Unter der gefrorenen Sonne

vor 4 Monaten

Wir leben in einer zunehmend virtuellen Welt, in der das Déjà-vu zur human condition und die Realität zum tausendfach gespiegelten Abbild geworden ist. Um nicht völlig den Verstand zu verlieren, müssen wir uns an ein Gefühl klammern, welches einem Delirium gleicht – die Liebe.

 

 

Als Ende der 90er-Jahre der erste Teil der Matrix-Trilogie in die Kinos kam, war Google noch ziemlich unbekannt. Kurz danach verschwanden wir im berühmten rabbit hole des Digitalen. Es gab kein Zurück. Die Welt, wie wir sie kannten, zerrann vor unseren Augen zu Code. Die Geschichte trat hinter das permanente now zurück.

Die Väter der Matrix, die Wachowski-Brüder, hatten früh erkannt, das mit dem Internet das Computerzeitalter zu einem evolutionären Sprung angesetzt hatte, der die Art und Weise, wie wir unsere Welt wahrnehmen und erinnern, radikal veränderte. Gleich zu Beginn des Films hat Keanu Reeves als Neo das vielleicht berühmteste Déjà-vu der jüngeren Filmgeschichte: zweimal hintereinander sieht er irritiert eine Katze an einer offenen Tür vorbeilaufen. Déjà-vus entstehen, wenn der Code der Matrix überschrieben wird – womit wir beim Thema wären.

Die Hirnforschung hat erkannt, das Menschen im Moment des Erinnerns die Erinnerungen immer wieder verändern, sprich – neu überschreiben. Dabei weichen wir immer weiter vom Original ab. Fehler schleichen sich ein, Details werden hinzugefügt, Dopplungen treten auf. Es sei erwiesen „dass unser Gedächtnis nicht wie ein Videorecorder arbeitet“, schreibt etwa der Österreicher Werner Stangl. Psychologen beschreiben diesen Effekt als False-Memory-Syndrome. In der Matrix wird dieses Paradigma offen zur Schau gestellt: als Überlastungsreaktion des Gehirns angesichts einer Welt, sie sich als komplexe, virtuelle Simulation voller neuer Reize herausstellt. Einer Welt, in der man sich, auch wenn man Fragmente des Vertrauten ab und zu erahnen mag, merkwürdig fremd fühlt: die klassische Definition des Déjà-vu.

Die Überforderung unserer Hirne begann nicht erst mit dem Internet. Über Jahrhunderte menschlicher Zivilisation nahm die Geschwindigkeit im täglichen Leben nur sehr behutsam zu. Die Achterbahnfahrt begann zur Epochenschwelle um 1800. Von da an wurde unser Geist von neuen Trugbildern bewohnt wurde, wie sie etwa die deutschen Romantiker in der Morgenröte der industriellen Revolution beschrieben – etwa E.T.A. Hoffmann in seiner dunklen Erzählung vom Sandmann, oder Goethe in einer interessanten Episode von Dichtung und Wahrheit. Goethe berichtet ein Jugenderlebnis, in dem er sich selbst als alter Mann entgegenreitet. Jahre später befindet er sich in derselben Gegend und bemerkt, dass er exakt die Kleidung des älteren Selbst aus seiner Vision trägt. Es ist, als hätte er damals eine Projektion der Zukunft empfangen. Ein Erlebnis, das einem sogenannten Déjà-vu recht nahe kommt. Ähnlich der Katze in der Matrix.

Bis zu 90 Prozent der Menschen sollen schon ein solches Déjà-vu erlebt haben, die Erfahrung von Vertrautheit in einer unvertrauten Situation. Warum wir Déjà-vus erleben, ist schwer zu sagen. Sind sie verdrängte Erinnerungen der Kindheit, nur nebenbei gehörte Sätze aus dem Radio, übersehene Bilder im Social-Media-Stream, die durch einen neuen Trigger zu Bewusstsein kommen? Ist es ein fehlgeleitetes Neuron im Hirn, eine fehlerhafte Kommunikation zwischen dem Hippocampus, der uns Neues erkennen lässt, und dem Parahippocampus, der diese Information mit unserem Erinnerungsarchiv vergleicht und Vertrautheit signalisiert? Epileptiker erleben es öfter als gesunde Menschen, aber selbst Blinde kennen das Déjà-vu. Es ist also kompliziert. Und passt als Phänomen doch zu unserem digitalen Leben im rabbit hole.

