Die Männerwelt bekommt Risse

vor 2 Monaten

Internationaler Weltfrauentag 2019: Ein Jahresresümee.

Am achten März feiert die Welt Frauen. Der „Internationale Frauentag“ oder auch bekannt als „Weltfrauentag“ blickt heute auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Bevor im Jahr 1977 die Vereinten Nationen den Weltfrauentag als offiziellen UN-Tag einführten, beschlossenen 100 Delegierte aus 17 Ländern auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen 67 Jahre zuvor, mit einem jährlichen Aktionstag den Kampf der Frauen für mehr Rechte und bessere Lebensbedingungen voranzutreiben.
Bereits im März 1911 trafen sich rund eine Million Frauen in der Schweiz, Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und den USA auf den Straßen, um für ihre Rechte zu kämpfen.

Das Frauenwahlrecht, das in Deutschland 1918 durchgesetzt wurde und vergangenes Jahr hundertjähriges Jubiläum feierte, zählte zu einer der ersten elementaren Forderungen.

Der Weltfrauentag ist Anlass, um die volle soziale, kulturelle, politische und wirtschaftliche Gleichstellung von Frauen voranzutreiben und dabei nicht verwirklichte Rechte in die Öffentlichkeit zu tragen. Demonstrationen, Protestaktionen sowie spezifisch thematisierende Veranstaltungen im Rahmen von Lesungen, Theater- und Kinovorstellungen werden dazu weltweit organisiert. Ein Tag im Jahr, der nur uns Frauen gilt. Ein Tag im Jahr, der spätestens mit der #MeToo-Debatte nicht auf nur noch einen von 365 Tagen zu begrenzen ist.

Mit der #MeToo-Bewegung, die auf die Belästigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein im Oktober 2017 reagierte, entstand über Nacht ein weltweites Sprachrohr für Frauen. Als erste weibliche Bewegung, die auf sozialen Medien basiert, entwickelte sich ein öffentliches Feld, auf dem Frauen ihre Erlebnisse sexualisierter Gewalt unmittelbar und unverfälscht schildern können. 2,3 Millionen Mal wurde #MeToo in 85 Ländern nach nur einem Monat getwittert.
Die Bewegung entfachte eine umfassende öffentliche Debatte über den Stand der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und über sexuelle Selbstbestimmung weltweit. Die Öffentlichkeit erfuhr von einer flächendeckenden männlichen Kultur des Herrschaftsdenkens; von einer Welt, in denen Frauen sich ständig bedroht fühlen müssen: von anzüglichen und unerwünschten (sexistischen) Kommentaren bis hin zu psychischer und physischer Gewalt.
Das Jahresende 2017 setzte damit einen Meilenstein im Kampf um die Gleichstellung von Frauen. Was geschah danach? Welche Erfolge und Rückschläge folgten? Zwei Tage vor dem Weltfrauentag ist es an der Zeit zu fragen „Wo stehen wir gerade und was erwartet uns 2019?“

"Dieser Internationale Frauentag ist die wuchtigste Kundgebung für das Frauenwahlrecht gewesen, welche die Geschichte der Bewegung für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts bis heute verzeichnen kann." Clara Zetkin, Frauenrechtlerin, 1911

Vom vergangen bis zu dem diesjährigen Weltfrauentag dominierten Frauen die Medien. Neben Sport, Gesellschaft, Wissen und Politik gibt es jetzt eine eigene Spalte mit dem Titel „Feminismus“. Frauen führten den Kampf um Menschrechte weltweit an. Ihre Themen und Forderungen waren weitläufig und auch vor bisher tabuisierten Problemfeldern machten sie nicht halt.
Sie sprachen über die Anti-Baby-Pille, über die Nebenwirkungen, wie die Einschränkung sexueller Lust, Gefühlsschwankungen und körperlichen Schmerzen. Nahezu das erste Mal werden Männer und Jungen mit täglichen Opfern, die Frauen aufbringen, in Zeitungen und sozialen Netzwerken konfrontiert. Vor allem eines war Frauen wichtig: sie wollten gehört und gesehen werden. Nebenwirkungen der Pille, die jahrelang stillschweigend akzeptiert wurden, da sie der einstige Befreiungsschlag vom „biologischen Muttersein“ bedeute, werden nicht länger hingenommen. Ebenso wenig sind sie bereit die alleinige Verantwortung für die Verhütung zu tragen.
Die Tatsache, dass die Versuche einer Vermarktung eines Pille-ähnlichen Produkts für Männer scheiterte – den „starken“ hormonellen Nebenwirkungen waren die armen Männer nicht gewachsen und auch die 100 Prozent hormonfreie Variante wird nach Schätzungen erst in fünf bis zehn Jahren auf den Markt schaffen – darf nicht über einen wesentlichen Erfolg, der damit verbunden war, hinwegtäuschen. Frauen können endlich gemeinsam und öffentlich über vorher als intim definierte Lebensbereiche sprechen. Das jahrzehntelange Schweigen, das ebenso Regelschmerzen umhüllte, wurde gebrochen. PMS ist kein Fremdwort mehr.

