Im Interview: Tamara Lunger über das Wachsen in Extremerfahrungen

vor 2 Wochen

Ein Leben, das ständig in achttausend Metern Höhe weilt – davon hört man, liest man, aber vorstellen kann man es sich wirklich kaum. Tamara Lunger führt so ein Leben und weiß, dass nicht erst auf den einsamen, verschneiten Spitzen unseres Planeten die Spektrumsenden der menschlichen Extremerfahrung aufeinanderprallen – auf dem Weg dahin, auf den wenigen, letzten Metern bis zum Ziel, passiert viel mehr.

Obwohl Tamara Lunger zu Beginn ihrer Karriere große Erfolge in internationalen Leichtathletik-Wettbewerben feierte, wusste die italienische Alpinistin schon früh, dass es sie in die Berge ziehen wird. Lungers Leidenschaft setzte sich schließlich mit Rekorden durch, genauso wie unter anderem auch ihre Entschlossenheit, auf zusätzlichen Sauerstoff während ihrer Expeditionen zu verzichten. Es ist ihr wichtig, einen eigenen Stil in den Bergen – für sie ein absoluter Ort der Freiheit – voll und ganz ausleben zu können, was auch bedeutet, ihn kontinuierlich ausfeilen zu müssen. Im Interview verrät sie uns, wie sie an sich arbeitet und nicht zuletzt durch Angst und „Niederlagen“ wächst.

 

Wie hat es sich damals für dich angefühlt, als bisher jüngste Frau der Welt den Lhotse zu besteigen?

Es war extrem aufregend. Schon allein deswegen, weil Leute auf der ganzen Welt mitgefiebert haben. Allein im Basislager waren an die 1000 Leute aus aller Welt. Ich habe die Höhe zuerst kaum gespürt, weil ich einfach froh darüber war, endlich da zu sein, wo ich mich schon seit Jahren hingeträumt habe. Wir waren in einer Gruppe unterwegs, unter anderem mit Simone Moro [ital. Extrembergsteiger, Anm. der Redaktion]. Da er jedoch den Mount Everest anvisierte, sind wir nicht immer gemeinsam aufgestiegen, sodass ich auch die Einsamkeit auskosten konnte. Der Gipfel war natürlich das Highlight, auch wenn ich ihn mir etwas anders vorgestellt hatte. Ich dachte, ich würde ihn mehr genießen können … aber man muss auf dem Gipfel schon wieder auf den Abstieg denken, der in der Regel immer anstrengender und schwieriger ist, wenn man müde ist, aber genauso konzentriert sein muss. Im Basislager angekommen war ich so dehydriert, dass ich meiner Meinung nach durch den fehlenden Sauerstoff in der Höhe viele Hirnzellen verloren habe. Ich hatte Schwierigkeiten, mich an Unterhaltungen zu erinnern, das war absolut erschreckend.

 

Als Extrembergsteigerin setzt du dich ja ständig lebensgefährlichen Grenzerfahrungen aus. Wie gehst du mit den damit verbundenen Ängsten um und wie überwindest du sie? 

Sicher ist das Bergsteigen in einigen Situationen lebensgefährlich, aber in erster Linie ist es das Beste was mir passieren kann. Natürlich versucht man immer alles so sicher wie möglich zu machen, aber ganz sicher ist man nie. Und wenn man sich für diese Art der Herausforderung entscheidet, dann nimmt man das auch so an. Mit jeder Expedition und jeder unerwarteten Wendung lernt man dazu. Ich habe während meiner zweiten Expedition einen Todesfall miterlebt, der mich sehr geprägt hat. Für eine Zeit lang habe ich deswegen die Liebe zu den Bergen verloren … aber sie zum Glück später wiedergefunden. Seitdem habe ich ein anderes Verhältnis zum Tod. Deswegen versuche ich, jeden Tag so intensiv wie möglich zu leben. Angst habe ich auch nicht vorm Tod selbst – nur davor, dass der Weg dorthin schmerzhaft wird.

 

Vor zwei Jahren kam es ja zu einer sehr kritischen Situation auf dem Nanga Parbat – du musstest kurz unterhalb des Gipfels umkehren. Wie evaluierst du solche Erfahrungen im Nachhinein für dich?

Ich sehe solche wichtigen Erfahrungen nie als Niederlagen an. Ohne sie könnte ich nie einschätzen, wie ich mit Schwierigkeiten umgehen würde. Dadurch, dass ich in gefährlichen Situationen für jeden kleinen Fehler bezahlen könnte, lerne ich immer mehr, für jeden Schritt, für jede Person in meiner Gruppe und für mich selbst, Verantwortung zu übernehmen. Dass ich damals über diese Gletscherspalte gesprungen bin, mir meinen Fuß verknackst habe und abgestürzt bin war zwar in dem Moment tragisch, aber im Nachhinein gewinne ich solche Erfahrungen fast schon lieb. Durch sie erfahre ich mich viel besser. Wie gehe ich mit der Kälte um, wie mit der Höhe? Was muss ich tun, damit es mir wieder gut geht und ich noch in der Lage bin klar zu denken? Breche ich in Panik aus, kann ich ruhig bleiben?  Alles Dinge, die ich für das nächste Mal besser weiß und die mir ermöglichen, mich an mich selbst heranzutasten und zu verstehen, was für Potenzial in meinem Körper steckt. Und in meinem Geist.