Ein weiteres Paradigma der Hirnforschung wie auch der common sense sagen uns, dass Erkennen Vertrautheit voraussetzt. Doch wie soll Vertrautheit entstehen, wenn wir, völlig überschwemmt von Information und neuen Eindrücken, immer seltener das Vertraute, dafür immer öfter Ähnliches oder Fremdes zu Gesicht zu bekommen? Ein Blick in den Social-Media-Stream reicht dafür. Es scheint fast so, als hätten wir uns mit diesem ständigen mulmigen Gefühl vertraut gemacht, im Unbekannten Vertrautes zu finden, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Einem Irrenden im Spiegelkabinett gleich jenem des expressionistischen Films der 20er-Jahre, dem großen Manipulator Dr. Caligari, bewegen wir uns immer am Rande des Wahsinns, entkoppelt von der Welt, Zeitreisende ohne Ziel. In diesem Sinne ist das Déjà-vu-Erlebnis vielleicht die human condition des 21. Jahrhunderts geworden.

Bis zu 90 Prozent der Menschen sollen schon ein Dejà-Vu erlebt haben, die Erfahrung von Vertrautheit in einer unvertrauten Situation.

Wer noch einmal hinter unsere Matrix schauen und die Trugbilder des neuen Realen in ihrer noch rohen Form betrachten will, findet interessanterweise Halt bei zwei bald 60 Jahre alten Filme. Alfred Hitchcocks surrealistisches Meisterwerk Vertigo aus dem Reich der Toten von 1958 spielt mit Dopplungseffekten, Trugbildern und Déjà-vus. Mit scheinbar aus dem Totenreich zurückkehrenden Geliebten, welche sich in Fieberträumen ankündigen. Dazu passt das Vertigo, der Filmtechnik der Zeit entsprechend, kaum wirkliche Außenszenen kennt. Kim Novak und James Stewart spielen vor großen Leinwänden, auf denen per Rückprojektion Wälder, Berge und das Meer simuliert werden. Eine so magische, verwunschene wie albtraumhafte Welt gleich tut sich auf. Nur braucht uns hier – anders als in Matrix der Film noch als Komplizen. Der Schwindel ist leicht zu erkennen. Lässt man sich darauf ein, erkennt man – so fake diese Filmlandschaft auch sein mag, sie ähnelt doch sehr unserer meist über Displays und Bildschirme erlebten Wirklichkeit von heute. Vertigo lässt uns auf der Schnittstelle von Bewusstem und Unbewusstem nach Innen wie nach Außen schauen – in unser tiefsten Inneres wie auf die virtuelle Welt von Morgen. Ein merkwürdig kolorierter Abglanz tut sich auf, dessen Ton und Bild auseinanderzudriften schein, dessen Horizont, so fern er scheinen mag, doch nur wenige Meter hinter den Schauspielern endet. Das alles erinnert stark an ein Display – auch wenn auf diesem die Farben brillianter sind. Vertigo repräsentiert die Essenz der Traumfabrik des Kinos. Aber mehr noch die zunehmende Virtualität des Realen, in der wir heute leben, in der Traum und Wirklichkeit verschwimmen, die Hitchcock beobachtbar macht.

In einer wundersamen filmhistorischen Volte wird dieses Prinzip 1962 vom Essay-Filmer Chris Marker in seiner Vertigo-Hommage La Jettée weiter gedacht. Ein Mann wird von einer Erinnerung aus seiner Kindheit verfolgt: Eine wunderschöne Frau am Flugplatz von Orly. Zu Beginn von La Jettée hört man einen Sprecher im Off sagen:

On this particular sunday the child whos story we are going to tell, was bound to remember the sight of a frozen sun () and of a womens face. Nothing tells memories from ordinary moments. Only afterwards do they claim rememberance on account of their scars.

