Essay: Die Welt kann mich mal, ich hab ’ne Insel

vor 5 Jahren

3885496116_829c3616ba_o

Inseln sind nicht erst seit „Lost“ ein utopischer Rückzugsort, an dem man die Zivilisation einfach abstreifen kann. Für eine Robinsonade muss man aber nicht erst nach Hawaii. Sie beginnt zu Hause.

 Ich habe mir gestern Nacht eine Insel gekauft. Bei PrivateIslands.com, für fünf Millionen Euro, in der REM-Phase. Sie lag bei Sizilien und als ich aufwachte, war sie nicht mehr da. Es gab dort keine Politik, keinen Kapitalismus, keine Media-Markt-Werbung und keine Chips-Schmatzer. Allen Menschen, die Uli Hoeneß für einen Helden halten oder die Tagesschau für gute Nachrichten, wird der Fuß von einem Schwarm Piranhas abgekaut, bevor sie ihn an Land setzen können. Und weil an solchen Traumgebilden alles perfekt ist, ragen sie so selbstbewusst aus dem Wasser wie Elfenbeinbusen vom Leib schöner Frauen. Sie sind stolz, weil sie etwas Besseres sind als das Festland mit seinem hässlichen Alltag. Menschen gehen sich auf die Nerven. Da scheinen Inseln als isolierte Monolithen wie sandgewordene Intimität. Und Ursprung.

So kommt der latent rückwärtsgewandte Inseltraum auch vom Konflikt zwischen Hochkultur und dem Affen in uns. Robinson wurde nicht zufällig zu Zeiten der Aufklärung schiffbrüchig. Er landete auf einer Insel, die noch nicht mit Vernunft in Berührung gekommen ist und sein einziger Freund Freitag war das wilde Spiegelbild des Angespülten. Mit dem Stranden, das als Motiv in Literatur und Kino von Crusoe über Gilligan’s Island und Lost reicht, erlangen wir Zugang zur Natur – und zur Freiheit: Auf Inseln dürfen Gemeinschaften nach eigenen Regeln leben, rosa Pferde anbeten und anarchistisch gefärbten Marxismus mit polyamourösen Zügen erproben. Thomas Morus schrieb vor 500 Jahren von dem abgeschnittenen Ort „Utopia“, wo es weder Armut noch Neid gibt. Im 18. Jahrhundert sprach man viel von der sagenhaften Liebesinsel der Aphrodite namens Kythera, wo es nur Schönes und Gutes gebe. Und heute treibt im Houellebecq-Roman die „Möglichkeit einer Insel“ seine Figuren an, weiterzuleben – die Aussicht auf ein besseres Leben als Daseinsgrund.

Manchmal wird die abstrakte Idee der perfekten Lebensweise auch real: Lamu ist so ein manifestierter Inseltraum. Auf der zehn mal sechs Kilometer kleinen Insel vor Kenia leben seit Generationen Schriftsteller weit weg von Beton und Grau. Prinzessin Soraya von Persien suchte dort Ruhe und Hippies die Freiheit. Sie wussten: Durch die Isolation kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf den Geschmack einer am Lagerfeuer gebratenen Dorade. Regisseurin Frauke Finsterwalder ist dort hingezogen, weil es keine Autos gibt, und Christian Kracht, weil er auf Eseln reiten kann. Sicher dachte er beim Schreiben seines Kolonialisten-Romans „Imperium“ an das blaue Wasser mit den Hummern und die Mango-Palmen. „Lamu darf nicht verschwendet werden“, schrieb Hemingway, denn er wusste, dass man Inseln verteidigen muss. Sonst entwickeln sie einen Ballermann.

Man muss sich ja nicht gleich eine eigene Insel kaufen. Es reicht, sich ab und zu eine in der Stadt zu schaffen. Auch die eigene Wohnung kann einen retten, wenn man den Tag in der Stadt getrieben ist. Und dann gibt es Menschen, die Inseln sind, wenn sie aus der Masse, die einen nicht kümmert, herausragen wie unser ganz persönliches, psychologisch warmes Lamu. Man darf sich zwar nicht zu tief in die Idee des perfekten Ortes flüchten, denn Atlantis ist bekanntlich untergegangen, doch auf die Möglichkeit einer Insel sollte man nicht verzichten. Sie ist das Rettungsboot, auf dem man aufrecht treibend der Welt den Stinkefinger zeigen kann.

Dieser Artikel erschien in Fräulein Nr. 13

Text: Maja Hoock
Bild: Altes Diapositiv Robinson Crusoe (Whatsthatpicture) 

Verwandte Artikel

Es geht uns an den Kragen

Choker, Baretts und das Revival der 80s-Shoulders: Wir nehmen die Welt immer häufiger nur noch durch den vertikalen Aus­schnitt unseres …

Essay: Tyrannosaurus-Ex

Menschen sind besessen von Dinosauriern, weil sie der abstrakten Endlichkeit ein Gesicht geben. Dabei haben die Dinobilder, die wir kennen, …