Der Fall Nina Fuchs

vor 4 Wochen

Vergewaltigung bleibt ein strafloses Verbrechen – trotz eindeutigem DNA-Beweis.

München 2013. Es ist die Nacht vom 18. auf den 19. April, die das Leben von Nina Fuchs erschüttert. Gemeinsam mit Freundinnen befindet sich die 34-Jährige in einem Club in München. Es wird getanzt, gelacht, geflirtet und getrunken. Es sollte ein ausgelassener Abend werden, der sich in die Nacht verwandelt, in der Nina das Opfer einer Vergewaltigung wird.

Es ist Dunkel. Gegenüber vom Club im Park am Maximiliansplatz wacht die junge Frau benommen wieder auf. Alles um sie herum wirkt verschwommen. Sie fühlt Hände auf ihrem Körper und spürt, dass ihre Unterhose bis in die Kniekehle heruntergezogen ist. In einem trüben Nebel nimmt Nina wahr, wie sich zwei Männer an ihr vergehen.

„Was die Stunden davor passiert ist und wie ich in den Park gekommen bin, das weiß ich bis heute nicht. Jemand hat mir K.o.-Tropfen ins Glas getan und dafür gesorgt, dass ich leichte Beute war. Ich erinnere mich dunkel an einzelne, sehr schwammige Bilder, als ich langsam wieder zu mir komme – an ein Gebüsch und an zwei Männer, die sich an mir vergehen.“ (Nina Fuchs)

Etwa zehn bis zwölf Stunden später sitzt Nina in der Gerichtsmedizin. Spuren von K.o.-Tropfen sind in ihrem Blut nicht zu finden. Lediglich ein erhöhter Alkoholpegel wird festgestellt. In einer weiteren Untersuchung ihres Genitalbereichs finden die Ärzte Spuren von Sperma. Eindeutiges DNA-Material, das jedoch wertlos scheint. Da es keine Übereinstimmung mit vorhandenem DNA-Material in der polizeilichen Datenbank gibt, kann keiner der Täter ermittelt werden. Nach etwa neun Monaten wird Ninas Fall eingestellt.

Nina wendet sich an die gemeinnützige Organisation „Weißer Ring“. Seit 43 Jahren, in mehr als 400 Außenstellen deutschlandweit, berät und unterstützt diese Opfer von Gewalt und Kriminalität. Auch Nina findet dort Menschen, die ihr Glauben schenken und helfen möchten. Ein Anwalt nimmt sich Ninas Fall an. Er ermöglicht ihr Einsicht in ihre Fallakte und lässt sie an den Glauben klammern, dass einer der Täter dank der DNA eines Tages gefasst werde.

Es folgen Jahre in denen Nina nichts hört. Ihr Fall scheint vergessen und die Aussicht auf Gerechtigkeit gering. Nina allerdings kann mit der Vergewaltigung nicht so einfach abschließen. Sie tritt an die Öffentlichkeit, führt Interviews und geht mit ihrer Geschichte zum Fernsehen.

„Ich begann mich für die Thematik stark zu machen. Gab Interviews für Zeitungen, wirkte bei Fernsehsendungen mit und engagierte mich – vor allem auch im Namen der zahlreichen anderen Opfer, die selbst nicht in der Lage waren, ihre Stimme zu erheben.“ (Nina Fuchs)

Zeitgleich mit der Ausstrahlung der ZDF 37-Grad-Sendung „K.o. getropft“ ereignet sich ein Wunder. Mehr als fünf Jahre nach der Vergewaltigung erhält Nina einen Anruf. Zu dem DNA-Beweismaterial in ihrem Fall habe man einen passenden Mann ausfindig machen können.

„In einem halbstündigen Telefonat macht die zuständige Staatsanwältin mir Mut. Applaudiert mir zu der Fernsehsendung, denn nur auf diesem Wege könne sich in der Gesellschaft und somit auch in der Gesetzeslage etwas ändern. Sie sagt mir zu, dass nochmal total gründlich ermittelt wird. Sie gibt mir ein Gefühl von Solidarität und dass sie hinter mir steht.“ (Nina Fuchs)

Es folgen erneut acht Monate der Stille, in der Nina vergebens wartet. Wartet auf Erlösung. Wartet auf Gerechtigkeit.

Zum Jahresauftakt 2019 erfolgt der langersehnte Rückruf. Der Beschuldigte wurde gefasst; inhaftiert wegen eines anderen Deliktes. Zu ihrem Fall mache der Täter allerdings keine Aussage, so die ernüchternde Botschaft der Staatsanwältin, und ihr Fall sei damit aufgrund mangelnder Beweise eingestellt. Trotz vorliegendem DNA-Beweis bestehe keine Chance auf eine Verurteilung.

In der offiziellen Formulierung heißt es:
„Der DNA-Treffer ist zwar der Beweis dafür, dass es zwischen der Geschädigten und dem Beschuldigten zum körperlichen Kontakt kam. Da sich die Geschädigte jedoch an längere zeitliche Abschnitte der Tatnacht nicht erinnern kann, kann nicht nachgewiesen werden, dass es sich bei dem Beschuldigten tatsächlich um einen der beiden Täter handelt. Es kann insbesondere nicht ausgeschlossen werden, dass die Geschädigte in der Tatnacht auch mit anderen Männer sexuellen Kontakt hatte. Unter diesen Umständen ist der Freispruch des Beschuldigten wahrscheinlicher als eine Verurteilung. Für die Erhebung der öffentlichen Klage ist daher kein Raum.“

Nina kämpft weiter und mit ihr, ihr Anwalt und viele tausend Menschen Deutschlands. Aufgrund der nachgewiesenen Übereinstimmung der DNA interpretiert Ninas Anwalt die Chance auf eine Verurteilung im Falle einer Gerichtsverhandlung – ganz im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft – sehr hoch und reicht Beschwerde ein. Gemeinsam wollen sie gegen das dubiose Verfahren der Staatsanwaltschaft vorgehen.

Jährlich werden etwa 8.000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt. Von 100 angezeigten Vergewaltigungen enden maximal 13 mit einer Verurteilung des Täters.

Eine Gesetzesänderung des Strafgesetzbuches, die am 10. November 2016 in Kraft trat, verspricht eine Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung. Ihr wichtigster Grundsatz ist „Nein heißt nein.“ Damit sollen Anzeigen von Sexualverbrechen vereinfacht und die Aussicht auf eine Verurteilung der Täter gesteigert werden. Im Fall von Nina scheint das Gesetz gescheitert.

In einer Petition auf change.org sucht Nina nach Unterstützung.

„Euch alle möchte ich nun von Herzen um eure Unterstützung bitten, damit die Generalstaatsanwaltschaft der Beschwerde meines Anwalts stattgibt und dass in Zukunft ähnliche Fälle nicht mehr so voreilig durch die Staatsanwaltschaft München eingestellt werden.“ (Nina Fuchs)

Wir haben unterschrieben und bitten auch um eure Stimmen!

 

Text: Teresa Löckmann
Bilder: Unsplash
Video: Youtube

 

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