Hanna Rosin – „Das Ende der Männer“

vor 6 Jahren

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Hanna Rosin hat ein Buch über das Ende der Männer geschrieben. Glücklich ist die amerikanische Publizistin darüber nicht. Müssen sich Frauen jetzt um alles selbst kümmern?

Ich bin in Israel geboren und später mit meinen Eltern nach New York übergesiedelt. In meiner Familie hatten die Frauen das Sagen. Nach alt-jüdischem Gesetz musste meine Urgroßmutter den Mann ihrer verstorbenen Schwester heiraten, verließ ihn aber nach der Geburt meiner Großmutter. Als diese wiederum ihr drittes Kind zur Welt brachte, starb ihr Mann an einer Lungenentzündung. So zog auch sie, wie ihre Mutter davor, ihre Kinder alleine groß. Meine Mutter war vier Jahre alt, als ihr Vater starb. Kurz darauf, im Jahr 1948, wurde der Staat Israel gegründet.

Bis ich sechs Jahre alt war, lebten wir gemeinsam mit meiner Großmutter in einem Mehrfamili-
enhaus in Tel Aviv. Nach unserem Umzug nach Queens, New York, arbeitete mein Vater als Taxifahrer. Meine Mutter hatte keinen Job und kümmerte sich um das Haus und die Familie. Diese Rollenverteilung zwischen Mann und Frau entspricht aber keinesfalls dem Wesen meiner Eltern. Mein Vater ist ein sehr lieber, allerdings eher ambitionsloser und passiver Mensch. Meine Mutter da- gegen ist neugierig und hartnäckig. Ich muss zugeben, ich wünschte mir manchmal etwas mehr wie sie zu sein.

Außenseiterin statt Feministin

In meiner Kindheit prägte mich aber vor allem das Aufwachsen in einem fremden Land. Alle Menschen um mich herum stammten aus Einwandererfamilien. Ich hatte dadurch nur eine sehr vage Idee des amerikanischen Mainstreams. Ich las Bücher über amerikanische Teenager, wusste aber nie, ob diese Geschichten der Fantasie oder Wahrheit entsprangen. Bis zum College wusste ich nichts über die amerikanische Kultur, fühlte mich auch später noch als Außenseiterin.

Ich besuchte als Einzige der Familie eine Hochschule, war immer schon selbstbestimmt. So habe ich auch die Frauen erlebt, die ich für mein Buch portraitiert habe. Sie sind keine Feministinnen und sie würden sich selbst auch nie als solche bezeichnen. Ich habe sie immer eher als Immigrantinnen gesehen, die sich in einer ihnen fremden Umwelt behaupten und durchsetzen mussten. Der Ursprung meines Buches „Das Ende der Männer“ ist somit nicht ideologisch. Ich habe nie
für eine feministische Bewegung geschrieben oder mit einer sympa- thisiert. In meinem Herzen bin ich Reporterin. Ich brauche Fakten.

Die Krise der Männlichkeit

Einer meiner frühen Einflüsse war das Buch „Stiffed – The Betrayal of American Man“ von der Pulitzer- Preisträgerin Susan Faludi. Darin beschreibt sie, wie sich nach wieder- holten wirtschaftlichen Rezessionen und in Zeiten großer Arbeitslosigkeit das Bild des Mannes verändert hat, wie identitätsstiftende Werte wie etwa „Handwerk“ und „Loyalität“ an Bedeutung verloren. Ich las das Buch und dachte an die ökonomi- schen Krisen, mit denen wir nach der Jahrtausendwende zu kämpfen hatten.
Ich wollte diese „neuen“ Männer aufspüren und sehen, was mit ihnen geschehen war. Sah, wie der wirtschaftliche Wandel zunehmend Einfluss auf die Destruktion des männlichen Selbstbildes nahm. Wie Beziehungen durch finanzielle Krisen zerfielen und Frauen ihren Platz im Haushalt neu definieren mussten. Für mich waren Männer und Frauen eigentlich immer gleichgestellt. Doch im Zuge meiner Recherche reali- sierte ich, wie sehr sich das Bild des Mannes verändert hatte. Als ich mit einigen Hochschul-Studentinnen sprach, redeten sie über Männer, als wären es Kinder, denen es zu helfen gelte. Das überraschte mich sehr!

Ich entdeckte zudem, wie groß die Einschnitte in der Ehe bereits fortgeschritten sind. Dabei gibt es gute wie negative Veränderungen. Ein Beispiel: Ich lebe mit meinem Mann David in einer „Schaukelbrett-Ehe“. Ich nenne dieses neue Modell so, da diese Ehe auf dem Prinzip der Gleichberechtigung basiert. Wenn ich ein Buch schreibe, hält er mir den Rücken frei und kümmert sich um den Haushalt. Wenn er sich in die Arbeit stürzt, bin ich an der Reihe. Paare scheinen durch diese Form des Zusammenlebens glücklichere und zufriedenere Partnerschaften zu leben. Meinen Mann hat „Das Ende der Männer“ daher nicht im Geringsten mitgenommen. Das liegt an seinem starken Charakter und seiner Eigenständigkeit. Er ist Chefredakteur von „Slate“, einem der größten Onlinemagazine in Amerika. Mein Sohn Jacob aber denkt, ich sei fies. Ihn trafen meine Worte sehr. Er ist neun Jahre alt und versteht noch nicht, was ich vermitteln möchte. Seine Mutter schreibt ein Buch über das Ende der Männer, während er im Unterricht lernt, alle als gleichwertig zu betrachten. Anti-Mobbing-Kampagnen sind momentan das große Thema in der Schule. Aber ich habe ja gar nichts gegen Männer. Ich beschreibe einfach eine problematische Entwicklung.

