Fräuleins Leseempfehlungen zum Wochenende

vor 4 Wochen

Passend zur neuen Fräulein-Ausgabe, geht es auch in unseren Weekendreads um fantastische Wunschwelten. Egal ob zeitgenössische Feministen-Utopie oder der Klassiker von Huxley, alle Romane dieser Liste liefern neue Denkanstöße für eine alternative Welt.

Schöne neue Welt

Ein grauer, gerade mal vierunddreißigstöckiger Klotz. Über dem Hauptportal der Hinweis CITY-BRÜTER UND KONDITIONIERUNGSCENTER LONDON und auf einem Wappen der Wahlspruch des Weltstaats: KOLLEKTIVITÄT, IDENTITÄT, STABILITÄT. Der große Raum im Erdgeschoss ging nach Norden. Kalt starrte, trotz des Sommers hinter den Scheiben, trotz der tropischen Hitze im Raum selbst, ein dürres, hartes Licht zu den Fenstern herein, suchte nach drapierten Gliederpuppen, nach der bleichen Gänsehaut erforschter Körper, fand aber nur Glas, Nickel und das kahl schimmernde Porzellan eines Labors. Der einen Wintrigkeit entsprach die andere. Die Overalls der Laborkräfte waren weiß, ihre Hände von fahlem, leichenfarbenem Gummi umschlossen. Das Licht war gefroren, tot, ein Gespenst. Nur den gelben Tuben der Mikroskope entlehnte es ein wenig Leben, legte sich Strich um satten Strich wie Butter auf die Röhren der langen, blanken Batterie auf den Labortischen. »Und dies«, sagte der Direktor, indem er die Tür aufstieß, »ist die Fertilisationsstation.« Von Aldous Huxley

 

Berge Meere und Giganten

Es lebte niemand mehr von denen, die den Krieg überstanden hatten, den man den Weltkrieg nannte. In die Gräber gestürzt waren die jungen Männer, die aus den Schlachten zurückkehrten, die Häuser übernahmen, welche die Toten hinterlassen hatten, in ihren Wagen fuhren, in ihren Ämtern dienten, den Sieg ausnutzten, die Niederlage überstanden. In die Gräber gestürzt die jungen Mädchen, die so schlank und blank über die Straßen gingen, als wäre nie ein Krieg zwischen Männern in Europa gewesen. In die Gräber gestürzt die Kinder dieser Männer und dieser Frauen, die heranwuchsen, an den Häusern bauten, die sie übernommen hatten, die Fabriken bevölkerten, die die Toten errichtet und stehen gelassen hatten. Von Alfred Döblin

 

Freie Geister

Es gab eine Mauer. Sie wirkte nicht wichtig. Sie bestand aus unbehauenem Stein und grobem Mörtel. Erwachsene konnten ohne weiteres über sie hinwegblicken, und selbst Kinder konnten hinüberklettern. Wo sie die Straße kreuzte, hatte sie kein Tor, sondern verkümmerte zu bloßer Geometrie, einer Linie, einer vorgestellten Grenze. Aber die Vorstellung war real. Sie war wichtig. Seit sieben Generationen hatte es nichts Wichtigeres auf der Welt gegeben als diese Mauer. Wie alle Mauern war sie zwiespältig, zweischneidig. Was innen war und was außen, hing davon ab, auf welcher Seite man sich befand. Von Ursula K. Le Guin

 

Die Optimierer

Samson ließ das Lenkrad los und blickte nach draußen. Vor seinem Fenster huschten Dutzende von Wahlplakaten vorbei. Große, kleine, bunt bedruckte mit Sprüchen und Portraitfotos. Doch irgendjemand hatte die Gesichter der Politiker verunstaltet. Die Augen waren nur noch schmierige schwarze Flecken, und aus den Mündern ragten spitze Zähne. Samson blinzelte zweimal und ließ die Augen im Uhrzeigersinn rotieren. Sofort erwachte seine Kommunikationslinse im linken Auge aus dem Standby und legte den halbtransparenten Schleier einer erweiterten Realität über sein Blickfeld. Von Theresa Hannig

 

Er, Sie und Es

Josh, Shiras Exmann, saß direkt vor ihr im Familiengericht, wo sie darauf warteten, dass das Urteil über dasSorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn Ari auf dem großen Bildschirm erschien. Joshs Dienstanzug war rückenfrei, weiß für den förmlichen Anlass, dem ihren sehr ähnlich. Eine Schweißperle rann die Rinne seiner Wirbelsäule hinab, und selbst jetzt noch fiel es ihr schwer, nicht sanft mit ihrem Schal darüberzustreichen, um sie zu trocknen. Der Yakamura-Stichen-Kuppeldom in der Wüste von Nebraska war selbstverständlich klimatisiert, sonst wären sie alle tot, aber jetzt war Winter, deshalb durfte die Temperatur nachmittags, wenn die Sonne den ungeheuren Kuppeldom um die Konzern-Enklave aufheizte, auf natürliche dreißig Grad steigen. Auch Shira hatte schweißfeuchte Hände, aber vor Nervosität. Sie war an einem natürlichen Ort aufgewachsen und hatte sich die Fähigkeit bewahrt, mehr Hitze zu ertragen als die meisten Y-S-Grützer. Immer wieder sagte sie sich, dass sie nichts zu befürchten hatte, doch ihr Magen war schmerzhaft verkrampft, und sie merkte, wie sie sich ständig die Lippen leckte.  Von Marge Piercy

 

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