Fotografin der Woche: Marina Jerkovic

vor 5 Jahren

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Jede Woche stellen wir an dieser Stelle eine junge Fotografin vor, die Talent, Hingabe und das Zeug zum Fräulein besitzt. Diese Woche: Marina Jerkovic.

Da ist dieses Mädchen, das sich mit ihrem Kinderschmuck  schön gemacht hat. „Love“ steht auf ihrem T-Shirt, vielleicht für ihre künftige große Liebe. Sieht man ihre möglichen Mütter und Großmütter auf den anderen Fotos, fragt man sich, ob ihr Gesicht auch mal so verbraucht, rot und furchig von der Sonne, der vielen Arbeit und der Ehe aussehen wird. Vielleicht ist dann einer der Jungen ihr Mann, die jetzt noch auf dem matschigen Platz Basketball spielen und mit bunten Trainingsanzügen wohl auch einmal so aussehen werden, wie der Alte, der auf einem anderen Bild Feuer auf seinem Grundstück macht und sich dabei sicher sein kann, dass sich darüber kein Nachbar beschweren wird.

Eben auch an solchen Kleinigkeiten, wie darüber nachzudenken, ob sich sich ein Nachbar beschwert, werden Unterschiede erstmal richtig deutlich. Denn in dieser Szenerie wäre das völlig absurd und der Gedanke kann einem eigentlich nur kommen, wenn man mal in Bayern gelebt hat, in Baden Württemberg, oder sogar in manchen Teilen Berlins. Eben da, wo die Probleme eher die der Wohlhabenden sind. Aber in Bosnien sicher nicht. Dort ist der Krieg zwar schon 20 Jahre her, aber arm sind die Leute immernoch, und vielleicht machen sie sich andere Gedanken.

Zumindest meint man das aus  Marina Jerkovics Fotos herauslesen zu können, wenn da eine ganz selbstverständlich ihre Wäsche im Brunnen wäscht oder eine andere mit Kopftuch so offen und herausfordernd in die Kamera schaut, als würde sie gleich laut loslachen. Gemeinsam haben ihre Protagonisten eine überaus anziehende Unverstelltheit. Etwas, das es in westlichen Großstädten weniger gibt und von deren Bewohnern genau darum idealisiert und verklärt wird. Christian Kracht schrieb etwa in „Faserland“: „Die Menschen dort sind geduldiger, stiller, und auch sehr viel schöner. Vielleicht wird der Osten den Westen überrollen mit seiner Ruhe und seinen Trainingsanzügen. Das wäre wirklich sehr beruhigend, denn ein lilafarbener Ostmensch ist mir immer noch eine Million Mal lieber als so ein Understatement-Westmensch, der irgendwo in einer Einkaufspassage Austern schlürft.“

Genau diese Zuneigung spürt man aus Marina Jerkovics Foto-Serie „Spionica“, die nach dem Dorf benannt ist, aus dem ihre Mutter stammt, obwohl sie eine ganz andere Intention verfolgt. Ihr geht es darum, die Nachkriegs-Gesellschaft zu dokumentieren: „Es ist sehr persönlich für mich“, sagt sie, „da ich durch den Krieg in den 90ern eine lange Zeit nicht mehr in dieses Land gereist bin. “ Seit ein paar Jahren fährt Marina Jerkovic, die 1986 in München geboren wurde und am Berliner Lette-Verein Fotodesign studierte,  wieder regelmäßig in das Land, und dokumentiert in Langzeitprojekten wie  „Der Krieg ist nicht vorbei“, wie es sich fast 20 Jahre nach Kriegsende entwickelt hat. Dabei wählt die Fotografin Ausschnitte so dicht und unruhig, dass man als Betrachter die Szenen mitzuerleben scheint. Es entsteht eine Nähe zu den Leuten, die Einsicht in ihre Wohnzimmer gewähren und mit denen man gerne eine Tasse schwarzen Kaffee trinken würde, der ohne Vanille-Flavour auskommt und dafür vielleicht ein bisschen nach dem Holzfeuer riecht, auf dem er gekocht wurde. So schafft sie völlig unaufdringlich ein Gespür für die Region, ihre Probleme, und nicht zuletzt auch ihre Vorzüge. Darum macht es wirklich Freude, ihre Bilder anzusehen.

Info: Marina Jerkovic ist Mitglied des Künstlerkollektivs Zimmer 117, arbeitet seit 2008 als Fotodesignerin und gewann den deutschen Jugend-Fotopreis mit einer Serie über Magersucht.

Beitrag: Maja Hoock (Bewerbungen an: maja.hoock@off-ones-rocker.eu)
Alle Bildrechte: Marina Jerkovic

Marina Jerkovic (Selbstportrait)

Marina Jerkovic (Selbstportrait)

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