Aggressive Frauen

Die zahlreichen Trennungen im Zuge der ökonomischen Krise sind ein großes Problem, welches wir nicht weiter ignorieren können. So erhalten wir keine stabile Gesellschaft. Das Ziel sollte es doch sein, in einer gleichgestellten Partnerschaft glücklich zu werden. Männer haben typische Eigenschaften und Frauen haben die ihren. Diese können als Menüs angesehen werden, bei denen sich jeder bedienen kann, ohne einen hohen Preis dafür zu bezahlen. So wurde traditionell nur Männern Durchsetzungsvermögen zugeschrieben oder viel mehr zugebilligt. Das hat sich geändert. Frauen in mächtigen Positionen können aggressiv und dominant auftreten. Aber sie müssen lernen, sich zu verteidigen. Männer wiederum sollten lernen, mehr häusliche Aufgaben zu übernehmen, ohne sich dabei ihrer Männlichkeit beraubt zu fühlen.
Ich versuche in meinem Buch meine Hoffnung für die Zukunft der Geschlechter zu erläutern. Auf keinen Fall fordere ich die Eliminierung der Männer. Denn das von mir beschriebene Matriarchat ist eher stressig für Frauen.

Durch den Verlust des Mannes als fester Bestandteil der Familie wird sie zur Ernährerin, Erzieherin und Hausfrau. Diese Belastung ist immens. Also brauchen wir einander!
Doch dafür sind Vorbilder nötig. Jeder Aspekt von Weiblichkeit wird in den USA von einer TV-Show begleitet. Die „Mary Tyler Moore Show“ zielte in den 70ern auf Single-Karrierefrauen, „Murphy Brown“ aus den 1980er-Jahren zeigte die Frau im kulturellen Kontext und in „Sex and the City“ durften Frauen endlich offen über Sex sprechen. Seit Neuestem gibt es die Serie „Girls“, in der Frauen sogar vulgär sein dürfen. Sie müssen dazu wissen, dass in Amerika das Fernsehen als sozialer Spiegel oder auch Transformator funktioniert, der radikale soziale Umwälzungen kenntlich macht und sie dann in den Mainstream überführt. Das Fernsehen ermöglicht es also, dass sich Menschen in neue Rollen einfühlen können. Für Männer gab es diese Art von Korrektiv bisher nicht.

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Orientierungslose Männer

Viele TV-Shows in den USA greifen diese Thematik aber mittlerweile auf. Ohne mein Wissen haben 40 Film-Produzenten meine Geschichte als Serien-Modell vorgeschlagen. Sechs verschiedene Shows wurden auf der Basis meiner Story produziert und ausgestrahlt. Zwei sind noch „on air“. Sie zeigen Männer, die sich in ihrer Rolle als Hausmann nicht entmannt fühlen. Diese Män- ner sind sehr sexy und attraktiv.
Eine Show namens „Work It“ begleitete Männer, die in ihrer Erkenntnis um die feminisierte Wirtschaft den Entschluss fassten, sich als Frauen zu kleiden, um so einen Job zu ergattern. Es ist sehr lustig zu sehen, wie diese Männer Episoden aus meinem Buch rezitier- ten. In einer Bar sitzend und ein Bier trinkend, sagt einer: „Oh, wir stecken in einer Man(re-)session. Ein Mann findet in diesen Tagen keinen Job mehr! Wisst ihr, wie viele Frauen an den Universitäten studieren?“ Das war sehr komödiantisch. Ich sehe in diesem Thema noch so viel mehr Potenzial für Sitcoms. Ich habe nichts dagegen, auch in Zukunft Teil dieser Bewegung zu sein. Das ist eine Art von Training der Gesellschaft. Sie lernt entspannter mit veränderten Rollenbildern umzugehen. Und das ist immens wichtig.
Ich werde mich mit einem Produzenten treffen, der die Rechte an meinem Buch gekauft hat. Einige dieser bestehenden Shows sind stumpfsinnig. Andere haben sehr interessante Ansätze. Aus meinen gesammelten Geschichten und den Erzählungen von Betroffenen resultiert ein großes dramatisches Potenzial. Männer aller Altersgruppen und sozialen Schichten müssen sich in einer unbekannten Situation basierend auf einer allumfassenden Krise neu orientieren. Dieses Thema können wir heute viel expliziter angehen, als es bisher je möglich war!

Hanna Rosin, Das Ende der Männer, Berlin Verlag, 19,99€

Protokoll: Vanessa Obrecht

Fotos: Berlin Verlag

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