Offenheit und Ehrlichkeit erklären den Siegeszug von Frauen 2018. Das Mysterium des weiblichen Geschlechts, lange Zeit totgeschwiegen, lichtete sich vergangenes Jahr. 2018 wurde zum Jahr der Vulva und zum Fundament vieler feministischer Kreativer. Für das Cover ihrer Single platzierte die Sängerin Björk das weibliche Genital auf ihrer Stirn, Janelle Monáe trug im Video-Clip ihrer Platte „Pynk“ eine Hose in Vulva-Form, die Künstlerin Vanessa Leyßner stellte in Beton gegossene Vulven aus und die japanische Manga-Zeichnerin Megumi Igarashi kreierte verschiedenste Werke mit Vulva-Bezug.

Dies sind nur einige Namen unter vielen. All sie halfen, mit einem von den fünf Weltreligionen verbreiteten dämonisierten Bild weiblicher Sexualität, zu brechen.

Eines der wichtigsten Themen auf der Agenda 2018/19 betraf und betrifft die Legalisierung von Abtreibung. Weltweit protestierten Frauen für das Recht auf Abtreibung. Die irische Regierung willigte endlich in die Legalisierung von Abtreibung ein. In Deutschland stritten sich Frauen und Politik über den Paragraph 219a. Erst Februar diesen Jahres wurde das Urteil verkündet. Abgeschafft wird der Paragraph nicht; das Werben für Abtreibung bleibt weiterhin verboten. Allerdings eine Erlaubnis, die Ärztinnen und Ärzte sowie Kliniken erlaubt über die Möglichkeit eines Eingriffs bei ihnen zu informieren, wurde erreicht. Die Bundesärtzekammer werde zudem eine Liste mit Anlaufstellen für eine Abtreibung bereitstellen. Damit sind wir in Deutschland, im Vergleich zu anderen Ländern dieser Welt, verhältnismäßig gut positioniert. Frauen in Ecuador konnten trotz Proteste und Initiativen 2018 keinen Erfolg verbuchen. Lediglich beraten wird sich das Parlament über eine Lockerung des Abtreibungsverbots, hieß es Anfang des Jahres. Aktuell dürfen Frauen nur dann abtreiben, wenn ihr Leben aufgrund der Schwangerschaft in Gefahr oder die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist. Allerdings gilt letzteres nur unter der Bedingung, dass die Frau körperlich oder geistig eingeschränkt ist.
Auch in Europa besteht bisher keine flächendeckende Legalisierung von Abtreibung. In Andorra, Nordirland, Monaco, Malta, Polen und Liechtenstein herrscht weiterhin (striktes) Verbot, und kann bei Verstoß bis zu zweieinhalb Jahre Haft bedeuten. Medizinerinnen und Mediziner, die den Eingriff ausführen, müssen bis zu sechs Jahren Freiheitsentzug rechnen.

Die Geschichte von der Schweizer Medizinerin Natalie Urwyler hielt die Debatte um frauenverachtende Haltungen und Handlungen auf dem Arbeitsmarkt lange Zeit in Atem. Der Kündigungsgrund, den Natalie Urwyler 2014 traf, war ihre Schwangerschaft, die das Ende ihrer jungen Karriere nach sich zog. Sie verklagte die Klinik und erreichte vergangenes Jahr das gerechte Urteil: Ihre Kündigung wurde aufgehoben und der Lohn nachträglich ausgezahlt.

Auch Buenos Aires bewies Anfang diesen Jahres berufliche Geschlechtersensibiltät. Seit 2019 sind Beamte und Angestellte aller drei Staatsgewalten dazu verpflichtet, regelmäßige Weiterbildungskurse zu Fragen von Gendergerechtigkeit und sexualisierter Gewalt zu belegen. Staatsangestellte, die der Verpflichtung zum regelmäßigen Besuch der Kurse nicht nachkommen, müssen mit disziplinären Sanktionen rechnen.
Die allgemeine Situation auf dem Arbeitsmarkt für Frauen verhält sich dennoch vielerorts rückständig. Es dominieren ungleiche Bezahlungen bei gleicher Tätigkeit und ein Mangel an Frauen in Führungspositionen. Lediglich Island, als weltweit erster Staat, zwingt Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber seit Anfang 2018, Frauen und Männern gleich zu entlohnen. Verstöße werden strafrechtlich verfolgt.

