Im Interview: Emilia Schüle

vor 6 Monaten

Bisher kannte man die deutsche Schauspielerin Emilia Schüle vor allem aus Jugendfilmen wie Freche Mädchen und Rock it!. Jetzt liefert sie uns in der neuen Amazon-Serie Treadstone als skrupellose KGB-Agentin vor allem eines: Pure Action! Mit Fräulein spricht sie über ihren Sprung ins Internationale Filmbusiness und ob wir alle in Zukunft genmanipuliert sein werden.

 

Fräulein: Treadstone erzählt die Entstehungsgeschichte des CIA Black Ops-Programms aus der Welt von Jason Bourne. Momentan ist das Bourne Identity Universum, in der Menschen zu übermenschlichen Killermaschinen erzogen werden, ja noch eine Dystopie. Du hattest aber durch deine Rolle die Möglichkeit zu erfahren, wie es wäre, in so einer Welt zu leben. Kannst du dir vorstellen, dass es mal so weit kommt, dass Gehirnwäschen – oder vielleicht sogar Genmanipulationen – in diesem Ausmaß möglich sind und diese Dystopie Realität wird?

Emilia Schüle: Na ich hoffe nicht! (lacht) Ich würde nicht unterschreiben, dass es Genmanipulationen sind, ich nenne das, was ich in der Serie mache, immer Brainwashing Control oder Mind Control Programme. Aber ich glaube das ist alles nur eine Filmfantasie. Ich hoffe, dass es niemals möglich ist,  Leute zu übermenschlichen Killermaschinen auszubilden und dann deren Erinnerung daran auszulöschen.

F: Wenn man im Allgemeinen über Zukunftsangst redet, wird das in unserer Gesellschaft oft als irrationale Angst abgetan, weil sie nicht messbar ist und man daher nie wissen kann, was passiert. Aber findest du auch, dass, wenn wir in Zukunft Gott spielen könnten, die Angst vor der Zukunft trotzdem unbegründet ist?

ES: Es gibt ja schon Wissenschaftler, die seit 15 Jahren ganz genau prognostizieren können, was passiert, wenn sich die Erde auf so und so viel Grad erwärmt und super konkret sagen können, was das alles für gesellschaftlich politische Folgen haben würde. Und, dass es weitere Flüchtlingswellen geben wird. In dem Sinne, auch jetzt, nach einem Jahr Greta Thunberg, habe ich schon auch Angst vor, sagen wir, 2050, wie unsere Welt da aussehen wird und die ganzen Kids die draußen demonstrieren ja scheinbar auch. Also…

F: Ja, da gebe ich dir Recht. Ich glaube wer da gar keine Angst verspürt, nicht mal minimal, lebt in einer Blase.

ES: (lacht)

F: Nochmal zu diesem Gen– und Brainwashing: Vor ein paar Tagen hat meine Mitbewohnerin sich für ein Stipendium beworben und in diesem Zuge einen Vortrag über PID gehalten, also Genmanipulationen, um beispielsweise Krankheiten bei Kindern vorzubeugen, wenn die Eltern krank sind, oder für taube Eltern, die wiederum wollen, dass auch ihr Kind taub wird.

ES: Oh, wow.

F: Wir haben dann auch über Vor- und Nachteile geredet, und ich kann mir gut vorstellen, dass das schnell ausartet, wenn man wirklich solche Eingriffe machen kann. Dass Leute das ausnutzen und es in einer Welt enden könnte, die vielleicht so ähnlich ist wie bei Treadstone. Dass Leute also beispielsweise so manipuliert werden, dass sie übermenschlich werden. Wie könnten deiner Meinung nach mögliche Konsequenzen aussehen?

ES: Ich glaube , dass gerade bereits Dinge passieren, die wir lange für unmöglich gehalten haben. Ich denke da an die Afd und einen beinahe Terroranschlag vor einer Synagoge in Halle. Man kann nur hoffen, dass das Recht und die ganzen gesellschaftlichen Institutionen weiter gut ihre Arbeit machen und die Ethik dahinter immer ganz oben steht. Sodass solche Dinge gar nicht erst passieren können. Ich habe neulich einen sehr beunruhigenden Podcast gehört, in dem es darum ging, Audiosequenzen bald einfach „photoshoppen“ zu können.  Sagen wir mal du hast eine zweiminütige Sprachaufnahme von mir. Bald wird es möglich sein, dass du einfach einen Text in deinen Computer eingibst und ihn auf Grundlage der Sprachaufnahme mit meiner Stimme vorlesen lassen kannst. Das wäre eigentlich der Anfang vom Ende.

F: Ja, auf jeden Fall.

ES: Dann wüsstest du nicht mehr, was wahr ist oder was Fake News sind.

F: Man könnte tatsächlich nicht mehr unterscheiden.

ES: Dann müsste man natürlich viel mehr mit Bildquellen arbeiten, damit wirklich jedes Video und jede Audiospur einen Quellenverweis hat.

