Was mich als 25-Jährige nervt

vor 1 Woche

Fräulein

Unsere Praktikantin Lone empört sich in ihrer neuen Kolumne über Vorurteile und Volksweisheiten, mit der sich die Gerneration 1989+ konfrontiert sieht. Den Anfang macht sie mit ihrer Wahlheimat: Berlin.

Das hier geht raus an alle Hobby-Psychologen, Alltags-Besserwisser und jung gebliebenen Spießer. Eine neue Kolumne, die beleuchtet, was ich (25 Jahre, blond, ledig, beiße mir gerne mal auf die Zunge) denke, wenn ich von älteren Mitmenschen (Freunde, Bekannte, Eltern, Arbeitskollegen, alles Ü35) für meine Entscheidungen im Leben oder Situationen, in denen ich mich befinde beratschlagt, getadelt und manchmal sogar belächelt werde. Eine Wut-Tirade gegen engstirnige Besserwisser.

Das Thema heute ist Berlin. Doch ich werde mich nicht über die unfreundlichen Berliner aufregen, ganz im Gegenteil, die kann ich alle sehr gut leiden! Ich rege mich über die auf, die einige Zeit in Berlin gelebt haben. Aber so richtig fuchsig machen mich die Spezialisten, die immer mal wieder zu Besuch in Berlin sind und dann wieder in ihr Reihenhausglück in die Speckmäntel großer Vorstädte zurückkehren. Sie meinen, dass die paar Tage im Jahr, zwischen Berghain, Currywurst und Pop-Up Stores, für ein treffsicheres Berlinurteil genügen. Und das erzählen sie dir, ohne zu Fragen, die ganze Zeit, denn sie wissen es auch einfach besser.

Ich komme aus einer kleinen Stadt ganz oben im Norden Deutschlands. Als ich letztens mit dem Zug nach Hause gefahren bin, hatte ich natürlich keinen Sitzplatz reserviert. Das ist nämlich so eine Sache, die auf der ‚Erwachsenen-Liste’ steht. Also setzte ich mich in ein Abteil, ein leeres Abteil, ich Glückskeks. Leer war es nur für zwei Minuten, dann stieg ein schneidiger Mittdreißiger ein, Typ Unternehmensberater mit ambitionierten Krawattenknoten. Nachdem er ein paar überaus wichtige Geschäftstelefonate auf Englisch geführt hatte – O-Ton: „Rechnung brauch’ ich nicht, meine Kreditkarten-Daten sind hinterlegt.“ – fand er auch noch ein wenig Zeit, um meinem Telefonat mit einer Freundin zu lauschen. Hab’ ja auch selber Schuld, was telefoniere ich denn im Zug? Zwei Sekunden nachdem ich aufgelegt hatte, legte er los. Mit einem schmierigen Grinsen, das man jedem außer Joey Tribbiani aus Friends übel nimmt, fing er an: „Wohnst du in Berlin? Was machst du da? Gefällt es dir dort wirklich? Ich hab da ja auch mal gewohnt, aber mit 26 bin ich dann nach München, gefällt mir dort besser, ist nicht ganz so hektisch wie Berlin.“ Hier biss ich mir das erste Mal auf die Zunge und dachte mir nur: „Neee, wie komm ich denn jetzt am schnellsten aus diesem Gespräch raus, ohne dass die nächsten drei Stunden total unangenehm werden?“ Ich stand ihm Rede und Antwort, immer mit einem netten lächeln im Gesicht. Das war wirklich sehr anstrengend und zwischen durch musste ich meinen Kiefer hin und her knacken, der war so komisch verhärtet. Ich versuchte ihm zu erklären, dass Berlin meine Wahlheimat ist und ich dort gerne lebe und dass ich gedenke, dort zu bleiben. Denn mein Heimatort scheint immer noch viel zu klein und weder München, Köln noch Hamburg sonderlich attraktiv. Dann brachte er das in seinem Kopf unschlagbare Argument: „In München hättest du einen festen, ordentlichen Arbeitsvertrag, einen Job, an dem du jeden Tag auch wirklich nur von 9-18 Uhr arbeiten musst und die Überstunden werden sogar bezahlt.“ Ich glaube mir rutschte ein seichtes „Boaaahr“ mit Augenrollen heraus, sagte dann aber schnell: „Stimmt, ich hab im wilden Berlin schon einmal jemanden munkeln hören, dass es so etwas tatsächlich geben soll!“ Dass ich mich dann wahrscheinlich zu Tode langweilen würde, die Ungebundenheit mir gerade sehr gut passt und ich das alles gar nicht möchte, interessierte ihn nicht die Bohne. Denn ich würde das auch noch merken, aber so junge Mädchen wie ich finden Berlin ja immer toll. Als er dann in Hamburg aussteigen musste fand ich das echt richtig schade.

