Die Mythische Amazone

vor 7 Monaten

Von Herodot über Kleist bis zum Hollywood-Blockbuster Wonder Woman – im Laufe der Jahrtausende ist die mythische Amazone zu einer vielschichtigen Figur geworden.

 

Als der DC-Comics-Film Wonder Woman im Juni 2017 in die Kinos kam, war Harvey Weinstein noch ein respektabler Produzent. Doch kam das latent feministische Heldinnenepos um die Amazonenprinzessin Diana genau zur richtigen Zeit. Der Wind hatte sich gedreht. Schon länger drängten Frauen in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft. Die gläserne Decke, die einen gesellschaftlichen Aufstieg nach ganz oben verhinderte, war zerbrechlich geworden. Vielleicht bedurfte es nur noch eines Steinwurfs, um sie zu zerstören.

Mitte Oktober dann der sogenannte Weinstein-Skandal. Die Sozialaktivistin Tarana Burke erfand den Hashtag #metoo, die Schauspielerin Alyssa Milano machte ihn populär. Spätestens jetzt war Wonder Woman mehr als ein cooler Superheldinnenfilm. Die Amazone, gespielt von der israelischen Schauspielerin Gal Gadot, wurde zum Leitbild einer emphatischen, sozialkritischen und um ihre Rechte kämpfenden Frau.

Weibliche Skelette in Kriegskleidung

Darin steckt eine gewisse Ironie. Der Mythos der blutrünstigen, männerhassenden, mutigen, auf Pferden reitenden Frau mit amputierter rechter Brust, um besser Bogen schießen und Speere werfen zu können, ist bald 3.000 Jahre alt. Er gründet sich auf vagen Überlieferungen antiker Historiker wie Herodot, welcher von matriarchalischen Völkern nahe des Kaukasus an den nordöstlichen Ufern des Schwarzen Meeres berichtet. Der Anthropologe David W. Anthony schreibt 2007 von skythischen oder sarmatischen Kriegsgräbern an den Unterläufen von Don und Wolga, die 20 Prozent weibliche Skelette in der Kleidung männlicher Krieger enthielten und womöglich eine Grundlage für Herodots Erzählungen sein könnten. Sicher ist das nicht. Und auch nicht so wichtig.

Will man verstehen, wofür die Amazonen standen, darf man sich nicht allein an  Überlieferungen halten. Man muss sie auch als Wunsch- und Wahnfantasie eines antiken Weltbildes verstehen, das auch viel über heutige Vorstellungen von revoltierender Weiblichkeit und sich selbst als bedroht empfindender Männlichkeit aussagt. Die Amazone ist nicht weniger als eine tiefenpsychologische Chiffre unserer heutigen „Gender Troubles“ (Judith Butler).

Die Gesellschaft des antiken Griechenland konzentrierte sich in Stadtstaaten wie Athen, Theben oder Sparta, der sogenannten polis (griechisch für Haus). Die Polis beschrieb zugleich ein Territorium und einen gesellschaftlichen, kulturellen und moralischen Raum. Der Ideal der Polis war männlich, maßvoll und kultiviert. Je weiter man davon abwich, desto wilder und monströser wurde Welt beziehungsweise die Vorstellung davon. Hier entstand die Xenophobie, die Angst vor dem Fremden (xenos).

Schreckensvision der männlichen Elite

Dort draußen herrschte das Chaos. Ganz am Rande der gerade noch so vorstellbaren Welt, an den Küsten des Schwarzen Meeres, so hieß es, lebte ein Volk von Frauen – die Amazonen. Kriegerinnen, welche Männer nur zur Fortpflanzung zu sich ließen, männliche Babys verstümmelten oder gleich töteten. Der gebildeten, männlichen Elite Griechenlands waren sie eine Schreckensvision, eine Anthithese zum eigenen Gesellschaftsentwurf, von der sie sich durch Abgrenzung selbst vergewissern mussten, eine Dynamik, die sich in der aktuellen Debatte über die sogenannte Leitkultur im Angesicht von in Deutschland schutzsuchenden Menschen mit dunkler Hautfarbe wiederholt.

Den griechischen Männern waren die stolzen und unbändigen Amazonen nicht nur fürchterlich, sondern auch extrem sexy. Man stellte sie sich in leichten Gewändern vor, den Oberkörper oftmals entblößt, mit gespannten Muskeln, durchtrainiert vom beständigen  Reiten und Kampftraining. Das Gegenteil der zur griechischen Hausfrau und Mutter.

