Zwischen Achselhaaren und Twerking

vor 3 Monaten

In Fräuleins Serie über zeitgenössischen Feminismus erzählt unsere Kollegin Louisa von jungen Männern, die Frauen am liebsten noch immer am Herd sehen wollen.

Für mich steckt der zeitgenössische Feminismus noch in den Kinderschuhen. Wir feiern die New Yorker Fotografin Petra Collins und deren natürliche Bilder und rasieren uns trotzdem unter den Achseln. Wir finden die Vorstellung super genauso viel Gehalt zu bekommen wie unsere männlichen Kollegen, und doch trauen wir uns nicht gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit zu verlangen. Wir wollen als Frauen ernstgenommen werden, aber quetschen uns in Skinny Jeans, um der Männerwelt zu gefallen. Obwohl das alles nicht zusammenpasst, ist es die Realität, in der wir leben.

Der zeitgenössische Feminismus ist das große „Dazwischen“

Ich würde den zeitgenössischen Feminismus als das große Dazwischen definieren. Wenn ich es mir bildlich vorstellen würde, stünde ich in einer Schlucht. Auf der einen Seite sehe ich unrasierte Achseln und Frauen in Chefpositionen. Auf der anderen twerkende Hintern und Make-Up Tutorials, um den Männern beim ersten Date zu gefallen. In meiner Vorstellung stehe ich zwischen zwei Welten, die natürlich in Wirklichkeit ein und dieselben sind.

Einerseits lastet der Druck auf uns feministisch informiert zu sein und ein klares Bild davon zu haben, was Gleichberechtigung bedeutet. Andererseits sind klassische Rollenbilder und die Reduzierung von Frauen auf ihr Äußeres noch so normal, dass es einem schwerfällt, von Emanzipation zu sprechen. Was auch an den Frauen selbst liegt: Wenn ich mir Musikvideos angucke, dann sehe ich noch immer nackte Frauen, die ihren Hintern im Takt wippen. So ist es nicht verwunderlich, dass noch immer die wenigsten Männer feministisch veranlagt sind, wenn selbst wir Frauen nicht immer genau wissen, wofür wir kämpfen. Veraltete Werte koexistieren neben jenen jungen Frauen, die sich für „Unperfektion“ einsetzen.

Die Bilanz 2016: Frauen an den Herd

Haben wir also nur die Wahl zwischen lauter Kylie Jenners und Lena Dunhams, zwischen Reality-TV-Stars und feministischen Frauenstimmen? Als ich mich neulich mit drei Freundinnen zum Essen traf, fragte ich sie nach ihrer Meinung zu diesem Thema. Wir waren uns schnell einig: Gleichberechtigung sollte an oberster Stelle stehen. Im weiteren Verlauf des Abends kamen dann aber folgende Widersprüchlichkeiten auf den Tisch: Die eine Freundin erzählte, wie sie vor Kurzem mit ihrem Freund „just for fun“ über die Familienplanung sprach, obwohl diese erst in einigen Jahren konkret wird. Der Fun ging allerdings schnell verloren, als der eben noch so weltoffene Freund äußerte, dass er seiner Karriere weiter nachgehen wolle, während sie bei den (noch imaginären) Kindern bleiben solle. Eine andere Freundin erzählte von einem Date, das mit guten Gesprächen begann und im Bett endete. Die Frage, ob sie denn die Pille nehme und er auf das Kondom verzichten könne, killte die Stimmung. Resumé des Abends: Ginge es nach vielen, (jungen) Männern, gehört die Frau an den Herd und ist selbst für die Verhütung zuständig. Das ist die Bilanz 2016.

Klar, es gibt tolle Frauen, die inspirieren und immer wieder Mut machen, dass wir irgendwann auf einer Stufe mit unseren männlichen Kollegen UND Konkurrenten stehen. Dieser Punkt ist für mich aber noch lange nicht erreicht. Mir fällt immer wieder auf (und in diesen Beobachtungen schließe ich mich selbst mit ein), dass wir Frauen uns selbst zurücknehmen und einschränken lassen. Auf Partys ziehe ich ganz bewusst keine Röcke mehr an, um nicht als Sexobjekt abgestempelt zu werden und nicht ständig irgendwelche Hände an Körperpartien unterhalb der Gürtellinie zu spüren – sorry für das Kopfkino.

Feminismus sollte kein Trend sein, sondern eine Haltung

Ich finde, Feminismus sollte kein Trend sein, sondern eine Haltung. Es ist zwar schön mit einem #Girlpower Shirt herumzulaufen, wird die Welt aber nicht verändern. Die Existenz des Feminismus ist in den Köpfen noch nicht vollständig angekommen. Weder bei den Männern, die sich das Recht herausnehmen, Frauen auf Partys zu begrabschen oder blöd anzumachen, noch bei den Frauen, die mit Ende 20 ihre Karriere aufgeben, um Kinder zu bekommen. Wir stehen noch am Anfang, im großen Dazwischen eben. Ich ertappe mich selbst immer wieder, dass meine Ansichten nicht zusammenpassen und fordere mich in diesen Situationen auf, mein Denken zu klären, mein Wissen zu erweitern und mich für die Frau von heute einzusetzen. Wie das funktioniert? Vielleicht muss man sich nicht als Stimme einer Generation verstehen oder einer feministischen Gruppe beitreten. Es sind die kleinen Dinge, die die Welt verändern können. Der Butterfly-Effekt.

In diesem Sinne Mädels, schwingt die Flügel, seid ihr selbst und lasst die rosarote Welt mit Cellulite, Achselhaaren und ganz viel Realitätssinn, mit der uns Protagonistinnen wie Petra Collins oder Arvida Byström verzaubern, Wirklichkeit werden. Denn eins sollten wir uns immer wieder vor Augen führen: Frauen sollten sie selbst sein können und gerade deshalb ernstgenommen werden.

Text: Louisa Markus

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