F: Im Prinzip wäre dann die einzige ,,echte“ Quelle alles, was Live stattfindet.

ES: Ja. Es passieren echt viele Dinge, die wir nicht für möglich gehalten haben und die wir ja eigentlich auch gar nicht wollen. Ich weiß nicht, ob ich älter werde, aber ich finde es muss sich auch nicht mehr alles verändern.

F & ES: lachen

F: In Deutschland kann ich mir noch vorstellen, dass es vielleicht nicht so ausartet. Aber für Amerika oder Russland würde ich nicht meine Hand ins Feuer legen.

ES: Oder lass es auch China sein.

F: Ja, China natürlich auch. Meine Mitbewohnerin ist Asiatin und als wir über das Thema gesprochen haben hat sie zu mir gesagt, dass dort Mädchen ungewollt sind und auch extrem schlecht behandelt werden, weil sie angeblich…

ES: …weniger wert sind als Jungs.

F: Weniger wert sind als Jungs, ja. Und dann hat sie mir gesagt, sie fände es gar nicht so schlimm, wenn sich dort alle dafür entscheiden würden nur noch männliche Babys zu bekommen, weil den Mädchen dann die Hölle auf Erden erspart wird. Ich will das nicht generalisieren, dass alle asiatischen Mädchen schlecht behandelt werden, aber ihre Aussage hat mich wirklich geschockt.

ES: Ja, diese Ungerechtigkeit gibt es leider in so vielen Ländern , auf so vielen Kontinenten. Aber auch bei uns in Deutschland ist die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen noch ausbaufähig. Ich denke da beispielsweise an das Thema der Bezahlung, die immer noch nicht einheitlich ist – und wir befinden uns im Jahr 2020! Gerade in meiner Branche, nach achtjähriger Erfahrung als hauptberufliche Schauspielerin, spüre ich ganz deutlich, dass es Grenzen gibt, über die man als Frau einfach nicht hinauskommt. Natürlich ist jetzt durch #metoo auch ein sehr großer Fokus darauf gelegt worden, aber wenn man sich den Redeanteil von Männern und Frauen im Film anguckt, sieht man, dass der der Männer immer noch weitaus größer ist.

F: Ja. Ich glaube das merkt man in jedem Bereich, sei es im Sport, bei Schauspielern oder in der Gesellschaft generell. Ein Bewusstsein ist zwar da und die Öffentlichkeit tut so, als würde sie etwas dagegen tun, aber im Endeffekt passiert gar nichts.

ES: Die Strukturen verändern sich einfach nicht, oder  vielleicht nur bei einem kleinen Teil der Gesellschaft. Es kommt nur bei Leuten an, die sich wirklich damit auseinandersetzen und reflektieren.

F: Der Großteil macht das aber leider nicht, sondern macht lieber Witze wie ,,Frauen gehören in die Küche.“.

ES: Was absolut nicht lustig ist. Andersrum darf man aber natürlich auch nicht vergessen, dass es durchaus auch die Frauen gibt, die gerne Vollzeitmütter sind und deswegen wiederum auch nicht diskriminiert werden dürfen.

F: Ja, wenn sie es wollen.

ES: Genau. Nur, wenn sie es wollen. Frauen kämpfen schon so lange für ihre Rechte. Und dass man jetzt für etwas, was auch einfach Menschenrechte betrifft,  mit dem Wort ,,Feministin“ beschimpft wird, ist einfach nur unglaublich.

F: …was ja eigentlich kein Schimpfwort ist.

ES: Ja, das Wort sollte nicht negativ behaftet sein.

F: Beenden wir unseren kleinen Ausflug in den Feminismus. In Treadstone spielst du „Young Petra“, eine russische KGB Agentin, die ,,übermenschlichen Killermaschinen“ ausbildet. Im Vergleich zu deinen vorherigen Rollen ist diese ja etwas ganz neues und anderes. Wie hat dir das gefallen ?

ES: Sehr gut. Zum einen ist es schön, etwas internationales machen zu können und zum Anderen handelt es sich hierbei auch um ein Genre, das es so in Deutschland noch nicht gibt. Eine solche Action Serie würde es hier so einfach nicht geben. Deswegen ist es an deutschen Sets auch immer ein Struggle, wenn ein Stunt ansteht, weil immer zu wenig Zeit eingeplant wird. Das sieht man am Ende leider auch. Ich hatte in Treadstone drei Kämpfe, davon zwei sehr große und ich habe dafür 5 Wochen trainiert.

F: Und wie sah das Training für diese Kämpfe aus?