Die Amazonen, so hieß es, waren Nachfahrinnen des Kriegsgotts Ares. Zwei seiner Töchter, die Königinnen Penthesilea und Hippolyte, nahmen dabei besondere Rollen ein. Penthesilea wird in Nachfolgedichtungen der Ilias erwähnt. Um den Trojanern gegen die sie belagernden Griechen zu Hilfe zu eilen, schart Penthesilea eine kleine Gruppe von Elitekriegerinnen um sich und konfrontiert Achilles auf dem Schlachtfeld. Der, so gut wie unbesiegbar, tötet Penthesilea zwar, verliebt sich jedoch umgehend in die sterbende Amazone. Hier zeigt sich der innere Konflikt des griechischen Mannes.

Die Geschichte der Hippolyte ist noch komplizierter. Der griechische Held und Halbgott Herakles macht sich auf, um der Hippolyte den Gürtel ihres Vaters Ares zu entwenden. Je nach Überlieferung tötet Herakles die schöne Amazone oder der ihn begleitende König Theseus entführt die Amazonenkönigin, um sie zu seiner Frau zu machen. Egal wie es gewesen sein mag: ein wütendes Amazonenheer folgt den beiden und verwüstet halb Griechenland. Theseus will die Amazone domestizieren, was ihm nicht gelingt. Am Ende muss die starke Frau wieder gebannt werden, um die gesellschaftliche Ordnung und Hierarchie nicht zu gefährden.

Tod der Penthesilea

Penthesilea und Hippolyte sind immer wieder Protagonistinnen in verschiedensten Stil- und Kulturepochen gewesen, etwa in einer spannenden Umdichtung des antiken Mythos’ bei Kleist. In dessen Theaterstück Penthesilea leben die Amazonen unter dem Diktat des Kriegsgottes, der hier nicht mehr Ares heißt, sondern Mars. Mars, der allmächtige, stets präsente Übervater, diktiert seinen Töchtern, um welche Männer sie im Zweikampf werben und später Sex haben dürfen. Keine der Frauen stellt dieses Gesetz in Frage. Bis auf Penthesilea. Allerdings nicht aus Trotz, sondern aus Leidenschaft. Penthesilea verliebt sich nämlich in den Achill und bricht mit der göttlich-väterlichen Ordnung, die selbstverständlich als eine gesellschaftliche zu verstehen ist. Nach den Gesetzen der klassischen Tragödie entscheidet Achill, der seinerseits in Penthesilea verliebt ist, sich  von ihr im Zweikampf besiegen zu lassen – um anschließend ihr Mann werden zu können. Penthesilea, von Mars in einen Rausch versetzt, tötet den Angebeteten und zerreißt ihn, gemeinsam mit ihren Hunden. Aus dem anschließenden Schlaf erwacht, schaudert sie über ihre Tat, sagt sich vom Gesetz des Vaters los  und folgt Achilles in den Tod.  Eine radikale Konsequenz aus der Überzeugung heraus, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann. Statt sich der gesellschaftlichen Norm zu beugen, stirbt Penthesilea lieber – und wird frei.

Den Erzählung von Hippolyte findet man im Nibelungenmythos wieder, in der Figur der Brünhild, die durch einen Trick unterworfen wird und dem König Gunther, der dies vollbrachte und sie zur Frau nimmt, bald über den Kopf wächst. Aus der Dynamik dieser Geschlechterungleichheit erwächst der Untergang eines ganzen Geschlechts. Noch aktueller tritt Hippolyte in Wonder Woman auf, als Mutter der Diana.

Wonder Woman ist selbstverständlich – genau wie Black Panther – generisches Produkt einer Filmindustrie, die Profit macht, indem sie aktuellen gesellschaftlichen Strömungen folgend mit Geschichten marginalisierter Gruppen (Frauen, Schwarze) aufwartet. Das fiktioniert am Box Office, verändert aber auch die Art und Weise, wie sich Identität herausbildet, hat man erst einmal das (vermeintlich) Fremde, das Weibliche oder das Afrikanische, in die Mitte der Pop-Polis geholt. Die Amazonenprinzessin als Superheldin, die sich ihren Lover selbst wählt, die Truppe anführt und en passant die Welt rettet, ist mehr als ein lapidares Zugeständnis an den Weltgeist. Im Comic-Imperium Marvel weiß man, dasses notwendig ist, der neuen selbstbewussten Weiblichkeit Tribut zu zollen, um kultursoziologisch relevant zu bleiben. Wonder Woman ist kein Zugeständnis einer intakten Männlichkeit, sondern eine genau dieser Männlichkeit verordnete weibliche CEO in der Führungsetage der Superheldenwelt. Dass diese ein Spiegelbild unserer Welt ist, sollte mittlerweile bekannt sein.  Am Beispiel der Amazone zeigt sich eine ideengeschichtliche Wende. In der Antike noch am äußersten Rand der Welt beheimatet, wandelt sie heute in der Mitte der Gesellschaft. Ist sie bei Achilles noch eine verbotene erotische Fantasie, treffen wir Penthesilea und Hippolyte auf heute ein Date.

Text: Ruben Donsbach 

Bilder: Getty Images

Verwandte Artikel