Die Pop-Art Nonne

vor 5 Jahren

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Wie Sister Corita Kent die Kunstwelt eroberte

Sie hat sich die soziale Revolution auf die Fahne geschrieben und kämpfte dafür mit psychedelischer Pop-Art. Dass Schwester Corita Kent eine Nonne war, kam ihr dabei zugute: In den 60er Jahren hörten ihr Tausende zu, ihre Reden glichen politischen Gottesdiensten. Dabei ist ihre Kunst unreligiös und verbindet Zitate aus Literatur und Philosophie mit Werbung und Songtexten in knalligen Siebdrucken. Es gibt keine Tabus; was passt, wird auch verwendet. Denn Corita kam es auf die Botschaft an. Und die war stets: Schützt die Schwächeren, hört auf mit der Gewalt und werdet vernünftig! Die konservative katholische Kirche empörte sich, doch die politische Bewegung der 68er liebte die charismatische Frau. Langsam nähert sich auch die Kunstwelt ihren Arbeiten an.

In Berlin wird aktuell eine Retrospektive in der Circle Culture Galerie gezeigt, kuratiert von Sasha Carrera und Aaron Rose. Carrera leitet das Corita Art Center in Los Angeles. Rose ist ein bekannter Regisseur und verkehrt eigentlich mit Künstlern wie Banksy oder Harmony Corine. Sie arbeiteten bereits für mehrere Ausstellungen, Filme und Vorträge zu Corita Kent zusammen. Für das Fräulein Magazin haben wir die Kuratoren in Berlin für ein Interview getroffen.

Fräulein Magazin: Wann sind Sie zum ersten Mal mit der Kunst von Schwester Corita Kent in Berührung gekommen? 

A.R.: Ein Freund hatte einige ihrer Arbeiten bei sich zu Hause an der Wand und ich dachte zuerst, sie stammen von einem neuen Künstler. Er sagte, dass sie aus den 60er Jahren und dazu von einer Nonne kommen und ich begann sofort zu recherchieren.

S.C.: 1985 hat sie die Love-Stamp, eine Briefmarke mit einem Regenbogen entworfen. Jedes Jahr wurde in New York an Silvester der Big Apple gezeigt, aber in Washington DC diese Briefmarke. Alle gingen also in die Stadt, um die Liebesmarke zu sehen. Außerdem habe ich mich dafür interessiert, wie man Kunst im Unterricht einsetzen kann. Sie hat sich ja viel damit beschäftigt und war in erster Linie Lehrerin. Jetzt verwalte ich ihren Nachlass seit über 13 Jahren; eine Riesen-Sammlung aus Briefen, Filmen, Fotos und Kunst.

War Corita Kent eher Künstlerin oder Aktivistin? 

S.C.: Sie war für beides bekannt. In katholischen Kreisen gab es eine große Gruppe von Menschen, die zu ihren Ansprachen gekommen sind. Es gab Happenings und dazu kamen auch Kunstsammler, die sich für sie interessierten. Sie zog immer eine Menge Leute an.

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Sister Corita: God Likes Me, art performance, 1965

Sie muss sehr charismatisch gewesen sein, wenn sie so viele Menschen um sich scharte.

S.C.: Sie war anziehend und eindrucksvoll. Ständig hat sie Geschenke bekommen. Ich habe gelesen, dass ihre Schüler sich sofort in sie verliebt haben und sie im Unterricht gezeichnet haben. Sie waren von ihr verzaubert. Wenn sie mit jemandem sprach, lag ihr ganzer Fokus auf dieser Person und erweckte den Eindruck, dass sie  gerade der wichtigste Mensch der Welt ist.

Wie würden Sie ihren Stil charakterisieren?

S.C.: In den frühen 60er Jahren war sie stark von der Farbfeld-Malerei beeinflusst. Aber es gab auch Arbeiten, die an Werbung und Straßenschilder erinnern.

Aaron Rose, Sie arbeiten eigentlich als Regisseur. Warum machen Sie jetzt eine Ausstellung?

A.R.: Wenn ich ein bisschen Zeit habe, liebe ich es, im dreidimensionalen Raum zu arbeiten, über die Hängung nachzudenken und Künstler zu zeigen.

Sie sind zentraler Part der Künstlerbewegung „Beautiful Losers“ und beschäftigen sich mit Do-it-Yourself-Künstlern und Streetart Ästhetik. Wie passt Sister Kent dazu? 

A.R.: Sie war zwar eine ausgebildete Künstlerin, doch ihre Art, selbst Drucke herzustellen, ist eher ein proletarisches Medium. Außerdem fühle ich mich von Rebellen angezogen. Es geht mir weniger um die Schönheit in der Kunst, als um ihre Kritik an der Gesellschaft. Diese Energie zieht mich an und insofern passt sie in die Reihe der Künstler, mit denen ich mich beschäftige. Sister Corita war ein rebellischer Geist.

Die einfachen Aussagen erinnern heute an Banksy. Würde sie heute Streetart machen?

A.R.: Ich sehe durchaus Parallelen. Wenn Stier Corita heute noch leben würde, wäre sie sicher angezogen von diesen Künstlern.

Wie hat diese Trennung zwischen politischen Inhalten und Kunst Ihre Rezeption berührt?

S.C.: Weil sie Nonne war, gab es keine Trennung zwischen Ihrem Glauben und den Inhalten ihrer Bilder. Politischer Aktivismus war Teil ihres Verständnisses von Glauben: Gleichheit aller Menschen, Gerechtigkeit und Frieden. Als sie 1968 von Los Angeles nach Boston gezogen ist begann ihr Leben als Privatperson und sie wurde introvertierter. Das ist auch in ihrer Kunst ablesbar. Sie wurde ruhiger und abstrakter. Das galt aber nicht für ihre aktivistische Arbeit.