Diese mächtige Kindheitserinnerung einer gefrorenen Sonne und des Gesichts einer Frau, wächst sich zum Trauma aus, bildet eine Wunde in seinem Bewusstsein. Erst Jahre später, als die Welt von einem nuklearen Holocaust verwüstet wird und die letzten Menschen unter der Erde leben, fällt ihm ein: neben der Frau starb an diesem Tag ein älterer Mann. Der Protagoist reist in seine Vergangenheit und begegnet der Frau. Beide verlieben sich. Als er sie, nach verschiedenen Irrungen, am Flughafen von Orly wieder entdeckt und zu ihr rennt, wird er niedergeschossen. Im Sterben sieht er ein Kind und erkennt: der Mann aus seiner Kindheitserinnerung, der hier unter der gefrorenen Sonne fällt, ist er selbst – ebenso wie der kleine Junge. Soweit die Logik des Zeitreisens.

Das geniale an La Jettée ist, das der Film alleine aus Fotografien besteht und bis auf eine kurze Ausnahme, den Augenaufschlag der Geliebten nach einem tiefen Schlaf, auf Bewegtbilder verzichtet. Der Filmkritiker A.O. Scott bezeichnete La Jetée in der New York Times als „philosophische Untersuchung der Art und Weise, wie unser Geist Zeit wahrnimmt oder sogar konstruiert“. Neurologen wüssten, das die Kontinuität, die wir meinen, in unserer Erinnerung zu erleben, eine pure Konstruktion sei. Vielmehr erinnerten wir Bilder, die unser Hirn nachträglich verknüpft – so wie die Einzelbilder auf der Filmrolle. La Jetée sprengt diese Einheit der Bilder, des Klangs, der Sprache und macht die Brüche sichtbar. Wie Vertigo begegnen wir unserem False-Memory-Syndrome in der Form avancierter Trugbilder und Déjà-vus.

Es gibt allerdings einen interessanten Unterschied zwischen Vertigo und La Jetée. Bei Hitchcock bringt die Liebe zu Kim Novak James Stewart um den Verstand. Erst Novaks doppelter Tod, der einer Teufelsaustreibung gleicht, rettet ihn. Marker setzt dem Trauma, hier des Vernichtungskriegs, Anmut und Rührung entgegen. Erlösung findet sein Protagonist, als er der Liebe soweit verfallen ist, dass er bereit ist, dafür sein Leben zu lassen. Die Erinnerung an das Rollfeld von Orly mag eine flüchtige sein. Doch sie ist wirkmächtig. Sie lässt ihn auf seinen Zeitreisen im Nirgendwo Halt finden, als Anker, um bei zu Verstand bleiben. Die Vorstellung, dass es die bedingungslose Liebe ist, die den Protagoisten schließlich vom Trauma seiner Kindheit erlöst und eine regelrechte Himmelfahrt erleben lässt, mag eine romantische sein. Aber sie ist im Gegensatz zum Zynismus Hitchcocks besser dazu geeignet, uns Menschen des 21. Jahrhundert den Ausweg aus dem rabbit hole zu weisen. Bei Marker ist dies spektakulär in Szene gesetzt. Der eine Moment, in dem die disparaten Sinnebenen von Bild und Ton in La Jetée im bewegten Augenaufschlag der Geliebten zusammenfinden, wirkt mächtiger als jeder special effect des zeitgenössischen Kinos. In diesem Moment, der nur eine Sekunde dauert, weicht die Überforderung, die Angst, das wirre Gefühl im Kopf und es stellt sich Frieden ein.

Unter der gefrorenen Sonne von Orly fügen sich die Trugbilder und das Déjà-vu dialektisch zu einem Drittem: einer Schlaufe in der Zeit, einem geschützten Ort der Zuflucht vor dem Chaos. Nach einem solchen Ort sollten wir suchen. Denn vergessen wir nicht – was Neo in der Matrix-Trilogie wie Moses seinen Weg und aus dem rabbit hole des Virtuellen heraus finden lässt, sind nicht seine Superkräfte, sondern die schicksalhafte Liebe zu einer Frau. Dass die Liebe selbst die Verwandte des Wahnsinns ist, scheint die finale Pointe in dieser Erzählung zu sein.

Text: Ruben Donsbach
Bilder: Corey Towers

Der Artikel erschien zum ersten Mal in der Fräulein Ausgabe 04/2017.

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