Fräulein

Im Norden angekommen ging es zu Omas Geburtstag. Die wurde 89 Jahre und liebt es, dass ich in Berlin wohne. Natürlich ist es schade, dass sie mich dann nicht so häufig sieht, aber in ihren Worten „Was ein Erlebnis, tue nur worauf du Lust hast.“ Ja, Oma versteht mich. Meine Tanten hingegen, eine geschieden, die andere verwitwet und der 28-jährige Sohn wohnt noch Zuhause, sehen das ganz anders. Im Chor wird mir vor der ersten Tasse Kaffee schon entgegen gekreischt: „Willst du denn deine Kinder wirklich in Berlin großziehen? Da eine Wohnung/ Haus mit Garten zu bekommen, ist doch total schwer und es gibt kaum Kita-Plätze. Berlin ist doch auch einfach nicht der richtige Ort dafür.“ Kennt ihr die Wilddruden bei Ronja Räubertochter, die Ronja mit ihren scharfen Klauen und spitzen Schnäbeln immerzu jagen, wenn sie alleine über die Felder läuft? So in etwa fühlt es sich an, bei Familienfeiern von den Tanten überfallen zu werden. Aber die Tanten müssen es auch wirklich wissen, ganze zweimal waren sie schon in Berlin. Ich versuche ihnen irgendwie zu erklären, dass das mit dem Kinder kriegen so eine Sache ist, für die man sich schon sehr bewusst entscheidet und dass man dafür meistens in einer Beziehung sein muss. Zumindest muss man Geschlechtsverkehr haben, bei dem man dann auch noch irgendwie schwanger wird, und dann muss man sich auch noch dafür entscheiden das Kind zu bekommen. Und in einem Garten muss man doch Rasen mähen, oder? Ich glaube, dass war ein wenig spaßiger als Staubsaugen, aber immer noch lästig. In weniger Worten, Kinder sind noch nicht wirklich aktuell. Aber wenn man nach meinem Kiez im Prenzlauer Berg geht, kann man Kinder anscheinend ganz gut in Berlin großziehen. Aber auf mich hört hier ja niemand, wie soll ich denn auch wissen, was ich will. Ich bin doch erst 25.

Irgendwann ist dann bei Omas Geburtstag auch der letzte Keks gegessen und ich treffe mich zum Abendessen mit einer Freundin. Sie ist 30, Lehrerin und schwanger. Ich erzähle ihr von diesem Typen, mit dem ich mich seit ein Paar Wochen treffe, wie toll ich ihn finde und wie gut wir uns verstehen. Als ich dann erwähne, dass er fast zehn Jahre älter ist, reagiert sie anders als bisher: „Was? Der ist doch viel zu alt! Dann will er doch bestimmt bald Kinder, du bist doch noch so jung, binde dich jetzt bloß nicht an irgendwen, das kannst du noch früh genug machen! Du musst doch das machen, was ich nicht geschafft habe: Karriere. Du arbeitest doch so hart, lass dir das bloß nicht vermiesen.“ Willkommen im Jahr 2016 als selbst der Netzfeminismus starb und Frauen nicht mehr Beziehungen führen können, ohne die Karrieremöglichkeit zu verlieren.

Jetzt winden sich die Alltags-Spießer und Besserwisser in ihren eigenen Entscheidungen und Meinungen und wollen mir ihre Unzufriedenheiten als Ratschläge verkaufen. Ich möchte nicht das Berliner Klischee des Generation Y Mädchens erfüllen, das ständig auf der Sinnsuche ist. Aber es ist so schwierig, sich in diesem Strom nicht wohlzufühlen und im Endeffekt kann ich jeden Tag entscheiden, was ich möchte. Mitschwimmen, dagegen kämpfen, mich am Rand festhalten, weil ich kurz vorm Ertrinken bin oder einfach Treiben lassen. In Wirklichkeit passieren diese vier Szenarien oftmals im Laufe von einem Tag. Das ist aber auch nicht schlimm, so lange ich dabei Spaß habe. Man sollte nicht alles für voll nehmen, was erzählt wird. Denn meistens ist das nur eine Reflexion der Unzufriedenheit und Langeweile der Anderen. Am nächsten Abend bin ich froh wieder in Berlin zu sein. Ich laufe durch Mitte und erfreue mich über das wilde Durcheinander von Neu und Alt, von Ost und West. Auf dem Weg nach Hause streifen meine Augen die grauen Wände entlang der Torstraße, die wahllos mit Farbe beworfen sind. Hier hinter den Wänden in viel zu teuren Restaurants arbeiten unfreundliche Bedienungen aus allen Herrenländern. Ihnen steht ins Gesicht geschrieben „Egal was es ist, ich bin dagegen“. Keine kleinbürgerlichen Fragen, keine spießigen Anmerkungen, keine strafenden Blicke. Das mag ich wirklich gern.

Text: Lone Gallus

Bild 1) Filmstill von Brittany Murphy in „Girl, Interrupted“

Bild 2) Filmstill von Jennifer Aniston in „Office Space“

(Dieser Artikel erschien zum ersten Mal am 16. Februar 2016)

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