ES: Wir hatten ein riesiges Stunt-Team vor Ort, das sich jeden Schritt dieser Kämpfe genau ausdenkt und dir dann alles Tag für Tag beibringt. Ich bin immer besser geworden, sodass ich dann beim zweiten Kampf auch nur noch 3 Wochen gebraucht hab. Ich musste am Anfang erstmal die richtigen Bewegungen lernen. Ich komme eher aus dem Tanzbereich, in dem ich mich vor der Schauspielerei bewegt habe, weshalb ich anfangs immer wieder dafür kritisiert wurde, dass bei mir alles zu tänzerisch aussieht. Es sollte brutaler wirken. Aber letztendlich ist es wie eine Choreographie, die man lernt. Wobei es gleichzeitig aber auch mehr ist, als nur das. Das A und O ist natürlich, dass du einander nicht verletzt, aber es trotzdem wahnsinnig echt aussieht. Und das bedeutet wirklich üben, üben, üben und wenn du eben noch nicht vom Fach bist dauert das einfach eine Weile. Da trainiert man schon mal zwei mal täglich. Gerade die Männer mussten sich teilweise physisch verändern und noch zusätzlich trainieren. Das musste ich nicht. Und die Rolle war das totale Geschenk , sowas könnte man in Deutschland gar nicht machen, die Art und Weise, wie die arbeiten ist ganz anders. Es gibt nämlich eine Main Unit, wo du alle schauspielerischen Sachen drehst und dann eine Action Unit, wo du nur die Sachen aufnimmst, die mit Action zu tun haben.  Dadurch hast du viel mehr Zeit für die einzelnen Sachen. Das war ein cooles Erlebnis, eine tolle Erfahrung auf jeden Fall.

F: Ja, das kann ich mir vorstellen. Abgesehen davon, dass es natürlich Spaß macht so eine actionreiche Rolle zu spielen, hast du auch irgendwas von deiner Figur mitgenommen oder gelernt?

ES: Ich glaube das einzige, was ich wirklich cool fand, ist, dass ich eine KGB Agentin spiele, weil es etwas ganz neues für mich war  und ich mich zuvor noch nie mit dem Geheimdienst auseinandergesetzt habe.  Auch mal sowas physisches zu machen, war sehr reizvoll. Was ich an meiner Figur mag, ist, dass sie auf zwei Zeitebenen erzählt wird.

F: Cool. (lacht) Denkst du, dass die Serie auch ein Denkanstoß für unsere heutige Gesellschaft sein könnte, in der schon fast alles möglich ist und in Zukunft wahrscheinlich noch mehr möglich sein wird?

ES: Ganz ehrlich: das glaube ich nicht. Ich finde die Serie ist, ebenso wie die Bourne-Filme, auf denen das ganze basiert, eher unterhaltend, jedoch mit dem Anspruch wirklich gute Action zu zeigen. Ich weiß nicht ob du die Bourne-Filme kennst, aber die hatten ja auch nochmal eine ziemlich revolutionäre Kameraführung. Die haben die Verwendung einer Handkamera im Film und das raus – und reinzoomen praktisch erfunden. Und die Art und Weise wie da gekämpft wird finde ich viel spannender als, sagen wir mal, in einem Mission Impossible oder einem James Bond. Ich finde diese Bourne-Kampfart einfach genial und das zeichnet für mich die Serie aus. Wir haben in der Serie eher aggressive Folter gezeigt. Mit Isolation und Lautstärkebeschallung und in einem Wassertank gefangen sein und sowas. Einfach jemanden gehörig machen und brechen. Aber für mich ist die Serie eigentlich Unterhaltung, die Spaß machen soll. Natürlich ist sie sicher auch ein Denkanstoß, aber über eine Zukunft, die aussieht wie bei Treadstone, müssen wir uns meiner Meinung nach keine Gedanken machen.

F: Wo wir gerade über Zukunft reden: Was sind deine Vorsätze für 2020?

ES: Witzigerweise hatte ich noch nie so viele Vorsätze. Ich habe letztes Jahr mit guten Vorsätzen angefangen( lacht) und ich glaube die führe ich einfach fort. Ich hab nämlich seit 2019 angefangen digital zu detoxen vier Tage die Woche, indem ich keine sozialen Netzwerke nutze. Ich finde das total toll, weil ich gemerkt habe, dass ich viel mehr bei mir bin und plötzlich viel mehr Zeit für mich habe und anfange, andere Sachen zu machen.  Unter Anderem mehr Nachrichten lesen. Ich habe außerdem den Vorsatz jeden Tag 50 Seiten zu lesen.

F: Was liest du gerade ?

ES: Ich hab gerade The Chronology Of Water angefangen, weil Kristen Stewart dieses Buch wohl verfilmen wird als Regiesseurin und meinte es wäre das krasseste Buch gewesen, das sie je gelesen hätte. Es ist tatsächlich sehr intensiv.

F:  Interessant. Du darfst unseren Leserinnen und Lesern einen Satz mitgeben für das neue Jahr.

ES: Fliegt weniger.

F: Und was sind deine fünf Songs, die in jede 2020 Playlist gehören?

ES: Auf jeden Fall It‘s love von get well soon, dann Tommy und Hinter klugen Sätzen von Annenmaykantereit und Naeem von Bon Iver und Another One (Instrumental) von Lambert geht auch immer.

F: Dann danke ich dir für das tolle Interview.

ES: Ich danke dir.

 

Interview: Alina Chiara Wenk

Bilder: Amazon Corporate

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