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Sister Corita: Silkscreen print, 1960s

Worin erkennt man ihre religiöse Seite in der künstlerischen Arbeit?

S.C.: Sie sagte, dass alles Gute auch irgendwie religiös sei. Aber auch Literatur, Philosophie und Poesie. Es geht ihr um die Idee von Schönheit und Wahrheit und ein universelleres Verständnis davon. Der Rahmen, den die katholische Kirche vorgab, war ihr zu klein.

Kann man Ihre politischen Motive als spirituell motivierten Agit Prop bezeichnen?

S.C.: Ja, wir finden auch Elemente politischer Plakate, sowie Parallelen zum Pop-Art Design, Collagen und Siebdrucke. Sie verbindet Texte aus Beatles Songs mit Philosophie. In ihrer Kunst hat sie das zusammengebracht und ihren Schülern das Prinzip so erklärt: Lest die Zeitung, die Bibel, schaut Werbung und hört einen Song. Dann überlegt, wo das miteinander harmonieren kann.

Also machte sie Pop-Art politisch?

S.C.: Ja, mit einem ethischen Anspruch. Sie wusste, dass Werbeleute die besten Mittel haben, um die Menschen zu erreichen und hat ähnliche Mittel in ihrer Kunst verwendet.

Wären die Inhalte heute andere?

A.R.: Wir waren auch im Krieg. Deutschland hat Truppen, Amerika, England, Frankreich. In Afghanistan sind mehr Menschen gestorben, als in Vietnam. Also hat sich wenig verändert.

S.C.: Im Grunde haben wir ähnliche Probleme: Die Menschen kämpfen für Gleichheit und Bürgerrechte. Das Prinzip ihrer Kunst, verschiedene Elemente zu einer Arbeit zusammenzuführen und damit eine Aussage zu artikulieren, kann heute genauso angewendet werden. Darum werden zur Ausstellung auch Workshops angeboten, in denen man diese Technik erlernen kann.

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Sister Corita: Students of Corita, 1950s

Aber haben sich die Menschen nicht verändert? Es gibt in Amerika doch kaum noch Proteste.

A.R.: Die Menschen wurden ruhig gestellt durch Instagram und 3D-Superheldenfilme. Es liegt wohl auch an den Bildern, die in den Nachrichten gezeigt werden. Im Vietnamkrieg hat man oft die Opfer gesehen. Heute weiß man, wann man besser die Kameras ausschaltet. Das führt aber auch dazu, dass man sich weniger vorstellen kann, was in einem Krieg eigentlich passiert. Die normale Bevölkerung schaut nicht auf Wiki-Leaks.

Sister Kent begann in den sehr politischen 60er Jahren und starb in den eher ernüchterten 80er Jahren. Blieb sie bis zum Ende Aktivistin?

S.C.: Ich glaube, sie gab ihren Glauben daran nie auf, dass ein einziger Mensch die Welt ändern kann. Ihre letzte Kampagne richtete sich gegen Atomwaffen. Sie blieb also aktiv, erreichte aber nicht mehr so viele Menschen wie in den 60ern.

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Aber auch innerhalb ihrer Kirche hatte sie genug zu kämpfen, oder?

S.C.: Ja, etwa dafür, dass Nonnen eine öffentliche Meinung vertreten dürfen und dass sie nicht mehr den Habit tragen müssen, den es seit dem Mittelalter gib. Sie wollte tun, was ihr richtig schien, und nicht, was ihr jemand vorgab. Die katholische Kirche in Los Angeles war extrem konservativ und sie bekam extrem viel Widerstand von dieser Seite, besonders, als sie berühmt wurde. Sie wurde das Gesicht des Konflikts und die Rolle der Kirche.

Wie wurde sie öffentlich wahrgenommen? War sie Teil der politischen Debatte?

S.C.: Sie wurde eher als Nonne wahrgenommen, die Moderne Kunst macht. Also war ihre Person fast mehr im Fokus, als ihre Aussage.

Warum fühlt es sich für viele heute noch so so fremd an, dass eine Nonne Kunst macht?

A.R.: Weil die Ästhetik nicht zum Klischee passt, das man von einer Nonne im Kopf hat. Die Neonfarben und knalligen Bilder haben mich zuerst nicht an jemanden denken lassen, der einen vollen Habit trägt. Sie sind psychedelisch und hippieesk, weniger religiös.

S.C.: Weil ihre Kunst so modern war und das im Gegensatz zum konservativen Bild der Kirche stand. Außerdem gilt politische Kunst in der Kunst-Szene als naiv und kindlich. Das ändert sich gerade. Viele Leute suchen nach etwas, das aus einer Überzeugung heraus entstanden ist. Besonders in Kalifornien sucht man gerade nach Spiritualität. Und sie verstehen, dass man aktiv werden muss. Es ist fast so, als würden wir uns zu ihrer Kunst hin entwickeln.

Der moralische Anspruch passt also nicht recht zur heutigen Idee von Kunst, die nicht zweckgerichtet ist, sondern eher für sich steht.

A.R.: Das ist der Ansatz der Akademien. Besonders in Amerika wird man als Künstler kaum ernst genommen, wenn man keinen Abschluss in Bildender Kunst gemacht hat. Aber für mich war Kunst immer mit einer Anti-Haltung verbunden: anti-Establishment, anti-akademisch, Rock n’ Roll. Aber die Szene wird sich vermutlich bald wieder wandeln.

Interview und Beitrag: Maja Hoock

Alle Bildrechte:  Circle Culture Gallery

Info: Die Ausstellung „Let The Sun Shine in“ ist noch bis 10. Mai 2014 in der Berliner Circle Culture Gallery zu sehen.

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