Politisch zeigten sich Frauen der Vereinten Nationen 2018 stark wie nie zuvor. Bei den Wahlen zur Halbzeit der Präsidentschaft kandidierten fast 200 Demokratinnen und etwa 60 Republikanerinnen. Ayanna Pressley wurde zur ersten schwarzen Frau aus dem Bundesstaat Massachusetts, die ins Parlament nach Washington ging. Deb Haaland und Sharice Garcia, als erste Abgeordnete mit indigener Abstammung, sowie zwei Politikerinnen mit muslimischer Herkunft zogen ebenfalls in den US-Kongress ein. Und Florida wählte erstmals eine lesbische Bürgermeisterin.
Gleichermaßen erfreuliche Nachrichten erreichten uns aus Lateinamerika. Ecuadors Außenministerin Maria Fernanda Espinosa wurde Sommer vergangenen Jahres mit eindeutiger Mehrheit an die Spitze der UN-Generalversammlung gewählt. In der 73-jährigen Geschichte der Vereinten Nationen gab es bisher erst drei Frauen in diesem Amt und zum ersten Mal eine Frau aus Lateinamerika.
Deutschland hinkt vergleichsweise stark hinterher. Auf Bundesebene sind heute weniger Frauen vertreten als in den vorherigen Legislaturperioden. Besonders schlecht positionieren sich Union, FDP und AfD. Lediglich Linke und Grüne haben das 50/50-Verhältnis erreicht.

Ein ebenso bedeutender Schritt für die Anerkennung weiblicher Identität war die Einführung gendersensibler Sprache in öffentlichen Institutionen. Hannover, als erste Stadt Deutschlands, verbannte mit Beginn des Jahres rein männliche Formen aus ihren Dokumenten. Ebenso verkündete die öffentliche Verwaltung von Mexico City die verbindliche Einführung einer gendersensiblen Sprache in allen Bereichen der Regierung. Laut dem „Ethikkodex für Regierungsangestellte“ sind alle Angestellten, Funktionäre und ausführende Unternehmen verpflichtet, in ihren Zuständigkeitsbereichen für die Umsetzung zu sorgen.

Initiativen wie #Timesup, die von 300 Hollywood-Künstlerinnen ins Leben gerufen wurde, die von Frauen erkämpfte Frauenfahrerlaubnis in Saudi-Arabien oder die mutigen Einsätze iranischer Aktivistinnen im Kampf gegen den Kopftuch-Zwang, die mit ihren Protesten ihre Inhaftierung riskierten, füllten das vergangene Jahr mit neuer Frauenpower.

Die Rufe von Frauen werden lauter. Je lauter, stärker und radikaler sie in ihren Forderungen werden, desto größer und mächtiger melden sich auch die Gegenstimmen zurück. Heute scheint die Welt, sowohl in Deutschland, als auch in anderen Ländern, gespalten in zwei Lager. Anti-Feministen treffen auf Feministen und die Mitte wird schmaler. Eine Art Anti-Gender-Mobilisierung macht sich breit. Diese neue Bewegung richtet sich dabei nicht nur gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch gegen jegliche Form sexueller Vielfalt – für deren Rechte sich besonders Feministinnen im vergangenen Jahr einsetzten. Geschlechterforschung wird zur Geschlechterideologie propagiert; Feindbilder geschürt und der Feminismus wird zu einer übermächtigen Bewegung, die Männer zu unterdrücken versucht.
Allein diese Art der Gegenwehr beweist die Richtigkeit und Wichtigkeit der Arbeit starker und mutiger Frauen.

Mädchen und Frauen werden weiterhin weltweit Menschenrechte wie selbstverständlich vorenthalten. Die Gewalttaten gegenüber Frauen beschränken sich dabei nicht auf spezielle Länder, Regionen, Kulturen oder Gruppen. Frauen und Mädchen sind Opfer von Verletzungen der körperlichen Integrität, Zwangssterilisationen, genitalen Verstümmelungen, Frauenhandel, Zwangsprostitution und sexualisierter Gewalt. In der Wirtschaft und der Politik werden sie nach wie vor durch ungleiche Bezahlung und durch die Verweigerung führender Ämter diskriminiert. Das weltweite Lohngefälle beträgt weiterhin rund 20 Prozent. Eine Praxis, die Frauen ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verwehrt und damit einen wesentlichen, weil sozioökonomischen Schutz vor Gewalt verhindert, wie es die EU Gleichstellungskommissarin Vera Jourova treffend auf den Punkt bringt. Ohne Teilhabe von Frauen in Politik, wird es an einer notwendigen Instanz fehlen, die Gesetze abschafft, die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Ungleichheit festschreibt. Trotz bahnbrechender Erfolge in den USA sind aktuell lediglich 17 Prozent aller Staats-und Regierungschefs Frauen.

Die Gleichberechtigung von Frauen, die Rechte von Intersexuellen, People of Colour, Lesben, Schwulen und von Queer lebenden Personen ist und bleibt das Thema der Gegenwart und Zukunft. Wer heute Feminismus seine Stimme gibt, gibt sie auch Intersexuellen, fordert Intersektionalität und wendet sich gegen eine kapitalistische Weltanschauung.

„Frauen verändern die Welt – jeden Tag“ heißt die Buchvorstellunsgreihe anlässlich des Internationalen Frauentags im Kultur Kaufhaus Dussmann. Jeden Tag. Der 8. März ist lediglich ein Tag, der es uns Frauen erleichtert gehört zu werden.

Machen wir 2019 zu dem Jahr der Weltfrauentage!

Text: Teresa Löckmann
Bild: Unsplash
Videos: Youtube

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