 

Wenn „Niederlagen“ für dich grundsätzlich positive Wege zur Selbsterkenntnis darstellen, was bedeuten dann „Gewinne“ für dich? Spielen sie überhaupt noch eine Rolle?

Ich komme ja aus der Leichtathletik und bin dann zu den Skitourenrennen gekommen und habe zu der Zeit viele Wettbewerbe mitgemacht – sagen wir so: ich liebe das kompetitive Rennen und habe eigentlich schon immer versucht, so schnell wie möglich zu sein. Natürlich musste ich schließlich erkennen, dass ich in der Höhe damit rasch meinen Körper überbelasten kann und es zu Höhenkrankeit führen kann. Es gab schon viele Momente, in denen Simone zu mir meinte: „Jetzt dürfen wir nicht mit dem Herzen bergsteigen, sondern mit dem Kopf. Lieber bleiben wir einen Tag hier, bis es morgen wieder weitergeht.“ Anfangs war es schwierig, das zu akzeptieren. Letztendlich weiß ich, dass mich meine Niederlagen sehr viel weiter gebracht haben als meine Gipfelerfolge. Wenn alles ständig so reibungslos passiert, wie ich es mir wünsche, dann lernt man bei weitem nicht so viel.

 

Wie fühlen sich die letzten Meter an? Geht dir etwas Bestimmtes durch den Kopf?

Die letzten Meter sind gigantisch, obwohl man mit den Gedanken stets schon wieder beim Abstieg ist, welcher dieser sich ja viel schwieriger als der Aufstieg gestaltet. Beim Aufstieg sieht man alles vor sich und weiß, wo man den nächsten Schritt hinsetzen muss, während man beim Abstieg teilweise nur das Gesicht zur Bergwand gewandt hat und nicht nach hinten sehen kann. Außerdem ist die Konzentration beim Abstieg natürlich sehr viel niedriger.

 

Was kommt nach dem Abstieg? Hast du bestimmte Rituale etabliert, um dich auszuruhen und wieder Energie aufzutanken?

Nach dem Nanga Parbat – das war 2016 – habe ich angefangen zu meditieren. Es war eine anstrengende Zeit, vor allem auch durch die größere mediale Aufmerksamkeit. Ich habe das damals total gebraucht und seitdem schließlich beibehalten. Ich lese auch viel mehr als früher, am meisten Bücher über die menschliche Natur und Selbstfindung –  denn ich bin noch nicht die Person, die ich gerne wäre.

 

Gibt es denn Baustellen, an denen du aktiv und gezielt arbeiten willst?

Auf jeden Fall. Hauptsächlich auf zwischenmenschlicher Ebene. Mir geht es schon sehr nah, wenn etwa im Basislager Stress ausbricht. Ich möchte daher lernen, so etwas besser ausblenden zu können. Vor allem, weil man im Basislager sein Pulver nicht verschießen darf – sonst bleibt keine Energie für den Rest.

 

Möchtest du uns eine Anekdote aus den Lagern erzählen, von der man als Nicht-Bergsteiger normalerweise nicht weiß?

Auf Toilette zu gehen in der Höhe ist immer eine dieser großen Herausforderungen. Beim Aufstieg ist man meistens in Daunenanzug und Gurt im steilen Gelände,  wodurch es sich eher schwierig gestaltet. In den Hochlagern im Zelt zusammen mit den Männern muss man auch ziemlich brüderlich sein, damit man Körper an Körper ohne Scham in die Pipi-Flasche pinkeln kann.

 

Kannst du uns einen deiner Lieblingsmomente in deiner bisherigen Karriere schildern?

Das hat mich ja noch niemand gefragt – dabei ist das so eine simple Frage! Einer meiner schönsten Erinnerungen fand tatsächlich direkt im Anschluss an die schlimmste Nacht meines Lebens statt, nach dem Absturz auf dem Nanga Parbat: als wir abstiegen, im Basislager ankamen und ich wusste, dass ich wieder sicher war. Ich wurde gleich umarmt und alle waren stolz. „Du bist gewaltig“, sagte der Koch zu mir. Das hat mich so gefreut!

 

Was würdest du Nachwuchssportlerinnen – oder aber auch jungen, in jeglicher Hinsicht kämpfenden Frauen – besonders gern ans Herz legen?

Ich möchte gern einfach betonen, dass sie unsagbar zäh sind und immer an sich glauben müssen. Alles, was es braucht, ist, etwas von ganzem Herzen zu wollen und Schritt für Schritt etwas dafür tun. Sie werden alles schaffen und sich immer wieder Wege eröffnen, um dort anzukommen, wo sie hinwollen.

Mehr Infos zu Tamara Lunger und der Kampagne #shemovesmountains auf thenorthface.de

 

Bilder: TNF/Matthias Aberer

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