Einem Alptraum entkommen

vor 5 Monaten

Gewalt in Beziehungen bleibt privat, dabei ist ihr Ausmaß entsetzlich.

Allein im Jahre 2017 (Statistiken für 2018 sind bisher noch nicht veröffentlicht) wurden in Deutschland mehr als 130.000 Fälle häuslicher Gewalt verzeichnet, rund 114.000 davon waren Opfer partnerschaftlicher Gewalt. Das sind jedoch nur die angezeigten Fälle, die Dunkelziffer dürfte also sogar noch höher sein.

Und es scheint, als bleibe die Tendenz vorerst steigend. Denn für die nötigen Schutzmaßnahmen sorgt der Staat bisher nicht. Deutschlands Frauenhäuser sind seit Jahren voll. Einen Platz zu bekommen, ist eine Sache des Glücks. Und das kann im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein. Wenn man mal darüber nachdenkt, flüchten ins Frauenhaus doch nur die Frauen, die keine andere Möglichkeit haben, für die es die einzige Chance ist, ihrem Albtraum zu entkommen. Wer kann, besorgt sich eine Wohnung oder ein Hotelzimmer, kommt bei Verwandten unter und geht nicht ins Frauenhaus. Dieses Problem stellt sich insbesondere für Frauen dar, die nicht aus Deutschland kommen. Oft fehlen ihnen diese Optionen, sie nehmen die Frauenhäuser überproportional in Anspruch. Hingegen sind in den vom BKA erfassten Delikten häuslicher Gewalt knapp 68 Prozent der Täter deutsche Staatsangehörige. Gewalt gegen Frauen findet also – konträr zu den Vorurteilen mancher Leute – nicht größtenteils durch Ausländer statt. Das nur so nebenbei.

Für die meisten Frauen ist ein Frauenhaus also nicht bloß ein Dach über dem Kopf, sondern der Start in ein neues Leben. Und der kostet leider sehr viel Geld: Die Sozialarbeiterinnen helfen den Frauen bei Bankangelegenheiten, begleiten sie zu Sorgerechtsprozessen, gehen mit ihnen alle notwendigen Schritte für den Neustart. Mit weit über tausend Euro pro Frau (und Kind) für Betreuung und Miete muss man rechnen – und das ohne Essen. Für Hartz IV Empfängerinnen werden die Kosten zwar übernommen. Viele der Bewerber sind dafür jedoch nicht qualifiziert und müssen entweder selbst zahlen oder werden abgelehnt, obwohl sie schutzbedürftig sind.

Aktuell gibt es in Deutschland insgesamt um die 6.800 Frauenhausplätze. Das ist nicht einmal ein Drittel der durch die Istanbul Konvention geforderten Anzahl, die dafür sorgen würde, dass immer ein freier Platz zur Verfügung stünde. Der Grund: Es gibt nicht genug Geld vom Staat. Und obwohl 2019 und 2020 rund 35 Millionen Euro dafür investiert werden sollen, ist das Problem nicht gelöst. Es ist wichtig, Frauenhäuser zuverlässig und langfristig zu finanzieren. Bisher sind Frauenhäuser nämlich noch eine freiwillige Leistung der Kommunen, d.h. eine Gemeinde muss kein Frauenhaus bereitstellen, wenn sie nicht möchte. Nur wenn der Staat sich also zu einer dauerhaften Finanzierung verpflichtet, kann er auch dauerhaft den Schutz seiner Frauen gewährleisten.

 

Text: Aylin Yavuz
Bild: Unsplash

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