und bekommt beigebracht, Dinge im emotionalen Sinn zu reparieren. Fast schon so, als würde man die Liebe, die man verdient erst bekommen, wenn man dafür gekämpft hat. Oder erst belohnt werden, wenn man so viel Schmerz wie möglich aufgesaugt hat. Der erste Schritt ist auf jeden Fall seine Situation zu erkennen.

Wie hast du dich damals befreit?

Wenn ich zu dieser Zeit nicht so stark in die Arbeit mit der Band vertieft gewesen wäre, dann hätte die Beziehung noch länger gehalten. Ich kam zu dem Punkt, an dem ich zwischen den beiden Dingen wählen musste. Glücklicherweise war ich schlau genug, mich für die Musik zu entscheiden. Ich habe mich lange danach noch fertig gemacht und endlich eingesehen, dass die Zeichen die ganze Zeit da waren.

Kreativität hat dir also geholfen?

Ja auf jeden Fall, Kreativität und die Passion für etwas, das nichts mit meiner Beziehung zu tun hatte, war sehr wichtig. Man braucht einen Moment der Realisation, der einen aus der Abwärtsspirale befreit und die Negativität der anderen Person erkennen lässt. Ich bin froh, dass ich zu dem Punkt kam und mich befreit habe, nicht alles weggeworfen habe.

Du definierst dich als Feministin. Findest du es schwieriger mit diesem Prädikat Liebe zu finden oder eine Beziehung zu führen, im Vergleich zu einer weniger feministischen Person?

Für mich ist es wahrscheinlich sogar einfacher auf eine Art und Weise. Ich spreche mehr über diese Dinge. Es ist wichtig zu wissen, was man im Leben möchte, so ist es auch leichter eine Person zu finden, die dieselben Ideale teilt. Jeder, der sich von meinen starken Ansichten abgeturnt fühlt, der ist sowieso nicht der Richtige für mich. Wenn ich mich ständig verbiegen müsste, dann wäre das nicht die wahre Liebe.

Es ist genauso wichtig zu wissen, was man nicht will, wie zu wissen, was man will.

Ganz nach dem Motto: Kenne dich selbst, dann erkennst du auch deine große Liebe?

Es ist genauso wichtig zu wissen, was man nicht will, wie zu wissen, was man will. Für mich ist das Konzept der Gleichberechtigung auf allen Ebenen etwas Selbstverständliches.

Wie viel Publicity bzw. Präsenz in den sozialen Netzwerken ist gesund für die Liebe?

Ich tendiere dazu, Privates auch privat zu halten. Es ist schwieriger für die Leute in meine Musik abzutauchen, wenn ich zu viel von mir preisgebe. Man sollte auf jeden Fall achtsam sein und die Dinge, die man liebt, schützen. Es ist auch gut für die geistige Gesundheit, weniger Menschen in private Angelegenheiten einzuladen.

Was hältst du von der umstrittenen Weisheit: „Was du liebst, lass frei. Kommt es zu dir zurück ist es für immer deins.“?

Ich habe das Gefühl, dass wenn man etwas krampfhaft festhält, das in eine selbsterfüllende Prophezeiung umschlägt und einen dann erst recht verlässt. Wahre Liebe ist nicht kontrollierend. Es geht darum jemandem den Raum zu geben, er selbst sein zu können. Ich stimme dieser Aussage also so weit zu.

Was war der beste Rat, den du jemals bekommen hast?

Nicht direkt ein Rat, aber was ich mit der Zeit erkannt habe, ist: Man verbringt so viel Zeit damit aufwachsen zu wollen und sehnt das Älterwerden herbei. Man tut Erwachsenen-Dinge und imitiert, aber eigentlich machen die Dinge, auf die man als Teenager keine Lust hatte, einen Menschen zu einer interessanten Person. Jetzt denke ich mir, ich hätte damals alle Bücher lesen sollen, die ich in die Hände bekommen habe.

Hast du zum Abschluss noch eine Buchempfehlung für uns?

Ich habe letztens das Buch „The Girls“ von Emma Cline gelesen und es direkt verschlungen. Ich kann es nur jedem empfehlen.

Das neue Album „Love is Dead“ von Chvrches erscheint am 25. Mai 2018 bei Universal.

Interview: Julia Deutsch

Bild:  © Danny Clinch/PR

Verwandte Artikel