So stell ich mir die Liebe vor mit Shirley Manson

vor 2 Monaten

Als ihre Mutter 2008 starb, wollte die Garbage-Sängerin Shirley Manson mit der Musik aufhören.

 

„Wenn ich mir die Liebe vorstelle, dann denke ich an die bedingungslose Liebe meiner Mutter Muriel. Es gibt ein Foto, das ich von ihr gemacht habe. Das war im Dezember 2006 im Haus meiner Familie in Schottland. Es war der letzte Winter, in dem meine Mutter noch sie selbst war. Sie erkrankte an einer aggressiven Form von Alzheimer, die so selten ist, dass die Ärzte in Edinburgh noch nie so einen Fall behandelt hatten. Es ging schlagartig los und innerhalb von 18 Monaten war meine Mutter tot – eine befremdliche und zerstörerische Krankheit. Ich erinnere mich noch an die ersten Anzeichen. Ich saß mit meiner Mutter auf der Couch. Es lief Werbung im Fernseher. Plötzlich schaute sie mich mit Schrecken an und fragte, was das für ein Tier im Fernseher sei. Ich blickte auf den Bildschirm und sagte verdutzt zu ihr: „Mum, das ist ein Elefant.“ Und sie sagte nur: „Oh“, und lächelte überrascht. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, etwas ist nicht in Ordnung.

Meine Mutter hat eine ungewöhnliche Geschichte. Sie wurde als Säugling in einem Waisenhaus abgegeben. Meine Großmutter adoptierte sie. Als meine Mum 50 wurde, beschloss sie, nach ihren biologischen Wurzeln zu forschen. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater ein Butler und ihre Mutter eine Gouvernante in einem herrschaftlichen Haus in Schottland gewesen waren. Das machte es unmöglich, ein Kind zu haben. Wäre das Kind entdeckt worden, hätten sie beide ihre Anstellung verloren. In der Nacht nach der Geburt steckten sie meine Mutter in einen Korb und stellten diesen auf den Treppen des Waisenhauses ab. Ich glaube, deshalb war meiner Mutter das Prinzip Familie so wichtig. Als meine Mutter dann mich und meine zwei Schwestern bekam, wurde Muttersein zum Inhalt ihres Lebens. Sie investierte jedes Gramm ihres Intellekts, ihrer Leidenschaft und Liebe in die Erziehung ihrer Töchter. Es klingt extrem. Doch sie nahm diese Rolle sehr ernst und sie liebte es, Mutter zu sein, sodass es sich für uns immer natürlich anfühlte. Meine Mutter ließ es so mühelos erscheinen. Ich glaube, weil sie es wirklich wollte, vielleicht sogar brauchte, eine Mutter zu sein.

Meine jüngere Schwester ist inzwischen selbst Mutter geworden und empfindet diese Rolle als totale Herausforderung. Es stresst sie bis an den Rand ihrer Persönlichkeit. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, Kinder zu bekommen. An dieser Entscheidung zweifle ich auch nicht. Ich kenne mich selbst gut und weiß, dass ich nicht in der Lage bin, mich komplett einem Kind hinzugeben. Ich spüre, dass es mich aufwühlen würde, den Ansprüchen an das Muttersein gerecht zu werden; es würde mich elend und verrückt machen. Ich bin emotional nicht so ausgestattet, um eine gute Mutter zu sein. Ich habe mich noch nie bedingungslos hingegeben. Ich bin immer zu ängstlich. Ich bin wie ein verwundetes Tier. Fast alle meine Lieder handeln von Dingen, die mich quälen, und das wird am besten verstanden. Wenn man sich öffnet und die Wahrheit über sich preisgibt – über seine abgründigsten Eigenschaften, über sein tiefstes Verlangen und über seine Gefühle – und sich trotzdem akzeptiert und verstanden fühlt, das ist die ultimative Erleichterung. Ich glaube, Ehrlichkeit macht nicht verletzlich, sondern man fühlt sich dadurch sicherer.

Ich habe meinen Seelenverwandten geheiratet und ich habe mich bis ans Äußerste meiner Möglichkeiten geöffnet. Doch ich glaube, dass meine Kapazitäten einfach nicht so großzügig sind wie die anderer Menschen, zum Beispiel wie bei meiner Mutter. Doch was mich und Mutter tief verband, was wir beide gleichermaßen teilten, war die Liebe zur Musik. Sie selbst war eine Sängerin und sie war es, die mich mit Musik vertraut machte. Sie zeigte mir Künstlerinnen wie Nina Simone, Billie Holiday oder Karen Carpenter, die mich stark geprägt haben. So wurde ich selbst Sängerin, und wenn meine Mutter das hätte miterleben können, wäre sie so glücklich gewesen. Musik war das, was sie und ich hatten. Als ich klein war, begleitete ich sie am Klavier, wenn sie für ihre Auftritte probte. Ich glaube, das hat sie immer beruhigt und ihr die Nervosität genommen. Damals konnte ich das nicht wirklich wertschätzen, war genervt, heute bin so dankbar für diese mühsamen Stunden des Klavierspielens mit ihr. Es ist so ein Klischee: Meine Mutter war meine beste Freundin und engste Vertraute. Ich konnte mit ihr über alles sprechen. Wir teilten die gleichen Ansichten und all meine Werte wurden mir von ihr mitgegeben.

Auf ihrer Beerdigung sagte ich in meiner Abschiedsrede, meine Mutter sei der Mond und meine Schwestern und ich seien kleine Satelliten, die sich um die strahlende Pracht drehten, die von ihr ausging. Es gibt diese Volksweisheit, die sagt, je älter man werde, umso ähnlicher werde man seinen Eltern. Doch ich wünsche, ich sei mehr wie meine Mutter. Ich habe kleine Teile von ihr, die in mir überleben, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen Hauch meiner Mutter in mir spüre. Sie war jemand, der man nacheiferte und die man bewunderte. Das Foto, das ich von ihr gemacht habe, ist das letzte Bild, das sie in ihrem ganzen Glanz zeigt. Ich erinnere mich noch genau an den Moment: Es war ihr Geburtstag kurz nach Weihnachten und die ganze Familie war zu Hause. Sie hatte gerade einen Schal von meiner großen Schwester geschenkt bekommen, den sie gleich anlegte. Die Musik lief laut, wir alberten herum, sie tanzte, drehte sich im Kreis und schlug ein paar Pirouetten.“

Vor der Demenzerkrankung: Muriel, einst selbst Sängerin. (Foto: Shirley Manson)

Info: Shirley Manson,48, ist Sängerin der amerikanischen Rockband Garbage. Seit ihrem Debütalbum 1995 hat die Band über zwölf Millionen Tonträger verkauft. Zurzeit arbeitet die Band an ihrem sechsten Studioalbum.

Protokoll: Robert Grunenberg
Dieser Artikel erschien in Fräulein Ausgabe 02/2015.

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